Konterrevolution gegen den Kulturmarxismus – Kickl und das Ende des „68er-Projekts“

Herbert Kickl: "Das Projekt der 68er ist gescheitert. Wir erleben jetzt, nicht nur in Österreich, eine Gegenbewegung." Foto: FPÖ
Herbert Kickl: "Das Projekt der 68er ist gescheitert. Wir erleben jetzt, nicht nur in Österreich, eine Gegenbewegung."
Foto: FPÖ
23. Januar 2018 - 17:30

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Am Donnerstag dem 18. Jänner gab Innenminister Herbert Kickl der Tiroler Tageszeitung ein Interview, das eine Debatte über die „68er“ ausgelöst hat. FPÖ-Klubdirektor Norbert Nemeth sprach schon vor der Nationalratswahl davon, die Hegemonie der 68er zu brechen. Er forderte eine „konservative Konterrevolution“.

Der bayerische CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hatte ebenfalls Anfang des Monats in einem Gastbeitrag in der Welt eine neue „konservative Revolution“ gefordert. Dieser Begriff rief unverzüglich die linken Mahner und Warner auf den Plan, bezeichne der Begriff „konservative Revolution“ (Armin Mohler) doch „antiliberale, antidemokratische und antiegalitäre“ Strömungen in der Weimarer Republik und werde heute von der Neuen Rechten als Anknüpfungspunkt gesehen.

Was hat die „Konservative Revolution“ mit den 68ern zu tun?

Zuerst einmal: es geht weder um die Strömungen der Weimarer Republik, noch um die 60er-Jahre als historische Zeiträume. Dazu ist auch weder wichtig, ob die Akteure der Konservativen Revolution in den 1920er Jahren wirklich den NS-Staat hervorgebracht haben (der Jungkonservative Edgar Julius Jung wurde beispielsweise von den Nationalsozialisten ermordet), noch, ob die linke Revolte in Österreich nennenswerte Ausmaße außerhalb der Provokationskunst angenommen hat.

Doch beide Schlagworte treffen das jeweilige "narrische Bein": Für Linke ist „konservative Revolution“ gleich Zurückkatapultieren in die Nazizeit, für Rechte ist „'68“ die Abkürzung für die „linksgrün versiffte“ (Jörg Meuthen, AfD) Unkultur der Zerstörung aller traditionellen Werte.

Kickl sagte der Tiroler Tageszeitung:

Das Projekt der 68er ist gescheitert. Wir erleben jetzt, nicht nur in Österreich, eine Gegenbewegung. Und das ist auch gut so. Für mich kommt es zu einer Rückkehr zur Normalität. Die 68er versuchten, im Namen des Fortschritts zerstörerisch zu wirken. Wenn ich nur an das Aushöhlen der staatlichen Identität oder der Identität des Familienverbundes denke. Diese Regierung steht für einen offensiven Gegenentwurf. Die Thesen der 68er haben sich als falsch herausgestellt. Das Bedürfnis nach Orientierung, Geborgenheit und Heimat wird von uns wieder in ein positives Licht gerückt.

Befreiung schafft Orientierungsverlust

Eine „konservative Konterrevolution“ gegen das Projekt der '68er ist ein Kampf um die Deutungshoheit im Land. Seit den '60er-Jahren hat sich im Namen der „Befreiung“ (vom „Faschismus“, von „verkrusteten Strukturen“ in Familie, Sexualmoral, Kirche, Schule, Universität und Gerichten) die Zerstörerung aller traditionellen Werte und Insititutionen erfolgreich und breitenwirksam durchgesetzt. Befreiung von Zwängen erzeugt aber immer Orientierungslosigkeit. Konservative haben um diese Zweischneidigkeit der Befreiung immer gewusst und werden heute bestätigt.

