Rotfunk wehrt sich gegen Stiftungsrat-Forderung nach "objektiver Berichterstattung"

ORF-General Wrabetz war mit der Berichterstattung über die Ungarn-Wahl hochzufrieden. Er verlängerte den Korrespondentenvertrag mit Ernst Gelegs. Foto: Gregor Tatschl / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)
ORF-General Wrabetz war mit der Berichterstattung über die Ungarn-Wahl hochzufrieden. Er verlängerte den Korrespondentenvertrag mit Ernst Gelegs.
Foto: Gregor Tatschl / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Das Gesicht des ORF-Korrespondenten in Budapest, Ernst Gelegs, hätte nicht trauriger aussehen können. Wer ihn am Tag nach der Ungarn-Wahl im Fernsehen sah, musste fast annehmen, die Welt stehe knapp vor dem Untergang. Es fehlte eigentlich nur noch der Trauerflor.

Orbán-Sieg trotz westlicher Medienkampagne

Was aber war tatsächlich passiert? Viktor Orbán gewann mit seiner Fidesz-Partei trotz und vielleicht gerade wegen der feindseligen Berichterstattung in den westlichen Medien (allen voran im ORF) die ungarischen Parlamentswahlen viel deutlicher, als es ORFlern, wie Ernst Gelegs einer ist, vorstellbar war. Orbán holte sich überlegen die Zweidrittelmehrheit, die Sozialisten gingen mit nur knapp zwölf Prozent komplett unter.

Angst vor Orbán geschürt

Dass da die Welt für Ernst Gelegs tatsächlich am Abgrund zu stehen schien, wie es sein Gesichtsausdruck im Fernsehen verraten hätte können, konnten die Zuseher genauso beobachten wie seinen offensichtlichen Widerwillen, über den Erfolg seines "Intimfeindes" Orbán berichten zu müssen. Im Beitrag durfte dann freilich das Angstmachen nicht fehlen, was der Wahlsieger - nun ausgestattet mit einem gewaltigen Bevölkerungsvertrauen - alles anrichten könnte.

Asselborn: "Ungarns Wertetumor neutralisieren"

Und flugs war dann plötzlich einer im ORF-Bild, der sinngemäß wiedergab, dass man EU-Gelder für Ungarn stoppen solle, wenn das Volk schon so blöd sei und Orbán mit einer so großen Mehrheit wählen würde. Es handelte sich dabei um den sozialistischen Außenminister Luxemburgs, Jean Asselborn, einem guten Freund des österreichischen Ex-Präsidenten Heinz Fischer. Der Welt sagte Asselborn, nachdem feststand, dass Viktor Orbán seinem Vornamen einmal mehr alle Ehre gemacht hatte, in einem Interview:

Vor allem nach dieser Wahl in Ungarn ist es an Deutschland und Frankreich sowie allen Mitgliedstaaten, die nicht auf Gleichgültigkeit setzen, sich schnell und unmissverständlich auf der Basis des europäischen Vertragswerks einzubringen, um diesen Wertetumor zu neutralisieren.

Der ungarische „Wertetumor“ soll „neutralisiert“ werden unter dem vereinten Oberkommando von Deutschland und Frankreich, bevor er die anderen EU-Mitglieder angreift. „Neutralisieren“ ist ein Begriff aus der Sprache der Militärs. Er bedeutet dasselbe wie „keine Gefangenen machen“.

Soll eine EU-Armee Ungarn zur Vernunft bringen?

Und welche "Werte", fragt der Journalist Henryk M. Broder in einem Kommentar auf Achgut.com, meint Asselborn eigentlich?

Den Expansionsdrang, die Korruption und die Vetternwirtschaft in der EU, wie sie von seinem Freund Jean-Claude Juncker verkörpert werden? Und mit welchen Mitteln will er den Tumor neutralisieren? Sollte eine EU-Armee die Ungarn zur Vernunft bringen? So, wie es die Sowjets 1956 versucht haben?

Gelegs lief der kalte Schauer über den Rücken

Dieser Asselborn ist für den ORF offensichtlich maßgeblich. Und Gelegs, der bei einer Podiumsdiskussion 2011 in Wien Sätze über Viktor Orbán von sich gab, wie "Rücksichtsloser Umgang mit der Macht", "Da läuft einem der kalte Schauer über den Rücken" oder "Der Präsident ist nur eine Marionette des Premierministers", ließ schon damals keinen Zweifel aufkommen, welchen Gesinnungsjournalismus er vertritt.

Steger: "Von einseitiger Berichterstattung Abstand nehmen"

Und jetzt wagte es der FPÖ-nahe ORF-Stiftungsrat Norbert Steger in einem Interview mit den Salzburger Nachrichten, ausgerechnet von diesem Ernst Gelegs eine "objektivere Berichterstattung" einzufordern. Und weil seit der vergangenen Nationalratswahl weder die Kommunisten noch die Sozialisten in der österreichischen Regierung sitzen und daher eine Berichterstattung in dessen Sinn nicht tragbar sei, stellte Steger auch personelle Änderungen in den Raum, sollten Korrespondenten nicht von dieser "einseitigen" Berichterstattung Abstand nehmen.

Wrabetz verlängerte Vertrag mit Ernst Gelegs

Mehr hat Norbert Steger nicht gebraucht, um sich den Unmut des von der SPÖ entsandten ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz und dem durchwegs rot-grünen Redakteursrat einzuhandeln. Wrabetz reagierte via Twitter:

Freue mich mitzuteilen,dass ich den Entsendungsvertrag von Ernst Gelegs als Korrespondent in Budapest nach der ausgezeichneten Berichterstattung zur ungarischen Wahl bis 2021 verlängert habe.

Seltsames Verständnis von Pressefreiheit

Und die ORF-Redakteursvertretung protestierte gegen "Einschüchterungsversuche aus der Politik" mit der APA-Aussendung unter dem Titel "FPÖ-Steger will ORF-Journalisten entlassen". In dieser Aussendung wurde Steger sehr unprofessionell unterstellt, er wolle den ORF und seine Mitarbeiter auf Parteilinie bringen. Wörtlich heißt es da:

Steger zeigt in diesem Interview ein seltsames Verständnis von Pressefreiheit: Als Mitglied des ORF-Aufsichtsorgans geht es ihm offensichtlich vor allem um die Durchsetzung von Parteiinteressen. Parteienvertreter wollen beurteilen, wie Berichterstattung auszusehen hat. Kritische RedakteurInnen sollen mundtot gemacht werden.

Das ist natürlich Unfug. Steger steht es als oberstes Aufsichtsorgan des ORF sogar zu, objektive Berichterstattung einzufordern, um das Unternehmen am Wiener Küniglberg wieder glaubwürdiger zu machen.

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