„The List“ von der türkischen Künstlerin Banu Cennetoglu zählt Leute auf, die im Bestreben, illegal nach Westeuropa zu gelangen, zu Tode kamen.

Foto: Bild: Screenshot The List
Liste toter „Flüchtlinge“ als Kunstobjekt – Terror-Opfer hingegen sind Kollateralschäden

Der Berliner Tagesspiegel hat gemeinsam mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater auf 48 Seiten ein Kunstwerk veröffentlicht. „The List“ der türkischen Künstlerin Banu Cennetoglu dokumentiert schmucklos Daten von 33.293 Migranten, die beim Versuch, nach Europa zu kommen, oder bereits in Europa gestorben sind, aus welchem Grund auch immer. Die Daten (Namen, allzumeist N.N., Todesort und -ursache) werden von der NGO „United for Intercultural Action“ geliefert.

Keine vergleichbare Liste europäischer Terroropfer

Die Opfer islamischen Terrors in Paris, London, Berlin, Barcelona, Brüssel usw. sind exakt zählbar. Sie werden aber nirgendwo offiziell gezählt, eine derartige Liste taugt auch nicht zum Kunstwerk. Warum ist das so?

Der postmoderne Denker Giorgio Agamben hat den Migranten als „homo sacer“ gefeiert, den „heiligen Menschen“ (den Ausgestoßenen, der im alten Rom von jedermann getötet werden durfte). Migranten sind also die neuen Heiligen.

Hierarchie der Getöteten – Migranten sind die Alpha-Opfer

Martin Lichtmesz hat in „Die Hierarchie der Opfer“ den Grund dafür beschrieben:

Die quasi-religiöse Funktion ist auch der Grund, warum die ausländischen Alpha-Opfer im Zuge einer Art von positivem Rassismus derartige Emotionen, ekstatische Bekenntnisse, moralischen Eifer, gerechte Empörung hervorrufen, während die inländischen Beta- bis Gammaopfer „autorassistisch“ hingenommen, verschwiegen, bagatellisiert werden.

Die hauptsächlich durch Schlepper auf dem Mittelmeer oder der Balkanroute ganz profan ums Leben gekommenen, illegalen Einwanderer werden in den Alpha-Opferstatus erhoben, sie sind „heilige“ Fremde. Die Opfer aus den eigenen, legalen Reihen, all die Franzosen, Briten, Spanier, Belgier, Deutschen, die unseresgleichen sind, werden zu zweit- und drittrangigen Opfern, sie sind ja „nur“ Europäer. Der Kunstwert der Alpha-Opfer steigt offensichtlich proportional zum Abnehmen der Selbstachtung der Europäer.

Zynismus: Wer hat hier Gefühle für wen?

Dem Tagesspiegel, der Künstlerin, dem mitveranstaltenden Gorki-Theater, auch dem Kurier fällt daran nichts auf. Wieso auch? Sind ihnen doch Gefühle für die eigenen Opfer wesensfremd.

Das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ definierte 1999 zynisch als

eine […] Haltung zum Ausdruck bringend, die, besonders in bestimmten Angelegenheiten, Situationen als konträr, paradox und als jemandes Gefühle missachtend und verletzend empfunden wird.

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