Venezuela: Rückzug von Konzernen zu Lande und in der Luft

Zahlreiche multinationale Unternehmen ziehen aus Venezuela ab. Fluglinien wie United Airlines fliegen das Land erst gar nicht mehr an. Foto: skinnylawyer / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)
Zahlreiche multinationale Unternehmen ziehen aus Venezuela ab. Fluglinien wie United Airlines fliegen das Land erst gar nicht mehr an.
Foto: skinnylawyer / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Das wirtschaftliche Panorama Venezuelas verdunkelt sich zusehends. Die ohnehin prekäre Situation bei der Versorgung von Grundnahrungsmitteln und Arzneimitteln verschärft sich nach der Ankündigung mehrerer global aufgestellter Unternehmen, ihren Rückzug vom venezolanischen Markt einzuleiten: Pirelli, Colgate-Palmolive, General Motors. Ihren Schritt begründen die Konzerne mit mangelnden Rohstoffen. Zu den betroffenen Global Playern zählt auch United Airlines.

Gastbeitrag von Michael Johnschwage

Arbeitsminister Francisco Torrealba beeilte sich zu erklären, man habe Kontakte zu den Mitarbeitern von General Motors und Colgate-Palmolive aufgenommen in der Absicht, „die Kontinuität in beiden Unternehmen sicherzustellen“. Ferner erfuhren Belegschaft und Öffentlichkeit, die bolivarische Regierung verfolge keine Pläne, die Betriebe besetzen zu lassen oder gar zu enteignen.

Davon unbeeindruckt verlautbart die GM-Unternehmensleitung, die getroffene Entscheidung, den Betrieb einzustellen, sei unumkehrbar.

Airlines fliegen nicht mehr nach Venezuela

Parallel dazu wird es am Himmel über Caracas immer übersichtlicher. Per Ultimo Juni 2017 wird United Airlines den täglichen Dienst von Houston in die venezolanische Kapitale suspendieren. Insgesamt haben 15 internationale Airlines ihre Verbindungen von und nach Venezuela aufgegeben. Unter ihnen auch Lufthansa, die ihren Dienst zwischen Frankfurt und Caracas vor Jahresfrist „bis auf Weiteres“ ausgesetzt hat. Dieser Schritt ist nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Administration von Präsident Nicolás Maduro Verbindlichkeiten gegenüber dem Luftfahrtsektor in Höhe von mehr als vier Milliarden US-Dollar kumuliert hat.

Nachdem auch die Flotte der staatlichen Airline CONVIASA am Boden bleibt (unzensuriert berichtete), droht das Land auch verkehrslogistisch in die Isolation abzudriften, Tendenz steigend.

Militär und Demonstranten stehen einander seit Monaten gegenüber

Diese Fehlleistungen bedeuten der breiten Masse der Venezolaner kein vorrangiges Problem. Sie treibt einzig die Sorge um, sich im täglichen Überlebenskampf zu behaupten. Seit mehr als zwei Monaten stehen einander Bevölkerung und Polizeieinheiten, verstärkt um Militärverbände der Guardia Nacional Bolivariana, bei Protestdemonstrationen feindselig gegenüber. Die Zusammenstöße eskalieren regelmäßig und gewalttätige Übergriffe der Exekutive sind inzwischen notorisch.

Verteidigungsminister fordert Einhaltung der Menschenrechte

Die Konfrontation hat Dimensionen angenommen, dass sich Verteidigungsminister Vladimir Padrino López genötigt sah einzugreifen. Im staatlichen TV-Sender VTV richtet er einen scharf formulierten Appell an seine Uniformierten. Er werde vorauseilende, eigenmächtige Alleingänge einzelner Untergebener unter keinen Umständen dulden und fordert die gesamte Truppe unmissverständlich auf, die Menschenrechte zu respektieren.

Ein seit geraumer Zeit zunächst unter der Oberfläche schwelender Konflikt ist zu einer schwerwiegenden Krise ausgeufert. Es bleibt zu hoffen, dass verantwortungsbewusste Patrioten die Oberhand zurückgewinnen und Maßnahmen ergreifen, den tiefen Riss, der die venezolanische Gesellschaft spaltet, zu überwinden.

Michael Johnschwager, 1949 in Hamburg geboren, war als Außenhandelskaufmann von 1980 bis 1990 in Kolumbien, Venezuela und Honduras privatwirtschaftlich, sowie in Entwicklungsprojekten in Costa Rica in beratender Funktion im Einsatz. Seit 2004 ist Johnschwager als fremdsprachlicher Dozent und Autor mit Schwerpunkt Lateinamerika freiberuflich tätig.

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