Auf Kickls Äußerungen reagiert Hubert Patterer, als Chefredakteur der Kleinen Zeitung einer der führenden Vertreter des (links-)katholischen Journalismus, mit folgenden Worten:

So hat der Innenminister erst dieser Tage der Regierung eine neue gesellschaftspolitische Sendung zugedacht: Sie sei als Gegenentwurf zur 68er-Bewegung und deren „zerstörerischer Wirkung“ zu verstehen.
Abgesehen davon, dass die Bewegung in Österreich kaum wahrnehmbar war, ist das eine bemerkenswerte Interpretation der Agenda. Von einem Zurück in die Zeit vor 68 ist im Regierungsprogramm jedenfalls nicht die Rede. Es wäre interessant zu erfahren, ob sich die anderen Minister auch als Teil einer solchen kulturellen Schubumkehr begreifen und wenn ja, auf welche Gesellschaft man dann hinarbeitet und wie hoch deren Sauerstoffgehalt ist.

Spätfolgen von 1968: der Kulturmarxismus

Nun, der linke „Marsch durch die Institutionen“ hat seit den frühen 70er Jahren durchaus wahrnehmbare Auswirkungen auf Österreich. Um nicht zu sagen, überwältigende Auswirkungen: die Medienanstalten, Universitäten, Schulen und auch die katholische Kirche sind fest in linker Hand. Das ist wohlgemerkt nicht auf die Tradition des „roten Wien“ zurückzuführen, denn die vorherrschende Ideologie ist nicht die des Marxismus, sondern des Kulturmarxismus – es geht längst nicht mehr um die Soziale Frage und die Lage der Arbeiter, sondern um ideologische Zwangsvorstellungen wie politische Korrektheit, Gender, Homosexualität, Globalisierungsagenda (darin ist der Kulturmarxismus besonders gut: gemeinsame Sache mit den großen Firmen und Global Playern zu machen), Migration und Schuldkult. Das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kirche war nur im Zuges des liberalistischen „68er-Projekts“ durchführbar und vor allem wirkmächtig. Es reicht nicht aus, da an langhaarige oder barbusige Studenten auf Antikriegsdemos zu denken, genau die Institution, für die Patterer spricht, hat bleibende Schäden davongetragen.

Das Projekt der neuen österreichischen Regierung besteht also ideologisch gesehen darin, den Kulturmarxismus zu überwinden. Nirgendwo ist die Rede davon, zu diesem Behufe in die 50er Jahre oder gar das Dritte Reich „zurück“ zu wollen. Das Überwinden einer Ära bedeutet nicht automatisch, in die vorherige zurück zu fallen. Die Russen haben schließlich nach dem Abschütteln des Kommunismus auch nicht wieder den Zaren eingesetzt.

Das Pendel schlägt zurück

Kulturmarxisten reagieren auf die „Rückkehr zur Normalität“ (Herbert Kickl) naturgemäß mit Engegefühl und Hass. Die „hiesige Rechtsregierung“, so Robert Misik im Standard in formvollendeter Projektion seiner eigenen Empfindungen auf die Rechten, hasse „die Freiheit“ als solche:

Dafür, dass sich der Mainstream des Konventionellen auflöste, dass sich auch die Frauen herausnahmen, das Wort zu ergreifen, eine Chiffre auch für Bewegungen, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kunst, für das Avantgardistische, für das Antiautoritäre, eine Chiffre auch für vielfältige Befreiungen, etwa eine freie Erziehung. Sie hassen all das, aber vor allem hassen sie den Schwung, der damals herrschte, die Tatsache, dass sie über mehr als ein Jahrzehnt auf verlorenem Posten standen.

„Auf verlorenem Posten“ (Ernst Jünger) zu stehen ist für Linke fürchterlich. Sie sind als Herrschaftselite inzwischen so machtgewöhnt, undenkbar für sie, dass die Deutungshoheit nach rechts rutscht. Misiks Vorstellung, die Rechten wären ganze zehn Jahre lang miesepetrig in der Ecke gestanden, weil die 68er gerade so schwungvoll Porzellan zerschlugen, ist falsch. Das historische Pendel ist in großem Schwung bis heute nach links ausgeschlagen, und schlägt nun mit einigem Schwung zurück, bis es womöglich eines Tages zur Ruhe kommt.

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