Masyaf war im zwölften Jahrhundert die mächtigste Festung der Assassinen in Syrien und zählt heute zu einer der größten Sehenswürdigkeiten des Landes.

Bild: Nabih Farkouh / wikimedia.org (CC-BY-SA-3.0)
Die Assassinen – Vorbild islamistischer Attentäter?

Wohl keine andere islamische Sekte ist im Westen so bekannt wie die der Assassinen. Von Drogen aufgeputschte Attentäter, die im Namen ihres Glaubens ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben bereit sind, jeden Feind des Islams zu töten – so ungefähr ist wohl das Bild der Assassinen in unseren Breiten. Im Englischen bedeutet das Wort „assassin“ Meuchelmörder. Sind die Assassinen demnach mittelalterliche Ahnen von Al Quaida? Den Assassinen widmet sich die unzensuriert-Serie über die Geschichte des Islamismus heute.

Werben für die innere Botschaft

Bereits in seiner Frühzeit spaltete sich der Islam in unzählige größere und kleinere Glaubensrichtungen, von denen Schiiten und Sunniten die bedeutendsten geblieben sind. Auch innerhalb der Schiiten, für die die Imame, direkte Nachkommen  Mohammeds, von besonderer Bedeutung sind, kam es zur Bildung zahlreicher Gruppen. Die Ismailiten oder auch Siebener Schiiten, die sich in der Frage des rechtmäßigen Imams von den deutlich zahlreicheren Zwölferschiiten unterschieden, waren eine dieser Gruppen. Für sie hatte der Koran zwei Deutungsebenen: neben der äußerlichen Ebene (zahir) existiere noch eine zweite, innere oder verborgene Ebene (batin), die nur den rechtmäßigen Imamen zugänglich sei. Diese Geheimlehre wurde von den Imamen an ihre Gläubigen weitergegeben. Um ihre Geheimlehre in der moslemischen Welt zu verbreiten, sandten die Ismailiten verborgene Werber (du’at – „Rufer“) aus. Mit der Errichtung des ismailitischen Fatimidenkalifats zuerst in Tunis (ab 909), dann in Kairo (969 – 1171) erreichte der Einfluss der Ismailiten ihren Höhepunkt.

Hassan i Sabah, Herr von Alamut

Als eigentlicher Gründer der Assassinen gilt der Araber Hassan i Sabbah, ein Rufer, der sich vor allem um die ismailitische Mission im heutigen Iran kümmerte. Im Jahr 1090 gelang es ihm, kampflos die Bergfestung Alamut einzunehmen, deren Besatzung bereits zuvor von seinen Anhängern infiltriert worden war. Alamut, im Nordwesten des Iran und damit tief im Land der mit den Fatimiden verfeindeten Seldschuken gelegen, sollte für die kommenden zwei Jahrhunderte der legendäre Sitz der Assassinen werden. Von diesem Stützpunkt aus dehnten i Sabbahs Gefolgsleute den Einfluss der Assassinen in den kommenden Jahren weiter aus, wobei ihr besonderes Augenmerk der Eroberung von befestigten Plätzen galt, so dass bald ein Netz von Assassinenburgen die Gegend südlich des kaspischen Meeres überzog. 1092 erfolgte der erste jener politischen Morde, für die die Assassinen in der Folgezeit berüchtigt wurden. Ein Attentäter aus Alamut ermordete Abu Ali al Husain, den Wesir des Seldschukensultans.

Hatten Hassan i Sabbah und seine Gefolgsleute zuvor nominell unter Oberherrschaft der Fatimiden in Kairo gestanden, so spalteten sie sich 1095 im Zuge eines fatimidischen Thronstreites ab, indem sie den unterlegenen und ermordeten Thronanwärter, Prinz Nizar, als wahren Imam anerkannten. Daher rührt ihr eigentlicher Name: Nizariten.

Die Herrschaft i Sabbahs (1090- 124) war geprägt durch weitere Expansion, die heimliche Mission und vor allem mehr als 50 teils spektakuläre Anschläge auf hohe Würdenträger der Seldschuken. Dabei gingen die Attentäter oft besonders öffentlichkeitswirksam vor, indem sie ihre Opfer vor großem Publikum wie in unter anderem auf Marktplätzen oder in Moscheen ermordeten.

