Naher Osten: Frieden in einer Woche, wenn der Stärkere nachgibt

George NicolaDer Nahe Osten rückt einmal mehr in den Mittelpunkt. Auch in Österreich. Vor wenigen Tagen besuchte der israelische Vizeminister Ayoob Kara FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache, um Unterstützung für Israel im Kampf gegen den Terrorismus zu werben. Auf der anderen Seite freuen sich die Araber, dass immer mehr Länder den unabhängigen Staat Palästina anerkennen. Inzwischen haben dies praktisch alle Staaten in Südamerika getan. Krone-Kolumnist Kurt Seinitz empfahl Österreich, bei der Frage der Anerkennung Palästinas nicht lange zu zögern.

Aufgrund dieser Entwicklung sprach Unzensuriert.at mit dem einflussreichen Chef der palästinensischen Ärzte- und Apothekervereinigung in Österreich, Dr. George Nicola, über die aktuelle Situation. Nicola gehört der gemäßigten Fatah-Partei an und stammt aus einer christlichen Familie in Nazareth.

George Nicola

George Nicola

Dank für die Anerkennung Palästinas: George Nicola überreichte der
brasiliansichen Sängerin Denise de Macedo eine Krippe.

Sie haben bei einer Veranstaltung der „Föderation für den Weltfrieden“ eine brasilianische Sängerin umarmt, und sich choram publico bei ihr bedankt, weil Brasilien das erste Land war, das denStaat Palästina nach den Grenzen von 1967 anerkannt hat. Wie schauen diese Grenzen aus und gibt es berechtigte Hoffnung, dass Palästina ein unabhängiger Staat wird?

Die Hoffnung besteht. Allerdings sind die Siedlungen, die Israel gebaut hat, ein großes Problem. Laut UNO-Beschluss hätten sie das nicht machen dürfen. Ariel Sharon hat die Siedlungen im Gaza-Streifen geschlossen, das müsste Israel auch in Jerusalem machen, als Beweis, dass ein Frieden möglich ist.

Nachgefragt: Wie verlaufen die Grenzen?

Im Grunde geht es um das Westjordanland, den Gazastreifen und um Ost-Jerusalem.

Bevor nun ein palästinesischer Staat entsteht, müssten jenes Gebiet, wo jetzt die Fatah regiert, und jenes Gebiet, wo die Hamas die Macht hat, zusammenkommen. Oder geht das auch ohne Hamas?

Es geht um den Gaza-Streifen, egal wer dort regiert. Der Gaza-Streifen ist ein Teil des palästinensischen Staates.

Mittlerweile hat praktisch ganz Südamerika Palästina anerkannt. Das war ein Schneeballsystem. Mit 100 Millionen Euro will die EU im Jahr 2011 den Aufbau eines demokratischen Palästinenserstaates fördern.

Richtig. Ich habe auch davon gehört, dass es in Europa bereits acht Staaten gibt, die Palästina als souveränen Staat anerkennen wollen.

Es gibt immer wieder Klagen, dass der Staat Israel das arabische Volk schlecht behandle und ihm systematisch seine Rechte nehme. In Ost-Jerusalem etwa leben 190.000 Juden und 240.000 Araber, doch nur 20 Prozent des jährlichen Budgets kommen den arabischen Vierteln zugute. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Ja, das stimmt schon. Vor allem die Wasserversorgung ist sehr wichtig. Nicht nur das Trinkwasser, sondern auch Wasser zur Bewässerung. Funktioniert das nicht, wird es eng für Palästina. Europa hat die prekäre Situation des Landes erkannt und vor wenigen Tagen die Zölle für Export-Waren aus Palästina aufgehoben.

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Sie sind ein Fatah-Mann. Von WikiLeaks gibt es die Meldung, dass der Chef der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas (Fatah-Partei), mit dem Boss des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, Juval Diskin, fast alle Erkenntnisse austausche. Diese Nachricht stammt WikiLeaks zufolge von der US-Botschaft in Tel Aviv vom 13. Juni 2007.

George Nicola

George Nicola

George Nicola im Unzensuriert-Gespräch in einem libanesischen Kaffeehaus.

Das glaube ich nicht. Das ist eine unwahre Sache. Die Hamas ist nicht beliebt im Gaza-Streifen. Ich kann mir vorstellen, dass die Hamas in der Westbank stärker werden will. Das geht schneller, wenn man jemanden als Verräter hinstellt.

Was können Sie in Österreich tun, um auf eine friedliche Lösung einzuwirken?

Wir haben zu allen Parteien in Österreich gute Kontakte. Soviel ich sagen kann, sind die meisten Parteien auch für einen unabhängigen Staat Palästina.

Ist ein Frieden im Nahen Osten nur möglich mit einem eigenen Palästinenserstaat?

Es könnte auch ein Staat für alle Religionen werden, wie es Muammar al-Gaddaffi vorgeschlagen hat. Wichtig wäre nur, dass alle in Harmonie leben. Ohne Unterdrückung, ohne Nationalismus und mit Gleichbehandlung.

Sie sagten in einem Interview mit dem Falter, dass die Leute nicht den Verstand, sondern ihre Gefühle sprechen ließen, als sie die Hamas gewählt haben. Wie kann man das den Europäern erklären?

Ganz einfach. Durch die Zerstörung, die Israel gemacht hat, brachte Israel Jassir Arafat in Bedrängnis. Ohne Grenzwall und illegalem Siedlungsbau hätte die Hamas die Wahl nie gewonnen. Auch die Islamisierung meiner Landsleute ist bloß eine Reaktion.

Sowohl in Israel als auch in Palästina regieren derzeit rechte Parteien. Macht das den Friedensprozess schwieriger?

Es ist sehr schwierig.

Die amerikansiche Entscheidung, den Siedlungsbau in Ost-Jerusalem zu akzeptieren, kam nicht gut an.

Es war eine sehr schlechte Entscheidung. Weil wir hatten die Amerikaner als unparteiische Verhandler akzeptiert, doch jetzt sind sie auf einer Seite.

Sie sind jetzt 65 Jahre alt. Glauben Sie, dass Sie einen Frieden im Nahen Osten noch erleben werden?

Die Möglichkeit besteht. Es gibt viele, die sagen, wenn Israel will, kann schon in einer Woche Frieden kommen. Der Stärkere muss nachgeben, der Schwächere kann nur sagen, dass er den Frieden möchte.

Welche Forderungen haben Sie an Israel?

Dass sie sich aus den Siedlungsgebieten zurückziehen und dass sie die Grenzen von 1967 anerkennen mit Ost-Jerusalem als palästinensisches Gebiet.

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