Die Ursprünge des Salafismus – Reform und Radikalisierung

Die drei bedeutendsten Vordenker des Salafismus: al Afghani, Abduh und Rida (von links). Foto: Yacquub cAbd al-cAziiz Abul Ala Maududi / Wikimedia (PD) - Zerida / Wikimedia (PD) - Unbekannt / Wikimedia (PD)
Die drei bedeutendsten Vordenker des Salafismus: al Afghani, Abduh und Rida (von links).
Foto: Yacquub cAbd al-cAziiz Abul Ala Maududi / Wikimedia (PD) - Zerida / Wikimedia (PD) - Unbekannt / Wikimedia (PD)

Verkörpert durch bärtige Männer in traditioneller arabischer Kleidung und vollverschleierte Frauen gilt der Salafismus heutzutage als Inbegriff des extremen Islamismus. Fast alle islamistischen Terroristen der jüngsten Zeit kamen aus salafistischen Milieus. Salafismus steht für weitgehende Abschottung und Feindseligkeit gegenüber dem Westen, für konservativen Fundamentalismus und rigorosen Puritanismus, sodass oft von „Steinzeitislam“ die Rede ist. Dass es sich beim Salafismus ursprünglich um eine islamische Reformbewegung handelte, ist dagegen kaum bekannt.

Im dieswöchigen Beitrag aus der unzensuriert-Serie zur Geschichte des Islamismus zeichnen wir die Entwicklung dieser gefährlichen Strömung nach.

Die islamische Welt in der Krise

Das 19. Jahrhundert war für die islamische Welt eine Zeit der Krise und des Niedergangs. Die Invasion Napoleons in Ägypten hatte erstmals die enorme technische und organisatorische Überlegenheit des Westens demonstriert, die einst mächtigen islamischen Reiche waren entweder wie das indische Mogulreich nur noch Marionettenregimes westlicher Imperien oder ihre Macht war rapid im Sinken begriffen wie das Osmanische Reich und Persien. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren die meisten islamischen Gebiete europäische Kolonien, Aufstände und Unabhängigkeitsbewegungen wurden rasch niedergeschlagen.

Reform des Islam als politisches Programm

Von unterschiedlichen muslimischen Intellektuellen wurde die vorherrschende, seit Jahrhunderten unveränderte Form des Islam für den Niedergang verantwortlich gemacht, da dieser jede Erneuerung verhindere. Einer ihrer Vordenker war der Perser Dschamal ad-Din al-Afghani (eigentlich Sayyid Muhammad ibn Safdar al-Husaini, 1838 - 1897). Al-Afghani sah neben dem orthodoxen Islam die Zersplitterung der islamischen Welt als primäres Hindernis bei der Abschüttelung der Kolonialherrschaft an, die sein erklärtes politisches Ziel war. Im Gegensatz zu anderen war für ihn die einfache Übernahme westlicher Ideologien und westlicher Philosophie keine Option, um die Fremdherrschaft zu überwinden. Vielmehr sollte eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Islam zur Einigung der Muslime und damit einhergehend zur Befreiung vom kolonialen Joch führen.

Macht der Religionsgelehrten brechen

Für den panislamischen al-Afghani stand weniger die Theologie als die islamische Zivilisation insgesamt im Fokus. Es gelte die Macht der orthodoxen Ulema, der Religionsgelehrten, zu brechen, um ebendiese Zivilisation zu modernisieren und von westlicher Vorherrschaft zu befreien. Dazu müsse eigenständiges Denken und eigenständige Interpretation des Koran und der Hadithe, der Überlieferungen der Aussagen und Handlungen Mohammeds, durch die Muslime selbst statt der bloßen Nachahmung mittelalterlicher Dogmen und dem blinden Vertrauen in die Religionsgelehrten praktiziert werden. Al-Afghani verwarf damit die alte Tradition der Nachahmung („taqlid“) der Urteile der traditionellen islamischen Rechtschulen und stellte ihr das eigene Urteil, den Idschtihad gegenüber.

Im Gegensatz zu anderen reformorientierten islamischen Intellektuellen stand für al-Afghani eine Entkoppelung von Religion und Politik nach westlichem Vorbild nicht zur Debatte, da dies einer Zerstörung und Verwestlichung der islamischen Zivilisation Vorschub leiste. Der Übernahme westlicher Techniken und Wissenschaft nach dem Vorbild Japans stand er dagegen offen gegenüber.

