Sozialbetrug bei türkischen Friseuren bringt ehrliche Konkurrenz unter Druck | Unzensuriert.at

Sozialbetrug bei türkischen Friseuren bringt ehrliche Konkurrenz unter Druck

Türkische Friseure drücken die Preise. Jenes Bild zeigt ein Geschäft, der seit genau zwei Jahren von der Finanz als Scheinfirma gelistet wird.. Foto: unzensuriert.at
Türkische Friseure drücken die Preise. Jenes Bild zeigt ein Geschäft, der seit genau zwei Jahren von der Finanz als Scheinfirma gelistet wird..
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22. Mai 2018 - 20:00

Einen Haarschnitt um zehn Euro? Solche Angebote – teilweise sogar für acht Euro – finden sich seit Jahren in Wien zuhauf. Auffallend daran, dass die zugehörigen Friseursalons von Unternehmern mit "Migrationshintergrund", vorwiegend Türken, geführt werden. „Würde ich solche Preise anbieten, müsste ich meinen Laden zusperren“, meint ein Friseurbesitzer, der sich schon seit mehr als einem Jahrzehnt selbstständig gemacht hat. Möglich seien diese Dumpingpreise nur mit Sozialbetrug, so der Gewerbetreibende, der aufgrund drohender Repressalien durch türkische Konkurrenz nicht namentlich genannt werden will. Unzensuriert.at lieferte er einige Eindrücke aus seiner Unternehmerzeit.

Ein einheimischer Friseur rechnet vor

„Ich habe fünf Angestellte, die nach dem Kollektivvertrag bezahlt werden. Reine Personalkosten habe ich jährlich etwa 142.000 Euro. Miete und Betriebskosten für 100 Quadratmeter betragen 14.000 Euro, der Strom kostet jährlich etwa 6.000 Euro. Die Stromfresser sind die Föhne. Materialkosten betrugen zuletzt jährlich 22.000 Euro. Der Steuerberater kommt auf 6.000 Euro. Die Registrierkasse verschlingt 600 Euro pro Jahr plus Internetanschluss nochmals 600 Euro. Wirtschaftskammer-Umlage beträgt 1.100 Euro“, zählte der Friseurbesitzer auf. Alle weiteren Ausgaben inkludiert kommt er auf einen Umsatz von 192.000 pro Jahr, den sein Geschäft mindestens erwirtschaften muss, um über die Runden zu kommen: „Mein Gehalt ist dabei nicht einmal eingerechnet!“

Wer legal arbeitet, dem bleibt wenig

Einen jährlichen Umsatz machte er zuletzt in der Höhe von 290.000 Euro. „Davon werden 20 Prozent Umsatzsteuer abgezogen. Also bleiben in etwa 230.000 Euro übrig“, sagt er. Unterm Strich würde ein Plus von 38.000 Euro bleiben, das dem Unternehmer letztendlich für die eigene Tasche bleibt. Dass ihm regelmäßig weniger bleibt oder er sogar privat ins Geschäft zuschießen muss, ist keine Seltenheit. Wer also brav alle Abgaben leistet, dem bleibt wenig zum Leben, meint er.

Türkische Billig-Konkurrenz im Vormarsch

Dass allerdings türkische Friseurgeschäfte boomen, kann er sich nicht erklären. Für Nass-Schneiden und Föhnen muss der heimische Unternehmer 19 Euro verlangen. Türkische Friseure bieten dieselbe Leistung um 13 Euro an. Haarschnitt ohne Waschen beträgt sogar nur zehn Euro. „Laut Gesetz dürfen Friseure nur 18 Kunden am Tag bedienen. Ein schneller Friseur schafft in 20 Minuten einen Kunden. Laut Kollektivvertrag verdienen meine Angestellten zumindest 1.350 netto. Reine Personalkosten habe ich jährlich pro Mann und Nase 32.000 Euro. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich viel oder wenig Kundschaft habe. Denn diese variiert von Monat zu Monat. Und die Angestellten profitieren vor allem durch das Trinkgeld der Kunden. Ich als Chef schaue da eher durch die Finger“, wird beklagt.

Ausländische Arbeitslose wollten schwarz arbeiten

Gegenüber unzensuriert.at berichtet der Friseurunternehmer außerdem, dass sich bei ihm mehrmals ausländische Arbeitslose beworben hätten, die schwarz arbeiten wollten. „Bewerber gaben an, dass sie offiziell auf geringfügiger Basis angemeldet werden möchten, aber volle 40 Stunden oder mehr arbeiten wollen. Nicht nur, dass ich vielleicht etwa 7.000 Euro an Personalkosten gehabt hätte, hätten die Bewerber nebenbei noch die Arbeitslose beziehen können – also doppelt abkassiert“, berichtet der Kleinunternehmer. Er vermutet, dass dies bei seiner Konkurrenz auch so gehandhabt wird. Auf solch einer Basis könnten Friseursalon-Besitzer eine extreme Gewinnspanne einfahren, was auch erklärt, warum die Preise derart gedrückt werden können.

