Christen und ein Großmufti miteinander mitten im Bürgerkrieg

Der Patriarch hatte sich gegen eine westliche Militärintervention zur Bekämpfung der Regierung von Präsident Assad ausgesprochen, weil die Christen unter ihm verhältnismäßig frei lebten. Foto: Министерство обороны Российской Федерации / Wikimedia (CC-BY-4.0)
Der Patriarch hatte sich gegen eine westliche Militärintervention zur Bekämpfung der Regierung von Präsident Assad ausgesprochen, weil die Christen unter ihm verhältnismäßig frei lebten.
Foto: Министерство обороны Российской Федерации / Wikimedia (CC-BY-4.0)
10. März 2018 - 11:22

Rasch hat der Ausbruch des von ausländischen Interventionen nicht zu trennenden Bürgerkrieges in Syrien auch christliche Kirchenführer auf den Plan gerufen.

Christen – dankbar für Freiheit unter Assad

Bischöfe, Erzbischöfe und Patriarchen verschiedener christlicher Konfessionen gingen umgehend auf klare Distanz gegenüber den islamistischen „Rebellen“ und ihren ausländischen Förderern und Hintermännern. Nicht zuletzt traten Spitzenvertreter des altorientalischen, der orthodoxen und des römisch-katholischen Hauptzweiges der Christenheit öffentlich gemeinsam auf, um ihre Dankbarkeit für die Bewegungsfreiheit von Christen in Syrien bis zum Ausbruch des bewaffneten Konfliktes zu bekunden. Sie betonten, dass die christlichen Konfessionen keinerlei Grund besäßen, einen Sturz von Präsident Assad zu unterstützten.

Patriarch wirft Westen Komplizenschaft bei Christenverfolgung vor

Besonders deutlich bezog alsbald der Patriarch der mit dem päpstlichen Rom in voller Gemeinschaft stehenden Syrisch-katholischen Kirche, Mar Ignace Youssif III. Younan, Stellung gegen westliche Umtriebe und die Bestrebungen sunnitischer Scharfmacher.

Dabei handelt es sich bei ihm nicht um irgendeinen Kirchenvertreter. Allein schon sein Rang als Patriarch und die Tatsache, dass er als Co-Präsident die Synode des Jahres 2010 im Vatikan über den Nahen Osten mit leitete, macht deutlich, dass es sich um eine hohe Persönlichkeit der Weltkirche handelt.

Ignatius Joseph III Younan nahm sich kein Blatt vor den Mund, etwa wenn er sich gegen eine westliche Militärintervention zur Bekämpfung der Regierung von Präsident Assad aussprach und Regierungen im Westen der Komplizenschaft bei einem Völkermord an Christen wie anderen Minderheiten bezichtigte. Dabei fand er auch kritische Worte mit Blick auf (westliche) Massenmedien und betonte, wie andere Kirchenführer, dass es sich bei der Regierung von Präsident Assad um die international anerkannte, auch mit allen Rechten in den Vereinten Nationen vertretene Regierung von Syrien handelt. Kritisch gegen westliche Einseitigkeiten äußerte sich auch die Priesterbruderschaft St. Pius X. in gewohnt klaren Worten.

Nuntius für Syrien amtiert auch in Syrien

Solches ist nicht zuletzt die Position des Vatikans unter Papst Franziskus. Dieser unterhält weiterhin volle diplomatische Beziehungen mit der syrischen Regierung und hat nicht dem Drängen westlicher Politiker wie des seinerzeitigen französischen Präsidenten Hollande und „politisch korrekter“ Massenmedien nachgegeben, sogenannte Rebellenvertreter zumindest öffentlich aufzuwerten. Papst Franziskus zeigte in diesem Falle Rückgrat und handelte in eine ganz andere Richtung, als es offensichtlich Hollande, der britischen Führung etc. genehm gewesen wäre.

