Salafisten, hier in Marokko, gelten als harter Kern des fundamentalistischen Islam. Ihre Bewegung formierte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts.

Bild: Magharebia / Wikimedia (CC BY 2.0)
Islamismus – Die Herausforderung des Westens

Berlin, Paris, London, Madrid – kein größerer Staat Westeuropas wurde bisher vom islamistischen Terror verschont. In regelmäßigen Abständen werden von der Polizei islamistische Zirkel und Zellen zerschlagen, in ebenso regelmäßigen Abständen schlagen islamistische Attentäter wieder zu. In Anlehnung an Karl Marx könnte man sagen: Es geht ein Gespenst um in Europa – das Gespenst des Islamismus.

Eine Analogie die angesichts des totalitären Anspruchs islamistischer Gruppen durchaus berechtigt scheint. Und nicht nur in Europa geht dieses Gespenst um. Die gesamte islamische Welt wird gerade in letzter Zeit mehr und mehr von Islamisten geprägt – sei es als Staatenlenker wie in Saudi-Arabien oder dem Iran, sei es als politische Kraft wie in Pakistan oder als bewaffnete Militante unter dem Banner des Islam wie der Islamische Staat.

Islamismus – neuer Name für eine alte Bewegung?

Dabei ist oftmals unklar, mit wem wir es dabei eigentlich zu tun haben. Begriffe wie Islamisten, Fundamentalisten, Salafisten, Dschihadisten oder Ultrakonservative werden synonym für Männer mit langen Bärten, einem frühmittelalterlichen Weltbild und dem Hang zur Militanz verwendet. Doch sobald es um eine nähere Definition der Begrifflichkeiten geht, scheiden sich die Geister.

Gibt man den Begriff „Islamismus“ im Internet ein, findet man ganz unterschiedliche Erklärungen. Staatliche, der politischen Korrektheit verpflichtete Seiten definieren „Islamismus“ als „Missbrauch der Religion des Islam für politische Ziele und Zwecke“ (Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschland), die „nur eine kleine Minderheit der Muslime sind“ (Politiklexikon für junge Leute, Österreich). Der Islamismus sei „keine Religion, sondern eine extreme politische Bewegung“. Demgegenüber stehen Kritiker, denen zu Folge  „Islam und Islamismus nicht voneinander zu trennen“ seien (Islamwissenschaftler Tilman Nagel), der Islamismus also nur eine besonders orthodoxe Ausprägung des Islam sei. Der Publizist Hendryk Broder sieht den Islam insgesamt als „totalitäre Ideologie“ mit der „Rechtfertigung von Gewalt in höherem Auftrag“.

Bestrebung zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik

Einigkeit besteht einzig im politischen, gesellschaftsverändernden Anspruch des Islamismus. Der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker definiert Islamismus als „Bestrebung zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamische angesehen werden“. Das eröffnet ein sehr weites Feld, je nachdem, welche Werte als islamisch angesehen werden.

Dieses weite Feld reicht von militanten Dschihadisten wie dem IS oder Al-Qaida über islamistische Staaten wie Saudi-Arabien, islamistischen Massenbewegungen wie der Muslimbruderschaft, konservativ-islamistische Parteien wie der türkischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) bis zu Islamisten, die eine moderne Neuinterpretation des Koran fordern.

Neuer Begriff, aber kein neues Phänomen

Der Begriff „Islamismus“ ist dabei gerade im deutschen Sprachraum vergleichsweise neu, hat aber inzwischen den des „islamischen Fundamentalismus“ praktisch ersetzt. Weder in Albert Houranis „Geschichte der arabischen Völker“ aus dem Jahr 1991 noch in der vierten Auflage des Standardwerk zum Islam „Der Islam in der Gegenwart“ aus dem Jahr 1996 ist der Begriff im Register zu finden, sondern erscheint nur an wenigen Stellen unter Anführungszeichen gesetzt. In der Neuauflage von „Islam in der Gegenwart“ aus dem Jahr 2005 sind dagegen unzählige Verweise zum Islamismus zu finden – ohne Anführungszeichen. Dies könnte zu der irrigen Annahme führen, der Islamismus wäre ein besonders neues Phänomen, das zu Beginn des neuen Jahrtausends plötzlich mit einem Donnerschlag auf der Bühne der Weltgeschichte erschienen ist.

