Die Österreich-Connection der irischen Pleitebank

Anglo Irish BankDer größte Sargnagel des irischen Staatshaushalts ist die Anglo Irish Bank. Schon Anfang 2009 wurde sie notverstaatlicht. Die staatlichen Geldspritzen und Garantien in Milliardenhöhe ließen das Budgetdefizit explodieren und bescherten Irland die drohende Staatspleite, die nur durch die EU-Rettung abgewendet werden konnte. 22 Millionen Euro vom Staat stecken in der Anglo Irish, erklärte der neue Vorsitzende Alan Dukes Anfang September. Aus dem EU-Rettungsschirm wird noch einiges dazukommen. Was kaum bekannt ist: Anglo Irish machte auch in Österreich Geschäfte – auch recht dubiose.

Anglo Irish Bank

Anglo Irish Bank

In Dublin gingen Menschen gegen die Anglo Irish auf die Straße,
in Wien agierte die Bank diskreter.
Foto: John Higgins Euro Election Campaign / flickr

Ende September 2008 war die Anglo Irish Bank insolvent. Fehlende Möglichkeiten zur Refinanzierung und eine Massenflucht der Anleger zwangen das große Geldinstitut unter staatliche Kontrolle. Und genau zu diesem Zeitpunkt gab die Bank den Verkauf ihrer Österreich-Tochter bekannt – einer gar nicht so kleinen und durchaus feinen Bank für vermögende Kunden. Was auf den ersten Blick logisch erscheint – die Bank brauchte dringend Geld –, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als höchst merkwürdiges Manöver.

Denn die österreichische Tochtergesellschaft hatte, was das Stammhaus in Irland sukzessive verlor: Einlagen. Rund 600 Millionen. Und Einlagen sind Banken zur Finanzierung ihrer Geschäfte allemal am liebsten, vor allem dann, wenn die Kreditwürdigkeit ohnehin stark leidet und eine Refinanzierung am Interbankenmarkt scheitert. Noch dazu widersprach der Verkauf allen Bekenntnissen der jüngsten Vergangenheit: Dem Jahresbericht 2006 der Anglo Irish war zu entnehmen, dass das Einlagengeschäft von Privat- und Firmenkunden mit Standorten in Irland, Großbritannien, der Isle of Man und – eigens erwähnt – Österreich eine Hauptquelle der Finanzierung sei und man sogar plane, dieses zu erweitern.

Österreich-Tochter war plötzlich "eher unwichtig"

Beim Verkauf las sich das ganz anders. Die Tochtergesellschaft wurde als „eher unwichtig“ bezeichnet, sie habe nur ein Prozent zum Ertrag der Anglo Irish beigetragen. Die Österreich-Tochter ging an die Schweizer Bankengruppe Valartis. Für 141 Millionen Euro, von denen 24 Millionen dem Käufer vom Verkäufer als Darlehen zur Verfügung gestellt wurden. Man hatte es mit dem Abstoßen offenbar so eilig, dass man dem Käufer noch Geld dafür borgte.

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Die renommierte Finanzjournalistin Kathleen Barrington lässt in ihrem Artikel in der Irish Sunday Post durchblicken, dass es bei dem Deal weniger ums schnelle Geld gegangen sein könnte als vielmehr um den Schutz der exquisiten Kundschaft, die im Durchschnitt als reich, in Einzelfällen wohl als superreich zu bezeichnen ist. Dem Jahresbericht von Valartis nach der Übernahme der Anglo Irish Austria war zu entnehmen, dass die neue Österreich-Tochter ein Vermögen von rund 1,25 Milliarden Euro für etwa 4000 Kunden verwalte – pro Kopf also gut 300.000 Euro Einlagen. Die drohende Verstaatlichung der Anglo Irish hätte für viele von ihnen gefährlich werden können. Immerhin ist Österreich durch sein Bankgeheimnis auch ein Steuerparadies. Ausländer können Geld hier am Fiskus ihrer Heimatländer vorbeischwindeln, ihre Identität wird nicht preisgegeben. Auch Schwarzgeld liegt in Österreich traditionell gut.

Diskretion für Kunden durch Verkauf an Schweizer Bank gewahrt

Durch den Verkauf an die Schweizer blieb der Schutzschild aufrecht. Der neue Eigentümer Valartis macht klar, dass sein Angebot sich insbesondere auch an Ausländer richtet: „Wir konzentrieren uns auf internationale Kunden […] Wir arbeiten eng mit Spitzen-Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern aus der ganzen Welt zusammen. Viele unserer Kunden nutzen Strukturen wie Trusts oder Offshore-Gesellschaften, da diese flexible Optionen im Hinblick auf Anlageschutz, Vertraulichkeit und Nachfolgeplanung gewähren.“

Mafia-Geld soll über Anglo Irish gewaschen worden sein

Einen Eindruck davon, wer die Dienste der kleinen, feinen Österreich-Tochter der Anglo Irish in Anspruch nahm, vermittelt ein Profil-Artikel aus dem März 2010. Es geht um den größten bekannten Fall von Geldwäsche in der Geschichte Italiens. Mafiageld der kalabrischen N’Drangheta soll im großen Stil über österreichische Konten gelaufen sein – unter Mitwirkung zweier Telekom-Konzerne. Das Karussell drehte sich zwischen der Raiffeisen-Zentralbank, der Bank Austria und der Anglo Irish Austria. Mehr als zwei Milliarden Euro waren zwischen 14 Tarngesellschaften und ihren 14 Konten unterwegs – jeder Cent davon mindestens einmal in Österreich.

Die Rolle der Anglos Irish Austria und ihrer Manager in diesem Kriminalfall ist noch zu untersuchen. Das Verfahren insgesamt bzw. der Teil davon, der in Österreich anhängig ist, gestaltet sich sehr schleppend. Diesmal scheitert es an Beweismaterial aus Rom, wo die Mafia freilich über nicht wenig Einfluss verfügt.

Ex-Bankenaufseher Stanzel in Wien und Dublin hochaktiv

Für einen haben sich die Geschäfte der Anglo Irish Austria in jedem Fall bezahlt gemacht: Der Österreicher Anton Stanzel wurde 2001 vom lokalen Vorstand in den Konzernvorstand nach Irland berufen, aus dem er 2005 in den Ruhestand überging. Wenn die Anglo Irish Austria tatsächlich „eher unwichtig“ war, wie sie beim Verkauf dargestellt wurde, dann hat Stanzel wohl großes Glück gehabt. So wie schon 1996, als er als Sektionschef im Finanzministerium unter anderem für die Glücksspielaufsicht zuständig war, nebenbei aber auch Aufsichtsrat der australischen Tochter der Casinos Austria, von der er sogar 50.000 Aktien erwarb. Das Investment ging in die Binsen. Stanzels Glück war, dass er trotz dieser offensichtlichen Unvereinbarkeit seinen Job behalten durfte. Außerdem war er auch Leiter der Bankenaufsicht und saß als Staatskommisär im Aufsichtsrat der BAWAG, als dort die Karibik-Verluste entstanden. Dann wechselte Stanzel die Seiten und verdiente am Ende seiner Karriere noch einmal richtig Geld – bei der Anglo Irish, jener Bank, die heute wie keine andere für das Versagen von staatlicher Bankenkontrolle steht.
 

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