Die Musikbranche im politischen Mistkübel | Unzensuriert.at

Die Musikbranche im politischen Mistkübel

Die Toten Hosen (Bild:Sänger Campino) geben ein Gratiskonzert gegen besorgte Demonstranten. Foto: opethpainter / wikimedia (CC BY 2.0)
Die Toten Hosen (Bild:Sänger Campino) geben ein Gratiskonzert gegen besorgte Demonstranten.
Foto: opethpainter / wikimedia (CC BY 2.0)
31. August 2018 - 13:20

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Musik ja war irgendwie von jeher immer ein wenig Ausdruck einer persönlichen Überzeugung oder eben nicht-Überzeugung. Sie zog ins Feld gegen Kriege, gegen unliebsame Präsidenten oder eben eine ganze Wählerschicht.

Gastkommentar von Verena Rosenkranz

Im Fall des wohl bekanntesten Musikfestivals aus den 1960er-Jahren, dem Woodstock, das übrigens niemals in diesem Ort stattfand, stand die politische Meinungsäußerung sogar im Mittelpunkt. Sie war zumindest der vordergründige Zweck des Zusammenkommens. Die Weltspitze der damaligen Popkultur – die Beatles, Rolling Stones, Doors, Blind Faith oder sogar Bob Dylan - glänzte allerdings durch Abwesenheit. Bis auf ausreichenden Drogennachschub fehlte es der Veranstaltung eigentlich an Jeglichem. Am Ende musste die US-Army Notverpflegung und Notärzte einfliegen. Und so wurde das aus Vietnam bekannte und verhasste Rotorenknattern der Armeehubschrauber gerade in dem Augenblick zum Symbol des rettenden Staatseingriffs, als die Bands gegen die verhasste Politik Amerikas zu Felde ziehen wollten.

Das letzte Aufbäumen

Ein ähnliches Stillleben bot sich dem geneigten Musikfreund auch vor mittlerweile mehr als zehn Jahren im hintersten Eck des provinzialen Österreich auf den pannonischen Feldern. Da grölte sich Campino, der Frontsäger seiner vermeintlich „systemkritischen“ Band, die Seele gegen den damals noch oppositionellen Politiker HC Strache aus dem Leib. In seiner Heimatgegend rund um Düsseldorf wusste zwar niemand, wer der unbequeme Rechtspolitiker war, die Botschaft kam am "Nova Rock" allerdings umso schlechter an. Für die blau wählenden Anhänger der Gruppe hörte Politik nämlich bei populärer Musik auf (ohne Zweifel gibt es genügend Bands, die sich politische Botschaften aus rechts und links explizit auf die Fahnen schreiben - aber eben nicht die breite Masse als Zielpublikum haben). Und daran hätten die Toten Hosen auch besser getan.

Das hätten sich auch in klägliche Vergessenheit geratene Musiker wie Wolfgang Ambros mahnend merken können. Wenn sich ein gescheiterter Bundeskanzler Christian Kern nämlich mit dem abgehalfterten Pensionistenmusiker auf ein Bier trifft, um über die aktuelle Koalition zu lästern, ist das für keinen der beiden eine Auszeichnung.

Offensichtlich scheint es allerdings gerade modern zu sein, bei fehlendem Einspielerfolg seine politischen Kontakte oder Überzeugungen zu nutzen, um wieder ins Gespräch zu kommen. Dass man allerdings gratis ein Konzert gibt, um irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, zeigt den enormen Grad der Verzweiflung recht gut. Während sich tausende junge Menschen um mehr als 180 Euro eine Eintrittskarte zu mehrtätigen Musikveranstaltungen kaufen, nur um ihre Lieblingsgruppe zu hören, spielen viele davon die nächsten Tage umsonst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Würde jeder Besucher nur einen symbolischen Euro bezahlen, könnte der Familie des Chemnitzer Mordopfers ein mehr als würdevolles Begräbnis gespendet werden. Ein schlechter Trost.

Mit Trommelwirbel gegen rechts

Sachsen ist ja immer eine Reise wert. Die politische Aussage hinter den Auftritten dürfte beim Durchsehen der Gästeliste in sozialen Medien den Meisten egal sein. Da findet sich der 20-jährige Pegida-Anhänger genauso wie der schwule Hundefriseur aus Westberlin. Wenn die Beatsteaks und Scorpions jetzt noch auf den bunten Willkommenszug der Hosen, Kraftklub und Caspar in Chemnitz aufspringen, könnte das wirklich eine Megastimmung werden. So viel kann der Sprit für musikverliebte Menschen gar nicht kosten, in Vorfreude auf gleich mehrere ihrer musikalischen Favoriten. Die geben sich unter dem Motto „Wir sind mehr“ ein Stelldichein gegen die direkt aus der Hölle entstiegene Demonstrantenmeute. Mit Lauten und Saitenspiel gegen die unbändige Wut tausender Bürger auf ein brandgefährliches System? Großes Kino.

Aber jetzt einmal im Ernst: Warum hat eigentlich noch niemand die Böhsen Onkelz oder Andreas Gabalier angerufen? Die Situationskomik wäre kaum zu überbieten. Allein an der Tatsache, dass sich letztere für solche Zwecke aber nicht entblöden, lässt sich recht fein erkennen, an welchem Punkt die angeblich "systemkritischen" Musiker und ihre offenkundig dazugehörende politische Überzeugung angekommen sind.

Verena Rosenkranz ist Journalistin und Autorin des Buches "Aber - eine Generation rechnet mit ihren Eltern ab". Die Jungmutter engagiert sich seit ihrer Jugend für Politik und Gesellschaft.

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