Islamismus – ein Phänomen mit bewegter Geschichte

Der Islamismus hat besonders in jüngerer Zeit eine durchaus bewegte Geschichte von Siegen und Niederlagen, Aufstiegen und Niedergängen. Die Anfänge des modernen Islamismus liegen im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Deobandi-Bewegung im damaligen Britisch-Indien sowie in den Vordenkern der Salafiya im Nahen Osten. Beiden gemeinsam waren ihre Ziele einer Erneuerung des Islam und die Überwindung seiner Zersplitterung sowie der Widerstand gegen die vorherrschenden christlichen Mächte Europas.

Muslimbruderschaft als Massenbewegung

Mit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 entwickelte sich bald eine machtvolle Massenbewegung in vielen Staaten, die auch heute noch zu den einflussreichsten und mitgliederstärksten islamistischen Bewegungen zählt. 1932 wurde mit Saudi-Arabien der erste dezidiert islamistische Staat gegründet.

Dis islamische Revolution im Iran und ihre Folgen

Nachdem die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen des Nationalismus gestanden war, erlebten islamistische Bewegungen ab den 1970er Jahren einen starken Aufschwung. 1979 traten islamistische Bewegungen mit einem doppelten Paukenschlag ins Licht der Weltöffentlichkeit. Nach der Revolution im Iran und der Ausrufung der Islamischen Republik besetzten militante Islamisten die große Moschee in Mekka. 1981 folgte die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar as Sadat, 1982 probten sie in Syrien den Aufstand gegen Präsident Hafiz al Assad. Während die Aufstände in Ägypten und Syrien fehlschlugen und massive Repressionen gegen die Militanten nach sich zogen, fanden islamistische Kämpfer ein neues Betätigungsfeld in Afghanistan im Kampf gegen die Sowjets.

Bürgerkrieg in Algerien bringt Terror nach Europa

Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Algerien zwischen der Regierung und islamistischen Aufständischen Anfang der 1990er Jahre schwappte der islamistische Terror erstmals auch auf Europa über. Im Zuge des Bürgerkrieges in Bosnien wurden auch dort islamistische Kämpfer aktiv.

Die Terrorwelle der Organisation Al-Qaida erreichte mit den Anschlägen in den USA (9/11) sowie Anschlägen in europäischen Hauptstädten in den frühen 2000er Jahren ihren Höhepunkt.

Islamisten übernehmen die Macht

Neuen Schwung erhielten islamistische Gruppen durch die Bürgerkriege im Irak und in Syrien sowie den sogenannten Arabischen Frühling. Den vorläufigen Höhepunkt bildeten die kurzzeitige Machtübernahme der Muslimbrüder in Ägypten sowie die zeitweise Etablierung des Islamischen Staates als eigene Macht.

Doch auch in Europa ist – selbst abseits vielbeachteter Terroranschläge – das Wirken islamistischer Gruppen zu beobachten. Bärtige Männer verteilen Koran, verschleierte Frauen gehören zum Stadtbild. In Teilen europäischer Großstädte versuchen islamistische Gruppen islamische Rechtsnormen durchzusetzen, salafistische Prediger bemühen sich nicht unerfolgreich um Missionierung.

Unzensuriert begibt sich auf Spurensuche

Kann man angesichts dieser kurzen Bilanz von einer großen Bewegung sprechen, die den Westen und dessen vielbeschworene Werte herausfordert oder sind es doch nur Splittergruppen, denen zu viel Aufmerksamkeit zu Teil wird? Auf der Suche nach Antworten begibt sich unzensuriert ab sofort in wöchentlich erscheinenden Artikeln auf eine Spurensuche in der Geschichte des Islamismus. Bewegungen und prägende Ereignisse sollen dargestellt werden, um dem Leser einen Einblick und ein besseres Verständnis dieses Phänomens zu bieten.

Am 3. November 2017 lesen Sie: Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

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