Bischofsmord in der Türkei: Täter wird Unzurechnungsfähigkeit attestiert

Luigi PadoveseMurat Altun, dem mutmaßlichen Mörder des katholischen Bischofs Luigi Padovese wurde letzte Woche von einer psychiatrischen Klinik "geistige Umnachtung" attestiert. Der 26jährige Chauffeur des Bischofs hatte zugegeben, dem Priester am 4. Juni 2010 in dessen Haus im südtürksichen Iskenderun die Kehle durchgeschnitten zu haben. Während die Staatsanwaltschaft Einspruch gegen das Gutachten einlegte und es in Istanbul überprüfen lassen möchte, forderte die Verteidigung die sofortige Freilassung ihres Mandanten und seine Überstellung in ein Krankenhaus.

Mord an Bischof kein Einzelfall in der Türkei

Luigi Padovese

Luigi Padovese

Bischof Padovese wurde von seinem Chauffeur ermordet.
Foto: Raymond Spekking / Wikimedia

Die Ermordung des Bischofs reiht sich in eine Serie von Anschlägen auf Christen und insbesondere Priester in den vergangenen Jahren ein. Im Februar 2006 wurde der katholische Priester Andrea Santoro in Trabzon im Norden der Türkei von einem 16jährigen in seiner Kirche erschossen. Auch in diesem Fall berief sich der Täter auf Geisteskrankheit. Später stellte sich zudem heraus, dass Santoro zum Zeitpunkt seiner Ermordung bereits seit November 2005 von der türkischen Polizei überwacht worden war. Er solle die Unterwanderung der nordöstlichen Türkei betrieben und am Aufbau eines unabhängigen Staates der Pontus-Griechen mitgewirkt haben. Die überwiegende Mehrzahl der Griechen in diesem Raum fiel allerdings bereits 1923/24 Vertreibungen zum Opfer; Anhaltspunkte für eine entsprechende separatistische Bewegung konnten bisher nicht gefunden werden, obwohl das Thema immer wieder von türkischen Medien aufgegriffen wird.

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Im April 2007 wurden drei protestantische Missionare in der südosttürkischen Stadt Malatya in ihrem Bibelverlag stundenlang gefoltert, bevor ihnen die Kehle durchgeschnitten wurde. Dem Haupttäter wurden gute Kontakte zur örtlichen Polizei nachgesagt. Für die Christen gab es keinen Schutz, obwohl bekannt war, dass sie bedroht worden waren. Der Fall geriet nicht nur wegen der besonders brutalen Vorgehensweise der Täter international in die Schlagzeilen. Der Staatsanwaltschaft wurde vorgeworfen, wesentlich intensiver über die Missionstätigkeit der Opfer ermittelt zu haben als über das Umfeld der Täter.

Missionstätigkeit als "Bedrohung" für die Türkei

Obwohl sowohl christliche Religionsausübung als auch Missionierung in der Türkei als laizistischem Staat offiziell erlaubt ist, sehen sich Christen und vor allem Priester in einer sehr schwierigen Situation. Gerüchte über Geldzahlungen für Muslime, die zum Christentum konvertieren, kursieren. Auch von offizieller Seiten werden Christen in der Türkei als Spione, Verräter und Barbaren, deren Schulen und Kirchen als schädliche Einrichtungen bezeichnet. So zum Beispiel in türkischen Schulbüchern, die vom Erziehungsministerium veröffentlicht wurden. Angesichts der 100.000 Christen in der Türkei – ungefähr 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung – muten die Unterstellungen, die religiöse Minderheit wäre daran, den Staat zu zerstören, eher bizarr an.

Der Fall Dink – Bis heute keine Klarheit

 

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Blumen am Ort von Dinks Ermordung
Quelle: Anil Ciftci, Makril / Wikimedia

Ebenfalls großes Echo rief die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink im Jänner 2007 auf offener Straße hervor. Dink hatte immer wieder die türkische Regierung wegen ihrer Haltung in der Frage des Völkermordes an den Armeniern kritisiert und wurde 2006 zur einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen Beleidigung des Türkentums verurteilt. Sein 16 jähriger Mörder kam ebenfalls aus Trabzon, die Vorgehensweise war ähnlich der des Mörders von Santoro. Dinks Ehefrau sah deswegen eine Verbindung zwischen beiden Taten – eine Sichtweise, der sich auch Bischof Padovese anschloss. Während sich die offizielle Türkei in diesem Fall hinter das Opfer stellte, warf das Verhalten türkischer Polizisten ein eigentümliches Licht auf die Exekutive, zumal Beamte mit dem Täter und einer türkischen Fahne für Photos und ein Video posierten.

Parallel zum Prozess gegen Dinks Mörder und dessen Hintermänner, der sich immer noch hinzieht, wurde die Türkei inzwischen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Mitschuld am Tod des Journalisten verurteilt. Dink sei, obwohl seine Gefährdung bekannt gewesen wäre, nicht ausreichend geschützt worden.

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