Schweden spart beim kulturellen Erbe: Archäologische Funde werden oft weggeworfen

Archäologische Ausgrabung in Schweden: Der Fund-Wegwerf-Skandal wird medial kaum beachtet. Foto: Ulf Bodin / flickr (CC BY 2.0)
Archäologische Ausgrabung in Schweden: Der Fund-Wegwerf-Skandal wird medial kaum beachtet.
Foto: Ulf Bodin / flickr (CC BY 2.0)
7. September 2017 - 10:08

Das eigene kulturelle Erbe ist in Schweden anscheinend wenig wert. Dies macht sich vor allem in der Archäologie bemerkbar. Neue Funde werden häufig weggeworfen, da die notwendigen Mittel für eine Konservierung nicht bereitgestellt werden. Dabei handelt es sich keineswegs um unbedeutende Funde. Diese Situation schilderte Johan Runer, Archäologe beim Stockholmer Landesmuseum, anschaulich in der Zeitschrift Populär Arkeologi in der Ausgabe vom Dezember 2016:

Stellen Sie sich eine Untersuchung von zwei Gräbern aus der jüngeren Eisenzeit [375 - 550 n. Chr., Anm.] vor. Die Archäologen finden zwei Bronzespangen, einen sehr rostigen Thorshammer-Ring, zwei Eisenmesser, einen kleinen, rostigen Eisenklumpen und vier Eisenstifte. Sie finden auch einen fragmentierten Holzgegenstand und eine Lederschnur in sehr schlechtem Zustand. Insgesamt also zehn Metallgegenstände und zwei Gegenstände aus organischem Material. Im Budget sind aber nur Mittel für die Konservierung von zwei Metallgegenständen vorgesehen [...].

Dies bedeutet, dass alles außer den zwei Bronzespangen weggeworfen wird. Runer kommentiert dies folgendermaßen: 

Die Bronzespangen sind es sicher wert, aufgehoben zu werden. Aber der Thorshammer-Ring könnte eine wichtige Information darüber enthalten, wie die Sitte mit solchen Ringen aufgekommen ist. Der Holzgegenstand könnte eine einzigartige Skulptur sein. Die Lederschnur könnte aus einem besonderen Leder hergestellt worden sein [...].

Beauftragte Grabungsfirmen senken Kosten durch Wegwerfen

Diese beispielhafte Schilderung bezieht sich auf Grabungen, die in staatlichem Auftrag von privaten Firmen durchgeführt werden. Diese Firmen versuchen, sich gegenseitig im Preis zu drücken, indem sie die Kosten für die Konservierung von Funden möglichst niedrig ansetzen. Der staatliche Auftraggeber akzeptiert diese Art der Kostensenkung offensichtlich bereitwillig, ja er fordert sie sogar, wie Runer weiter ausführt:

Oft, besonders bei kleineren Untersuchungen, lautet die Anweisung der Landesregierung, so wenig Funde wie möglich aufzuheben. Formulierungen wie „Es werden keine Funde aufgehoben“ oder „Die Fundeinsammlung wird äußerst restriktiv sein“ sind eher die Regel in den Direktiven. Auch bei den größeren Untersuchungen wird wesentlich mehr weggeworfen als früher.

Funde werden eilig noch vor Ort weggeworfen

Das Wegwerfen der Funde geschieht direkt am Fundort, für gewöhnlich wird es von einer einzelnen Person durchgeführt, die schnell entscheiden muss, was aufgehoben wird. In der Regel wird das weggeworfen, was man nicht kennt. Manchmal kommt in letzter Sekunde ein Fachmann vorbei und erkennt, dass der Fund ungewöhnlich oder einzigartig ist, wodurch er gerade noch vor der Vernichtung bewahrt wird.

Artikel blieb ein halbes Jahr ohne jede Resonanz

Diese Zustände scheinen in Schweden kaum jemanden zu stören. Es dauerte länger als ein halbes Jahr, bis die Zeitung Svenska Dagbladet im August 2017 einen Artikel darüber veröffentlichte. Darin kommt erneut Johan Runer zu Wort, der diesmal etwas schärfer formuliert:

Wir werfen unsere Geschichte weg! [...] Es ist völlig verrückt, aber diese Branche hat die Marktkrankheit bekommen. Wir tun so, als würden wir Geschäfte machen.

Denen, die diese Zustände nicht glauben wollen, empfiehlt Runer, den Bericht über eine Ausgrabung bei Lund von 2015 zu studieren. Ausgegraben wurde ein Siedlungsplatz aus der Bronze- und Eisenzeit. Aus der Fundtabelle im Anhang des Berichts geht hervor, was alles weggeworfen wurde: Kupfermünzen, Knöpfe, Beschläge, ein Messer, ein Blech mit Ornamenten sowie mehrere unidentifizierte Gegenstände. Runer berichtet auch über eine andere Ausgrabung in Molnby, nördlich von Stockholm, bei der jahrtausendealte Amulettringe weggeworfen worden seien.

Stellungnahme von staatlicher Seite

Das zuständige Amt hat eine Stellungnahme zu den Vorwürfen Johan Runers in Bezug auf diese zwei Ausgrabungen abgegeben. Bei der ersten Ausgrabung seien demnach vor allem Funde aus dem 18. und 19. Jahrhundert weggeworfen worden. Für die Ausgrabung in Molnby wird bedauert, dass wichtige Gegenstände vernichtet worden seien, inzwischen seien die Vorschriften aber geändert worden und es sei nun möglich, das Budget für die Fundkonservierung gesondert festzulegen, wodurch dieses nicht mehr dem Preisdruck unterliege.

Ob dies in Zukunft auch tatsächlich so praktiziert wird, bleibt in dieser Stellungnahme offen. Das Grundproblem, dass die staatlichen Stellen zu wenig Mittel zur Verfügung haben, wird nicht angesprochen. Laut Johan Runer geben diese ja selbst die Richtlinie vor, dass möglichst wenige Funde aufgehoben werden sollen.

Funde werden nicht verkauft, um „Plünderer nicht zu ermuntern“

Johan Runer erklärt in dem Artikel im Svenska Dagbladet auch, warum die Funde weggeworfen und nicht etwa verkauft oder verschenkt werden: Man wolle keinen Markt für archäologische Funde schaffen, da dies „Plünderer mit Metalldetektoren“ ermuntern würde.

Resonanz überregionaler Medien bleibt weiterhin aus

Wie schon der Artikel in der Fachzeitschrift vom Dezember 2016 blieb auch der Artikel im Svenska Dagbladet vom August 2017 ohne größere Resonanz. Neben einigen Blogs haben nur das Internetmedium nyheteridag und ein Lokalblatt aus Norrköping die Geschichte aufgegriffen.

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