Besonders spektakulär war, dass Franziskus den Nuntius für Syrien, Mario Zenari, im Jahre 2016 zum Kardinal ernannte. Diese Ernennung ist umso spektakulärer, da Zenari weiterhin als Nuntius in Syrien und für Syrien amtiert und nicht erst zum Abschluss seiner betreffenden Tätigkeit zum Kardinal berufen wurde, wie dies seit Jahrhunderten üblich ist. Dazu wurde erklärt, es solle das Wirken Zenaris für das „geliebte und geschundene Syrien“ gewürdigt werden. Der Gottesmann hatte sich anders als manch anderer diplomatischer Vertreter nach Ausbruch der Kämpfe geweigert, seinen Posten in Damaskus zu verlassen.

Assad-Regierung – für Christen in Syrien das geringere Übel

Dies deckt sich eben auch mit der Position der Christen vor Ort in ihren unterschiedlichen Konfessionen und liturgischen Traditionen, für welche die Assad-Regierung das geringere Übel ist. Nicht wenige von ihnen kämpfen in den Reihen regierungstreuer Sicherheitskräfte, auch als Offiziere. Mit Hammudeh Sabbagh ist z.B. ein Mitglied der Syrisch-orthodoxen Kirche Parlamentspräsident.

Dies verwundert umso weniger, wenn man die Hintergründe betrachtet. Die Regierung von Präsident Assad bzw. der Baath Partei beruht erheblich auf dem Zusammenwirken sich mehr oder minder konfessionell definierender Bevölkerungsgruppen wie der Drusen, der Alawiten, Ismailiten, (12er-)Schiiten und eben nicht zuletzt der Christen. Die Familie von Präsident Assad entstammt den Alawiten, die, manchmal Nusairier genannt, keinesfalls mit den besonders im türkischen Machtbereich beheimateten Aleviten verwechselt werden sollten.

Die Zusammenarbeit wird auch von so manchem Sunniten mitgetragen. Dafür steht der Großmufti von Syrien Ahmad Badr ad-Din Hass(o)un. Beizeiten sprach sich dieser u.a. gegen die berüchtigten sogenannten Ehrenmorde aus. Erst recht machte sich der Großmufti bei islamistischen Fanatikern verhasst mit seinem Eintreten zugunsten von Respekt und Bürgerrechten für Christen. Er war einer der Mitinitiatoren des „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“ genannten Schreibens führender islamischer Gelehrter an die Vertreter christlicher Konfessionen. Folge war u.a. die Gründung des „Katholisch-Muslimischen Forums“.

Sohn des Großmuftis wurde ermordet

Papst Benedikt XVI. bereits griff die Dialogbemühungen von Großmufti Hass(o)un wohlwollend auf.

Hass(o)un musste für sein Engagement einen hohen Preis bezahlen, als sein Sohn Saria von islamistischen „Oppositionellen“ ermordet wurde. Der profilierte, aber keineswegs merkelianistische CDU-Mann Jürgen Todenhöfer schreibt über den Großmufti in dem Buch „Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden“: „Diese Spaltung des Landes möchte der Großmufti (…) überwinden. (…) Der Großmufti steht auf der Todesliste extremistischer Rebellengruppen. Da sie nicht an ihn herankommen, haben sie vor wenigen Wochen seinen 22-jährigen Sohn Saria erschossen. (…) Den Mördern seines Sohnes hat er öffentlich vergeben. Sie haben seine ausgestreckte Hand zurückgewiesen. Anders als das viele Geld, das sie auf Katar erhielten. Rache lehnt er trotzdem ab. Nur wenn es gelinge, die Rache zu überwinden, werde man die Aussöhnung der Syrer erreichen“.

Hoffnung mögen auch Berichte fördern, wonach einige geflohene Christen nach Erfolgen regierungstreuer Streitkräfte in ihre syrische Heimat zurückgekehrt sind und dort mit dem örtlichen Wiederaufbau begonnen haben.

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