Geschäftsöffnungszeiten werden nicht eingehalten

Auch beachtet werden müssen die vorgeschriebenen Öffnungszeiten, die von der türkischen Konkurrenz nicht immer eingehalten werden - der ORF berichtete vor einigen Monaten. Dabei wurde bekannt, dass es in Wien 1.670 Friseursalons gibt. Ein Drittel wird von Einwanderern geführt. Anlassbezogen ersuchte unzensuriert.at den Geschäftsführer der Landesinnung Wien der Friseure, Kurt Schebesta, der im ORF-Beitrag prominent zu Wort kam, um Stellungnahme, inwieweit bei ihm Beschwerden im Bereich des Sozialbetrugs bekannt gemacht wurden. Seine lapidare Antwort:

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, zu Vermutungen, Gerüchten und Spekulationen Stellung zu nehmen, schließlich sind wir in einem Rechtsstaat. Dass es auf Grund diverser Beschwerden von Anrainern Grund zur Annahme gibt, dass hier Gesetze nicht immer eingehalten werden, diese Annahme teilen wir. Klar ist aber: Es ist Aufgabe der Gebietskrankenkasse, des Arbeitsinspektorates, des Marktamtes, der Gewerbebehörde zu kontrollieren, um entweder die Gerüchte im Keim zu ersticken oder aber durch entsprechendes Vorgehen Rechtsbrüche einzustellen.

Der Trick mit der "Stuhlmiete" erspart die Registrierkassa

Wie unzensuriert.at seitens eines Informanten bei der Finanz zugetragen wurde, stellt das Nichteinhalten der Geschäftsöffnungszeiten nicht das Hauptproblem dar, weil Unternehmer im Gegensatz zu Angestellten nicht an derart strenge Arbeitszeiten gebunden sind. Allerdings – und das passiere häufig – würden gern angegeben, dass sämtliche Arbeiter in Friseursalons dort als eigene Unternehmer tätig seien. Somit werde auch der Umsatz nicht erreicht, der die Anschaffung einer Registrierkassa in einem Salon notwendig mache. Eine sogenannte „Stuhlmiete“ für einen Kleinstunternehmer ist rechtlich zulässig. Faktisch, heißt es vom Informanten aus der Finanz, dass so langfristig Scheinselbstständigkeiten verschleiert werden.

Finanz führt Türken-Friseur als "Scheinunternehmen"

Unzensuriert.at nahm einige türkische Friseurgeschäfte unter die Lupe. Einer in Ottakring, der mit besonders niedrigen Preisen aufgefallen ist, scheint im Internet nur vage auf. Es gibt keine eigene Internetseite, lediglich auf Facebook wird aktiv geworben. Der Besitzer wird namentlich aber nirgends erwähnt. Nur seine Mobilnummer und die Adresse des Geschäfts sind ersichtlich.

Und das hat auch einen Grund, die Nummer führt nach Recherchen unserer Redaktion zu einer GmbH mit Sitz in Wien-Leopoldstadt, die allerdings, so sieht man auf anderer Seite, inaktiv ist. Letztendlich landete unzensuriert.at auf einer Seite des Finanzamts, bei der die Firma seit 2016 in der Kategorie „Liste der Scheinunternehmen“ geführt wird.

Schlampige Rechnung hatte Konsequenzen

Wie unzensuriert.at ebenfalls zugetragen wurde, hatte der Türke keine Kasse, sondern steckte das verdiente Geld einfach in seine Tasche. Ein Kunde allerdings forderte eine Rechnung. Der verdutzte Türke soll ihm darauf lediglich einen kleinen Zettel in die Hand gedrückt haben, auf dem handschriftlich 10 Euro eingetragen wurde samt einem Firmenstempel. Der Kunde wandte sich an die Finanz. „Eine solche Rechnung ist in der Form ein absolutes No-Go. Der Laden bekam Besuch von der Finanzpolizei“, erfuhr unzensuriert.at.

Und dennoch. Obwohl der Betrieb seit genau zwei Jahren als Scheinfirma bekannt ist, erfreut er sich nach wie vor über Kundschaft. Der damalige Besitzer, der angezeigt wurde, dürfte auch weiterhin als Unternehmer - eventuell mit einer anderen GmbH? - aktiv sein und bietet günstige Preise an. Offensichtlich lohnt es sich trotz Schwierigkeiten mit der Finanz weiterhin, im Geschäft zu bleiben.

Türken bedienen nur Männer und Kinder

Auffallend ist außerdem, dass viele türkische Friseure nur Männer und Kinder bedienen. „Das größte Geschäft wird aber mit Frauen gemacht“, wurde unzensuriert.at zugetragen. Für den heimischen Unternehmer, der legal arbeitet, bleibt die Sache weiterhin ein Rätsel.

Auch gäbe es das Gerücht, dass türkische Friseure nicht auf Gewerbe- sondern auf Vereinsbasis arbeiten würden. Da sie nur Mitglieder bedienen würden, hätten sie Steuervorteile. Eine solche Methode blieb bis dato unbestätigt.

Widerstand wächst und wird medial bekannt

Fakt ist, dass in Wiener Bezirken wie Ottakring, Simmering, Favoriten oder der Brigittenau das Straßenbild von türkischen Friseurgeschäften geprägt wird. Und mittlerweile werden sie zu einem Problem für heimische Unternehmer. Wie die Kronen Zeitung aktuell berichtet, regt sich Widerstand. Der Friseurmeister Peter Masarik fordert ein rasches gemeinsames Vorgehen von Innung, Marktamt, Finanz und Sozialversicherung.

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