Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus | Unzensuriert.at

Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

Die Charidschiten sagten sich im Zurn im Jahr 657 von Kalif Ali los und führten einen Kampf gegen Ungläubige, die sie auch unter den Muslimen zahlreich erkannten. Foto: www.ezsoftech.com / Wikimedia (CC BY 1.0)
Die Charidschiten sagten sich im Zurn im Jahr 657 von Kalif Ali los und führten einen Kampf gegen Ungläubige, die sie auch unter den Muslimen zahlreich erkannten.
Foto: www.ezsoftech.com / Wikimedia (CC BY 1.0)
3. November 2017 - 15:28

Die Gruppe der Charidschiten ist außerhalb der islamischen Welt wohl nur in Fachkreisen bekannt. In der Frühzeit des Islam waren die Charidschiten jedoch neben den Sunniten und den Schiiten die dritte große Gruppe. Ihre strengen, puritanischen Ansichten und ihr Vorgehen gegen alle „Ungläubigen“ – ein Begriff den sie extrem weit fassten – machen sie zur ersten Gruppe, die einen militanten Islamismus vertraten. Vieles an ihrer Geschichte erinnert an nachfolgende islamistische Strömungen wie die Wahhabiten oder den Islamischen Staat. Den Charidschiten widmet sich die unzensuriert-Serie über die Geschichte des Islamismus heute.

Der Auszug der Charidschiten

Bereits in den ersten dreißig Jahren nach Mohammeds Tod erlebte der Islam eine rasante Expansion.Ausgehend von ihren innerarabischen Stammesgebieten hatten die muslimischen Beduinen Persien, den Irak, Syrien und Ägypten erobert. Während die ersten beiden Kalifen – Nachfolger Mohammeds – anerkannte Persönlichkeiten und fähige Militärführer waren, entsprach der dritte Kalif Uthman diesem Bild wenig. Seine schwache Herrschaft, die von Korruption und eklatanter Bevorzugung der Mitglieder seines Stammes der Umayya geprägt war, wurde bald in Zweifel gezogen.

656 wurde Uthman ermordet. Ali, der Schwiegersohn des Mohammeds wurde sein Nachfolger. Alis Herrschaft stand jedoch von Anfang an auf schwachen Beinen, er sah sich einer mächtigen Opposition insbesondere aus den Reihen der Umayya gegenüber. 657 standen seine Anhänger – die Shi’at (Partei) Alis, aus der später die Schiiten entstanden -  jenen des umayyadischen Statthalters von Syrien, Muawiya in der Schlacht von Siffin gegenüber. Obwohl das Schlachtenglück auf Seiten Alis war, stimmte er einem Schiedsgericht zu, um den Streit zwischen ihm und Muawiya zu schlichten. Aus Zorn darüber verließ ein Teil von Alis Anhängern dessen Lager und versagte ihm den Gehorsam. Aus diesem Auszug leitet sich der Name der Charidschiten (charadscha – sich absondern) ab.

Die radikale Ideologie der Charidschiten

Der Vorwurf der Charidschiten, die bisher zu seinen treuesten Angängern zählten, gegen Ali war weniger dessen Verhandlungsbereitschaft angesichts des bevorstehenden Sieges. Ihre Kritik war grundsätzlicher, radikaler und verweist bereits auf das Gedankengut späterer Islamisten. Es sei undenkbar, einen Urteilsspruch von Menschen über das Urteil Gottes, als welches der Ausgang der Schlacht gesehen wurde, zu stellen. Dementsprechend war ihre dem Koran entlehnte Losung: „Das Urteil steht allein Gott zu!“ Außerdem habe Ali mit der Einstellung der Kämpfe gegen Vorschriften des Korans, die den Kampf gegen Ungläubige verschreiben, verstoßen.