Salafismus als modernistische Bewegung

Während al-Afghani seine Anliegen auf politischem Weg durch Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger zu erreichen suchte, ging sein Schüler und Weggefährte Muhammad Abduh (1849 - 1905) einen anderen Weg. Über Reformen im Bereich der Religion sollte der Islam von seinem über Jahrhunderte angesammelten Ballast befreit und auf den eigentlichen Kern zurückgeführt werden. Die Orientierung am Handeln der Altvorderen („salaf“ – arabisch für Vorfahre) sollte dabei den Weg weisen. So wollte Abduh den Islam, den der tiefgläubige Gelehrte für eine Religion der Vernunft hielt, mit den Errungenschaften der Moderne versöhnen. Vernunft, selbständiges Denken und demokratische Entscheidungsprozesse waren für ihn in der glorreichen Frühzeit des Islam bereits angelegt. Durch einen Bruch mit den übergelagerten Traditionen sollte dieses verschüttete Erbe freigelegt und damit eine Modernisierung der islamischen Welt eingeleitet werden. Abduh setzte vor allem auf Bildung der Muslime und förderte dementsprechend neben seiner eigenen weitreichenden publizistischen Tätigkeit den Aufbau von Bildungseinrichtungen. Auch erklärte er die Missionstätigkeit, inspiriert von den zahlreichen christlichen Missionen jener Zeit, zur Pflicht jedes einzelnen Muslims.

Im Widerstreit mit dem traditionellen Islam

Neben den westlichen Kolonialmächten waren der traditionelle Islam, verkörpert durch die orthodoxen Gelehrten, sowie der Aberglaube des Volksislam das eigentliche Feindbild der frühen Salafisten, die darin den größten Hemmschuh auf dem Weg der Erneuerung sahen. Durch ein ausgedehntes Bildungsprogramm in Form von Publikationen, Diskussionszirkeln und Schulen sollten diese Formen des Islam überwunden werden. Die  vom Salafismus beeinflusste „Vereinigung der algerischen muslimischen Rechtsgelehrten“ (gegründet 1931) eröffnete dementsprechend über 300 neue Schulen und gab diverse Publikationen heraus, um ihre moderne Version des Islam zu verbreiten. Ihr Gründer Abdelhamid Ben Badis (1889 – 1940) lehnte sowohl die völlige Anpassung an die französische Kolonialmacht aber insbesondere die traditionellen Sufiorden sowie die im afrikanischen Islam weit verbreitete Verehrung von sogenannten Marabouts, islamischen Heiligen, strikt ab. Beides sei als unerlaubte Neuerung Bid’a anzusehen, die den Kern des Islam verfälschte. Im Zentrum seines Denkens stand die Einheit Gottes (tauhid) als Vorbild für die Einheit der Muslime sowie die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte des Islam, zu denen er auch die Vernunft zählte.

Rückkehr zum reinen Islam

Die frühen Salafisten entdeckten um die Jahrhundertwende den bis dahin weniger bekannten mittelalterlichen Gelehrten Ibn Taimiya (1263 – 1328) wieder und knüpften, wie bereits im 18. Jahrhundert Abd al Wahhab, an dessen Denken an. Ibn Taimiya hatte während des Mongolensturms scharf gegen eine Verwässerung des Islam durch vorislamische, heidnische Relikte, die die mongolische Form des Islam prägten, gewettert. Der publizistische äußerst produktive Rechtsgelehrte forderte bereits damals eine Rückkehr zum reinen Islam und wandte sich gegen Einflüsse aus anderen Religionen sowie anderen islamischen Glaubensrichtungen wie der Schiiten aber auch gegen den mystischen Islam der Sufis. Aus seiner Sicht bestand die höchste Staatsaufgabe in der Durchsetzung des islamischen Rechts; jeder Herrscher, der sich nicht danach richte, sei kein echter Muslim. Auch er stand der Nachahmung sowie den islamischen Rechtsschulen ablehnend gegenüber.

Raschid Rida und der Brückenschlag zum modernen Salafismus

Während Muhammad Abduh mit seiner Idee eines modernen, rationalen Islam nur sehr eingeschränkt als Vordenker moderner Salafisten anzusehen ist, war es sein Schüler und Biograph Raschid Rida (1865 – 1935), der die Brücke zwischen frühen Salafismus und seinen späteren Ausprägungen schlug. Rida gab die Zeitschrift al Manar (Der Leuchtturm) heraus, die sich über moderne Vertriebskanäle schnell weit verbreitete und prägend für den modernen Salafismus werden sollte. Rida beschäftige sich in einer Zeit großer Umbrüche in der islamischen Welt mit der Frage einer künftigen islamischen Staatsordnung. Im Zentrum seines idealen islamischen Staates stand der Kalif, an den er hohe moralische Anforderungen stellte und dem ebenso charakterfeste und gut ausgebildete Muslime als Volksvertreter zu Seite stehen sollten. Rida betonte die Scharia als Grundlage islamischen Rechts, zeigte sich jedoch darüber hinaus deutlich pragmatischer als dies bei Salafisten heutzutage der Fall ist. So waren für ihn Rechtsgrundsätze durchaus abänderbar, weitere Rechtsvorschriften sollten von entsprechenden Gremien erlassen werden.

