Nach der Wahlniederlage rechnet Christian Kern allgemein mit den Medien ab und bezeichnet Artikel auf unzensuriert als „Sudelgeschichten“.

Bild: SPÖ Presse und Kommunikation / Wikimeida CC BY-SA 2.0
Ärger über Wahlniederlage: Kern nennt unzensuriert-Enthüllungen „Sudelgeschichten“

SPÖ-Chef Christian Kern ist plötzlich uninteressant geworden in der breiten Öffentlichkeit. Der Kanzler – bald AD – übt sich derweilen in Selbstbetrug. Nicht seine Partei und die unappetitlichen Affären (Causa „Silberstein“, gefälschte Facebookseite, Dirty Campaigning usw.) seien Schuld an der Wahlniederlage, sondern die Journalisten, sagt Kern im Kurier-Interview am Sonntag:

Diesmal haben die Medien die Inszenierung der ÖVP unterstützt und verstärkt.

Selbstbetrüger gibt es mehr, als man glauben möchte

Schuld am Gang der SPÖ in die Opposition haben also die anderen. Ist Kern ein Selbstbetrüger? Das sind Menschen, die sich selbst idealisieren und für besser halten als den Rest der Welt. Sie haben oft kein Schuldbewusstsein. Selbstbetrüger gebe es sehr viele unter uns, mehr als man allgemein glauben möchte, sagt der Wiener Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli von der Sigmund-Freud-Universität in einem Presse-Artikel:

Es ist wahrlich erstaunlich, wie viele Menschen sich falsch einschätzen, wie häufig Fremd- und Eigenwahrnehmung auseinanderklaffen. Ich rede jetzt in erster Linie von Menschen, die sich selbst idealisieren, die sich stets überschätzen und lange nicht so gut sind, wie sie selbst von sich annehmen.

„Prinzessin mit Glaskinn“

Trifft diese Analyse auch auf Christian Kern zu? Schließlich wurde der SPÖ-Chef von seinen Genossen in einer parteiinternen Expertise schon mal als „Prinzessin mit Glaskinn“ bezeichnet.

Die Skandale im SPÖ-Wahlkampf nennt Kern im Kurier-Gespräch „genauso irrelevant für das Wahlergebnis wie die Sudelgeschichten auf der FPÖ-nahen Plattform unzensuriert.at„. Sudelgeschichten sind unsaubere, nachlässig recherchierte Berichte. Welche unzensuriert-Beiträge Kern meint, sagt er freilich nicht. Sonst würde er sich – wieder einmal – selbst betrügen.

Enthüllung der Silberstein-Affäre war unzensuriert-Verdienst

Folgt man der Theorie von Kern, wäre die unzensuriert-Enthüllung der Silberstein-Affäre wahrscheinlich so eine „Sudelgeschichte“. Denn als die anderen Medien noch allesamt brav schwiegen und damit Kern schützen wollten (und damit doch nicht so böse zum SPÖ-Kanzler waren, wie er jetzt tut), informierte unzensuriert seine Leser bereits im Dezember 2016 über schwere Vorwürfe gegen Tal Silberstein und seine Geschäftspartner.

Es ging um eine Korruptionsaffäre in Rumänien, damals existierte rumänischen Medienberichten zufolge sogar ein Haftbefehl gegen den Kern-Berater Silberstein. Ein lautes Rauschen im heimischen Blätterwald war trotzdem nicht zu vernehmen, der Mainstream schwieg die für den Kanzler überaus pikante Affäre einfach tot. Im August 2017, als Silberstein und seine Geschäftspartner in Israel verhaftet wurden, wussten es plötzlich alle anderen Medien auch – so titelte der Kurier: „Vorwürfe gegen Silberstein und Steinmetz nicht neu“.

Politische Macht über Medien demonstriert

Meint Kern also, wenn er von „Sudelgeschichten auf unzensuriert“ spricht, das Aufdecken der Silberstein-Affäre? Kritischen Journalismus als Kontrolle der Mächtigen mag Christian Kern nicht – und deshalb dürfte er auch unzensuriert „Sudelgeschichten“ unterstellen. Da sind wir nicht die Einzigen. Als die Tageszeitung Österreich über ein Geheim-Dossier berichtete, das der dubiose Ex-Berater Tal Silberstein SPÖ-intern bestellt haben soll und in dem Christian Kern als Schwachstelle und „Prinzessin mit Glaskinn“ ausgemacht wurde, demonstrierte Kern seine politische Macht über Medien und stornierte kurzerhand den Inseraten-Auftrag an das Gratis-Blatt.

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