Die Geldsammler-Familie des Milliardenbetrügers Madoff

Bernard MadoffFür die Bank Austria wird die Affäre Madoff jetzt ungemütlich. Die Klage von Masseverwalter Irving Picard ist zwar nicht die erste, aber die mit Abstand höchste, die gegen das Unternehmen in Zusammenhang mit dem Madoff’schen Schneeballsystem erhoben wird. 19,6 Milliarden Dollar will Picard für die Opfer eintreiben. Im Mittelpunkt der Vorwürfe stehen die einstige Medici-Bankerin Sonja Kohn und ihre Familie.

Von den Zuflüssen zu Madoffs System sind laut Klageschrift 9,1 Milliarden Dollar Kohn zuzurechnen. Sie soll nicht nur unter dem Namen Sonja Kohn aufgetreten sein, sondern wahlweise auch als Sonja Blau Kohn, Sonja Blau, Sinja Kohn, Sinja Blau oder Sinja Türk. Mit ihr beklagt sind zahlreiche Familienmitglieder: Ehemann Erwin K., Mutter Netty B., Sohn Robert Alan K., Tochter Rina H. sowie die beiden Schwiegersöhne Moishe H. und Mordechai L.

Geschäftsbeziehung zu Madoff begann in New York

Bernard Madoff

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Milliardenbetrüger Madoff: Sonja Kohn fütterte sein System.
Foto: U.S. Department of Justice

Die fruchtbringende Partnerschaft Kohn-Madoff begann laut Klageschrift Mitte der 80er Jahre, als die Familie Kohn nach New York übersiedelte. Sonja Kohn war für die mittlerweile gescheiterte Investmentbank Merrill Lynch tätig und wurde dem Börsen-Guru Madoff vorgestellt. Fortan vermittelte sie ihm Kunden bzw. deren Geld, heißt es – in Summe 9,139 Milliarden Dollar. Kohn soll dafür fette Provisionen erhalten haben – mindestens 62 Millionen Dollar.

Rückendeckung aus Finanzwelt und Politik

Wer derartige Summen einsammelt, noch dazu für eine Art der Geldanlage, die intransparenter nicht hätte sein können – so intransparent, dass es fast 25 Jahre lang nicht auffiel, dass gar kein Geld investiert wurde -, der braucht dafür nicht nur Überredungskünste und Verhandlungsgeschick, sondern auch Rückendeckung. Die hatte Sonja Kohn reichlich. Ihre Bank Medici wurde mit Beteiligung der Bank Austria gegründet. Beim Erlangen der Banklizenz soll nach Aussagen von Insidern der damalige Bank-Austria-Boss Gerhard Randa kräftig mitgeholfen haben. Ein treuer Verbündeter war auch der ehemalige Chef der Wiener Börse, Stefan Zapotocky, der sich von Kohn über „Kooperationen mit ausländischen Handelsplätzen“ beraten ließ. Da wundert es auch nicht, dass selbst „Finanzexperten“ auf den Madoff-Betrug reinfielen und zu den Geschädigten zählen – unter anderen auch Randas Vorgänger Rene Alfons Haiden und der frühere Notenbanker Adolf Wala.

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Auch zwei ehemalige Minister waren mit Eifer bei der Sache. Hannes Farnleitner, der für die ÖVP das Wirtschaftsressort führte, und der frühere SPÖ-Finanzminister Ferdinand Lacina saßen im Aufsichtsrat der Bank Medici. Sie gehören jedoch – anders als die beiden Finanzexperten Randa und Zapotocky – nicht zu den Beschuldigten.

Auch Bank Austria profitierte vom „illegal scheme“

Als „illegal scheme“ (illegales Komplott oder Ränkespiel) bezeichnet Anwalt Picard die Machenschaften von Kohn. Finanziell profitiert haben demnach nicht nur sie, sondern auch ihre Familie, eine Reihe von Firmen, die großteils unter ihrer Kontrolle standen, sowie auch die Bank Austria und ihre italienische Konzernmutter UniCredit, die das Geld ihrer Kunden vor allem über die sogenannten Primeo-Fonds einsammelten – ein Name, den Sonja Kohn frei erfunden haben soll.

Kohns Name findet sich übrigens auch in einer anderen Klage von Masseverwalter Picard – in jener gegen die britische Bank HSBC und den Schweizer Vermögensverwalter Genevalor. Im Schweizer Tagesanzeiger wird Kohn als „eine jüdische Geschäftsfrau, die in Zürich einen Wohnsitz hat“ bezeichnet, was insofern von Bedeutung sei, "als dass Bernard Madoff, ebenfalls Jude, insbesondere seine Glaubensgenossen überredete, in seine Fonds zu investieren".  Man nenne Kohn auch „Königskobra“, heißt es außerdem.

Madoff landete im Gefängnis, Kohn auf ihren Füßen

Als Madoff fiel und mit ihm Kohn und die Bank Medici, da landete der Milliarden-Betrüger im Gefängnis, das er angesichts des Strafmaßes von 150 Jahren wohl nicht mehr lebend verlassen wird. Sonja Kohn hingegen landete geradewegs auf ihren Füßen. Zwar ist ihr Aufenthaltsort derzeit nicht bekannt und hieß es unmittelbar nach Bekanntwerden des Skandals auch, sie müsse sich vor russischen Madoff-Investoren verstecken, doch mittlerweile ist sie – so ließ ihr Anwalt ausrichten – „im Bereich erneuerbare Energien tätig und wie schon zuvor viel geschäftlich unterwegs.“

Ausrichten ließ er auch, dass Kohn alle Vorwürfe zurückweise und sich weiterhin als Opfer des Milliardenbetrügers Madoff sehe. Ähnlich argumentiert auch die Bank Austria. Für alle in diesem Artikel Genannten gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Geschädigte Anleger in Österreich, die ihre Prozesse gegen die Bank Austria zum Teil schon verloren haben, schöpfen dennoch Hoffnung aus dem resoluten Auftreten von Masseverwalter Picard – und vor allem aus dem vielen Wissen, das er im Zusammenhang mit seiner Klageschrift gesammelt hat. Für einen einzelnen Wiener Anwalt sei die Sache nämlich oftmals zu komplex, und – so heißt es aus Anwaltskreisen: Es gebe in Österreich bei den Gerichten eine gewisse Hemmschwelle, sich mit großen Banken anzulegen.

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