Der "Anti-Dschihad": Von einem, der auszog, den Kurden gegen den "Islamischen Staat" zu helfen

Enno Lenze besuchte die Kampfgebiete im Nordirak und stellte wichtige Kontakte nach Deutschland her. Foto: unzensuriert.at
Enno Lenze besuchte die Kampfgebiete im Nordirak und stellte wichtige Kontakte nach Deutschland her.
Foto: unzensuriert.at
22. Juni 2018 - 17:28

Enno Lenze führt ein ungewöhnliches Leben. Es begann schon in frühester Kindheit, als er mit seinen Geschwistern in einem kleinen Kuhdorf in Ruanda aufwuchs, wo seine Eltern Entwicklungshelfer waren. Als sich die Lage zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi immer mehr verschärfte, kehrte die Familie Anfang 1987 nach Deutschland zurück- und der kleine Enno sah mit viereinhalb Jahren zum ersten Mal bedrohliche Ungetüme wie Rolltreppen oder Aufzüge, die er partout nicht betreten wollte, da er Angst hatte, dass sie ihn „fressen“. Das sorgte schon bei der Einreise am Flughafen für etlichen Stress.

Vom Kuhdorf in Ruanda zum "Chaos Computer Club"

Es dauerte eine Zeit, bis sich der naturverbundene Bub an westliche Technik und Gebräuche gewöhnte. Später, als Jugendlicher, faszinierte ihn genau diese Technik dermaßen, dass er beschloss, Computer-Hacker zu werden. Er besuchte einfach eine Messe des „Chaos Computer Clubs“ (CCC), wurde schnell in die Hacker-Gemeinschaft aufgenommen und war schon nach wenigen Jahren ein Profi. Nicht, um anderen zu schaden, sondern um auf Sicherheitslücken hinzuweisen. Nicht einmal die Polizei blieb von den Aktivitäten des CCC verschont.

Von Werner Grotte

Mit solchen Jobs verdiente der junge Enno schon ganz ordentlich. Doch es sollte noch besser kommen. Der geschichtlich Interessierte wollte anlässlich eines runden Jahrestages der Besetzung Berlins durch Napoleon mit sogenannten „Reenactors“ (Geschichtsdarsteller) den Triumphzug durch das Brandenburger Tor nachstellen. Dazu verpflichtete man ein Napoleon-Double und ein paar Darsteller französischer Soldaten. Bei der Polizei angemeldet wurde die Veranstaltung für maximal 500 Besucher, mit mehr rechnete man nicht.

10.000 kamen zu Napoleons "Einzug" in Berlin

Doch ein paar Lokalzeitungen hatten über das bevorstehende Schauspiel berichtet, das Wetter war gut, und plötzlich hatte Napoleons Soldaten-Trupp allein schon 250 Mann in prächtigen Kostümen, Touristen wie Berliner scharten sich massenweise um das Spektakel, und letztlich kamen rund 10.000 Besucher, die von einem einzigen schwitzenden Polizisten bewacht wurden. Schließlich mussten die Massen aus Platzgründen in die Lustgärten umdirigiert werden, wo weitergefeiert wurde.

Die Medien feierten den Erfolg und die „Historiale“ war geboren, die schon bald zum größten Geschichtsfestival Europas avancierte und über Jahre zu jedem historischen Anlass entsprechende Veranstaltungen durchführte.

Enno kauft sich einen alten Luftschutz-Bunker

Um gewisse zeitgeschichtliche Themen besser darstellen zu können, kaufte Enno einem alten Berliner Ehepaar sogar einen in Privatbesitz befindlichen Bunker aus dem 2. Weltkrieg ab und baute die darin befindliche Geisterbahn zu einem Museum um.

Politisch fühlte sich Enno zu den Piraten hingezogen, weil dort im Prinzip jeder andocken konnte, um seine Fähigkeiten einzubringen. Mitten in sein Engagement beim Berliner Parteiableger erreichte ihn 2011 eine Einladung eines alten Freundes seines Vaters, der in Kurdistan lebte und Enno als historischen Gastredner für ein kurdisch-deutsches Kulturfest gewinnen wollte. Und Enno sagte kurzerhand zu und flog nach Erbil im autonomen Kurdengebiet des Nordirak.

Religionen, die sieben Mal so alt sind wie der Islam

Schon am hochmodernen Flughafen mit vielen gut geschminkten und Kopftuch-losen Frauen an den Schaltern musste Enno sein von Karl-May-Erzählungen geprägtes Kurdistan-Bild korrigieren. Er fand ein modernes, aufgeschlossenes Land mit wissbegierigen und äußerst hilfsbereiten Menschen vor, die ihn zunehmend begeisterten. Damals gab es auch noch zahlreiche Touristen im Land, die alte Kulturstätten, pulsierende Städte oder die Skigebiete frequentierten. Und er fand uralte Religionen wie die Jesiden oder die Zarathustrier, die hier noch äußerst lebendig waren und deren Ursprünge etwa 8.000 Jahre zurück liegen.

10.000 Giftgas-Tote bei Operation "Anfal"

Doch die Geschichte hatte es nicht immer gut gemeint mit den Kurden. Unter Saddam Hussein etwa gab es immer wieder Repressalien gegen Minderheiten, die in den berüchtigten „Anfal“-Operationen 1988/89 gipfelten, bei denen mittels Giftgasangriffen aus der Luft zahlreiche Dörfer buchstäblich ausgerottet worden waren. Mindestens 10.000 Kurden starben, 100.000 leiden bis heute an den Spätfolgen.

"Krisengebiets-Beauftragter" mit bewaffneter Eskorte

Die vielen Bekanntschaften, die Enno bei diesem ersten Besuch machte, sollten ihm bei seinen weiteren Kurdistan-Reisen, die zum Teil direkt in die Kriegsgebiete mit dem IS führten, sehr helfen. Als „Krisengebiets-Beauftragter“ der Piraten war er fortan offizieller Gast der Regierung, durfte Flüchtlingslager besuchen, bekam eine schwerbewaffnete Eskorte und lernte hohe politische und militärische Führer kennen, aber auch viele einfache Menschen, die ihm erschütternde Geschichten erzählten. Eine Zeit lang lebte er in einer Kaserne der Peschmerga mit einem Schlafsack am Boden und begleitete die Kämpfer auf ihren Patrouillen. Schließlich geriet er samt seiner Eskorte in einen Feuerüberfall des IS und überlebte nur mit Glück.

Deutsche Hilfe für die Peschmerga-Kämpfer

Seinen Publikationen und Kontakten ist es zu verdanken, dass Kurdistan in seinem verzweifelten Kampf gegen den IS zunehmend in den Fokus öffentlichen Interesses rückte und die deutsche Regierung den Peschmerga-Kämpfern – nach langem Zögern – schließlich dringend benötigte Waffen, Ausbildner und Logistik lieferten.

Ein teils sehr unterhaltsames Buch über einen ungewöhnlichen Menschen, das in manchen Passagen an die skurrilen Schilderungen des Burgschauspielers und Autors Joachim Meyerhoff aus seiner Jugend erinnert. Umso erschreckender dann die Erzählungen über die bestialischen Übergriffe der IS-Terroristen an Andersgläubigen und die Auslöschung ganzer kurdischer Städte, für die man wirklich einen guten Magen braucht.

Enno Lenze. Fronturlaub - Wie ich in meiner Freizeit in Kurdistan den Kampf gegen den IS unterstütze, statt unter Palmen zu liegen. Das Buch ist um 20,60 Euro über die Buchhandlung Stöhr zu beziehen.

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