Der Alte vom Berge und die Kreuzfahrer

Zur selben Zeit, als die Kreuzfahrer das Heilige Land erreichten, verstärkten die Assassinen ihre Aktivitäten in deren unmittelbarer Nachbarschaft Syrien. Nach mehreren Rückschlägen konnten die Assassinen auch in Syrien teils durch Gewalt, öfter aber durch List und Täuschung eine Reihe von befestigten Plätzen in ihre Hand bekommen und um dieses Festungsnetz ein autonomes Gebiet schaffen. Die bedeutendste dieser Festungen war Masyaf im Nordwesten Syriens in der Nähe des Mittelmeeres. Ab den frühen 1160er Jahre residierte einer der bekanntesten Unterführer der  Assassinen in Masyaf: Raschid ad Din Sinan, die Kreuzfahrer nannten ihn den Alten vom Berge.

Auch wenn manche christliche Überlieferung anderes vermuten lässt, war das Verhältnis zwischen Assassinen und Kreuzfahrern größtenteils keineswegs feindlich, teilten sie doch dieselben Feinde:  die Seldschuken im Nordosten und ihre ehemaligen fatimidischen Oberherren im Südwesten. Dem Templerorden waren die Assassinen tributpflichtig, und mit dem König von Jerusalem wurde über ein Bündnis verhandelt. Der Anteil der Assassinen-Attentate auf Christen macht nur einen Bruchteil jener auf andere Moslems aus. Zudem machte ihr Glaube an die bereits angebrochene Endzeit auf Erden und die damit einhergehende Aufhebung islamischer Vorschriften wie dem Alkoholverbot die Assassinen in den Augen der meisten Moslems zu Ketzern.

In die Zeit des Alten vom Berge fällt auch eine Belagerung Masyafs durch Sultan Saladin. Saladin soll die Belagerung abgebrochen haben, nachdem er am Morgen einen Dolch in seinem Kopfkissen steckend vorfand. Jedenfalls konnte er die Macht der Assassinen in Syrien nicht brechen.

Was blieb von den Assassinen?

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurden die Burgen der Assassinen von den Mongolen im Osten und den Mamelucken im Westen erstürmt, die weltliche Macht der Assassinen ging verloren. Heutzutage leben knapp zwanzig Millionen Nizariten unter der spirituellen Oberherrschaft ihres 49. Imams Shah Karim al Hussaini, Aga Khan IV.

Während die Assassinen in den Überlieferungen des Orients eine sehr untergeordnete Rolle einnehmen, sind sie im Abendland weiterhin präsent. So sind ein erfolgreiches Computerspiel und ein Bestsellerroman nach ihnen benannt. Angesichts des Mythos der fanatischen, rauschgiftgetriebenen Selbstmordattentäter, die den Tod als Eingang ins Paradies geradezu herbeisehnen, wird oftmals der Vergleich mit zeitgenössischen militanten Islamisten gezogen.

Indes bleibt davon bei genauerem Hinsehen nicht viel über. Die Assassinen waren keine Selbstmordattentäter, wenn auch manche ihrer Angriffe äußerst riskant waren und mit dem Tod der Assassinen endeten. Durch das Wirken ihrer Imame stand ihnen bereits vor dem Märtyrertod der Weg ins Paradies offen. Der Rauschgiftkonsum ist wohl eine reine Legende, die auf die Herkunft des Namens Assassinen vom arabischen al Haschischiyya zurückgeht. Dies dürfte weniger auf den konkreten Vorwurf des Rauschgiftkonsums zurückgehen; vielmehr handelt es sich dabei wahrscheinlich um eine allgemein stark abwertende Bezeichnung für eine ketzerische Sekte im Sinn von „der Abschaum“, „die Zugedröhnten“.

Vielmehr waren die Assassinen offensichtlich Meister der asymmetrischen Kriegsführung. All ihre Gegner waren ihnen deutlich überlegen. Gezielte Attentate auf ausgewählte politische Gegner waren Teil ihrer Kampftaktik. Dies erwies sich insbesondere im orientalischen Mittelalter, in dem die Verbundenheit mit einzelnen Persönlichkeiten oft deutlich schwerer wog als die Bindung an gefestigte Institutionen, als höchst effektiv. In Verbindung mit der Geheimhaltung ihrer Mitglieder war diese Form des Attentates außerdem eine wirkungsvolle Abschreckung.

Die Geschichte der Assassinen ist ein schillerndes Detail des islamischen Mittelalters, moderne islamistische Militante stehen aber sicherlich nicht in der Traditionslinie dieser Bewegung. Insbesondere in Pakistan und Afghanistan kommt es immer wieder zu Angriffen von Islamisten auf Ismailiten.

Am 17. November lesen Sie: Die Wahhabiten – Der Pakt in der Wüste

Bisher veröffentlicht:

Islamismus – Die Herausforderung des Westens

Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

 

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