Gegenüber dem europäischen Westen, insbesondere den Kolonialmächten, hegte Rida eine besondere Abneigung, ihre Vertreibung aus dem Nahen Osten war sein erklärtes Ziel.

Nach dem Untergang des Kalifates (1924) sowie der Annexion des Hedschas durch die Saudis wandte er sich verstärkt dem Wahhabismus und dem Haus Saud zu. Auch zur puritanischen indischen Ahl–i–Hadith Bewegung, die oft als „Wahhabiten Indiens“ gesehen wurden, unterhielt er gute Kontakte. Unter seiner tatkräftigen Mithilfe war ein internationales, islamistisches Netzwerk entstanden, das durch die Verknüpfung weltweiter islamistischer Bewegungen wegweisend für die Zukunft werden sollte. So beeinflusste Rida sowohl den ägyptischen Gründer der Muslimbrüder, Hasan al Banna, als auch Nasir ad-Din al-Albani, der als einer der wichtigsten Vordenker des modernen Salafismus gilt.

Was verbindet frühen und modernen Salafismus?

Es wäre genauso falsch, al-Afghani, Abduh und Rida mit heutigen Salafisten gleichzusetzen wie jeden Zusammenhang zu leugnen. In gewisser Hinsicht haben die Vordenker den heutigen Salafisten den Weg bereitet. So sticht der Bezug auf den ursprünglichen, „reinen“ Islam der Frühzeit, den es wiederherzustellen gelte, besonders ins Auge. Dies ist ein Kennzeichen aller islamistischen Strömungen von Wahhabiten über die indischen Ahl-i-Hadith und Deobandi bis hin zu den modernen Salafisten und anderen, schwer zuordenbaren Gruppen. Mit ihrer Ablehnung vieler islamischer Traditionen und damit einhergehend der aus ihrer Sicht rückwärtsgewandten Religionsgelehrten als auch des mystisch geprägten Volksislam sind sie Vorreiter aller modernen Islamisten. Ihre Bevorzugung des Idschtihad, der eigenen Urteilsfindung durch einzelne Gelehrte hat die Wirkung charismatischer Anführer wie Osama bin Ladens oder des IS-Führers Abu Bakr al Baghdadi begünstigt.

Vor allem die Zielrichtung ist die gleiche geblieben: Der Kampf gegen den Westen und für die Einheit aller Muslime. So war es kein Zufall, dass die Anhänger des Islamischen Staates öffentlichkeitswirksam die noch aus der Kolonialzeit stammende Grenze zwischen Syrien und dem Irak aufhoben und Grenzstationen sprengten.

Salafisten von heute als Feinde von Bildung und Wissenschaft

In anderen Bereichen jedoch stehen moderne Salafisten für das genaue Gegenteil der Forderungen ihrer Vorgänger. Die Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit aktueller salafistischer Gruppen steht in krassem Gegensatz zum Wirken Abduhs und Ridas, für die Bildung beider Geschlechter der Schlüssel zur islamischen Erneuerung war. Von Menschen geschaffenes Recht war selbst für den deutlich radikaleren Rida eine Selbstverständlichkeit, was von Islamisten, aus deren Verständnis Recht nur von Gott kommen kann, strikt abgelehnt wird. Auch waren die frühen Salafisten keine engstirnigen Dogmatiker, so dass gerade Muhammad Abduh von modernen Islamisten mehrheitlich kritisch gesehen wird. Nicht umsonst war mit Ali Abdel Raziq einer seiner Schüler ein bedeutender Vorkämpfer für die Trennung von Staat und Religion im arabischen Raum.

Ähnlich den frühen Salafisten und den Wahhabiten entstanden auch in Indien fast zeitgleich puritanische, islamistische Strömungen, die bis heute großen Einfluss ausüben.

Lesen Sie dazu nächste Woche mehr über Ahl-i-Hadith, die Deobandibewegung und den Islamismus auf dem indischen Subkontinent.

Bisher veröffentlicht:

Feuer und Schwert im Sudan - Der Aufstand des Mahdi

Geburt Saudi-Arabiens: Der Wahhabismus – Ein Pakt in der Wüste

Die Assassinen – Vorbild islamistischer Attentäter?

Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

Islamismus - Die Herausforderung des Westens

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