Gegenüber den anderen muslimischen Gruppen vertraten die Charidschiten ein Ideal der absoluten Gleichheit aller Gläubigen, was sich auch in ihrem Anspruch an den Kalifen äußerte: Der beste Muslim solle Anführer sein, auch wenn er der Sohn eines Sklaven war. Entspräche seine Herrschaft jedoch nicht mehr den Vorschriften des Korans, so sei der Anführer abzusetzen. Daraus resultierte nicht nur das Recht sondern sogar die Pflicht, gegen einen unrechtmäßigen Anführer zu rebellieren. Diese Denkweise stand der Kalifatsidee der Umayyaden entgegen, die sich als von Gott  vorherbestimmt sahen.

Kampf gegen Ungläubige und ungerechte Herrscher

Zu den Gläubigen sollten jedoch nur jene zählen, die die Vorschriften des Korans genau beachteten und dem Vorbild Mohammeds strikt folgten. In der Praxis sahen die Charidschiten nur sich selbst als wahre Gläubige, alle anderen als Kufr (Ungläubige) an.

Ungerechte Herrscher mussten ebenso wie Ungläubige bekämpft werden. Das Resultat dieser Einstellung war ein grausamer Dschihad der Charidschiten im südlichen Irak und in Arabistan im heutigen Iran gegen „Ungläubige“. Dabei wurden ganze Dörfer von ihnen ausgelöscht, Pardon gab es weder für Männer, Frauen oder Kinder. Auch der Kalif Ali, dem sie einst gedient hatten, fiel einem Mordanschlag der Charidschiten zum Opfer.

Nachwirkungen der Charidschiten

Den Charidschiten war kein Erfolg beschieden, mit Ausnahme kleiner Gruppen wurden sie bereits im Mittelalter nahezu gänzlich ausgelöscht, allein die Gemeinschaft der Ibaditen als gemäßigte Strömung hat bis heute überlebt.

Auch wenn die Charidschiten als Gruppe seit Jahrhunderten nicht mehr existent ist, so sind Parallelen zu existenten islamistischen Strömungen nicht zu übersehen.

Bereits nach der ersten Niederlage des Wahhabismus im frühen 19. Jahrhundert vergleicht der islamische Rechtsgelehrte die Wahhabiten mit den Charidschiten. Dabei verurteilt er insbesondere ihre Vorgehensweise, andere Muslime als Polytheisten (Muschrik) zu bezeichnen. Dazu passt auch das Massaker, das wahhabitische Kämpfer 1802 in Kerbela an betenden Schiiten anrichteten.

Vergleich mit militanten Islamisten von heute

Der Vergleich zwischen militanten Islamisten und den Charidschiten wird gerade auch in Ägypten immer wieder bemüht. So wurde die ägyptische, islamistische Gruppe „Gemeinschaft der Muslime“ von islamischen Gelehrten der Al Azhar Moschee – einem der bedeutendsten islamischen Zentren weltweit – als Charidschiten bezeichnet. Auch hier stand der Vorwurf, andere Muslime des Unglaubens zu bezichtigen, im Zentrum der Kritik. Der dafür gebräuchliche Ausdruck „takfiri“ (der, der andere Muslime als Ungläubige bezeichnet) wird inzwischen immer wieder für derartige Gruppen verwendet.

Vorliebe für das Märtyrertum

Die Tendenz selbst andere Muslime als Ungläubige anzusehen, ist aber nicht das einzige gemeinsame Merkmal von Charidschiten und modernen Islamisten. Neben dem bewaffneten Kampf des Dschihad sind auch stark ausgeprägter Egalitarismus sowie die Tendenz zur Rebellion gegen einen ungerechten, unislamischen Herrscher typisch gerade für besonders militante Gruppen. Nach dem erfolgreichen Attentat auf den ägyptischen Präsidenten rief einer seiner islamistischen Mörder dementsprechend, er habe den Pharao getötet. Bemerkenswert ist auch die Vorliebe der Charidschiten für das Märtyrertum, das in zahlreichen Schriften als Tod für Gott verherrlicht wird.

Sowohl von ihrer Ideologie als auch von ihrer Vorgehensweise zeichneten die Charidschiten damit eine erste Blaupause für den militanten Islamismus.

Am 10. November lesen Sie: Assassinen – Ein einzelner Kämpfer zu Fuß

Bisher veröffentlicht: Islamismus - Die Herausforderung des Westens

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