Pietätlose Titelseiten gegen politisch Unliebsame: „Falter“ und „profil“ stehen sich in nichts nach.

Bild: Screenshot / Twitter @chri_rai bzw. profil.at
Sebastian Kurz als „Neofeschist“ am Falter-Titelbild: Für Presserat „kein Problem“

Nach dem ÖVP/FPÖ-Wahlerfolg bei der vergangenen Nationalratswahl brannten in der Redaktion des Falter alle Sicherungen durch. Wohl im Schock des Ergebnisses wurde eine Titelseite gegen politisch Unliebsame gebastelt – mit einem Bild von Bundeskanzler Sebastian Kurz und der Überschrift „Der Neofeschist“.

Kritik von Journalisten an der Wortschöpfung

Darüber echauffierte sich sogar Profil-Chefredakteur Christian Rainer, der auf Twitter über die Wortschöpfung meinte:

Was der „Falter“ hier tut, ist unerträglich.

Auch zahlreiche andere Journalisten und Politiker aus dem linken Milieu solidarisierten sich mit Rainer und kritisierten den Falter. So etwa der frühere SPÖ- Bundesgeschäftsführer Josef Kalina, der schrieb: „Finde aktuellen Falter ärger, Kurz auch nur in die Nähe von Faschisten zu rücken ist indiskutabel“. Auch Peter Rabl sah in der Falter-Kreation einen „unsäglichen Titel“. Presse-Feuilletonist Moses Maria Mayer sprach gar von „Stürmer-Qualität“.

Pressefreiheit geht laut Presserat besonders weit

Der ganzen Aufregung zum Trotz hat der Presserat allerdings „kein Problem“ mit dieser Art von Berichterstattung. Eine Leserin hatte sich über den Falter-Aufmacher beschwert, doch der Presserat ist der Meinung, dass die Titelseite des Blattes auf einen Kommentar im Blattinneren verweise und daher die Pressefreiheit besonders weit gehe.

In die Nähe von Neofaschismus gerückt

Wie der Kurier berichtet, räumte der Presserat am Mittwoch ein, dass Kurz durch die Verschmelzung der Worte „fesch“ und „Neofaschist“ zu dem Neologismus „in gewisser Weise in die Nähe von Neofaschismus“ gerückt werde, „auch wenn dieser Vorwurf nicht ausdrücklich geäußert wird“. Herausgeber Armin Thurnher verwende diesen Begriff „bereits seit einigen Jahren für verschiedene andere Politiker“, so der Senat 1. In der Tat schilderte der Herausgeber selbst – in der darauffolgenden Ausgabe vom 25. Oktober – wie er „Feschismus“ ursprünglich 1999 „erfand“, und zwar bei seinen Überlegungen zu „Jörg Haiders Wende zum Austrochauvinismus“.

Profil schrieb über „Die Schande Europas“

Die geschmacklose Anspielung des Falters, dass Kurz ein „Faschist“ sei, hat vor allem bei profil-Chefredakteur Christian Rainer für Verärgerung gesorgt. Allerdings klang das aus seinem Mund ziemlich heuchlerisch, brachte sein Magazin doch im Jahr 2000 anlässlich der schwarz-blauen Regierungsbildung ein Foto von Wolfgang Schüssel und Jörg Haider mit der Überschrift „Die Schande Europas“. Als Moralapostel geht Rainer unter seinen Kollegen daher nicht durch.

 

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