Online-Wissen in Buchform: Wikipedia und seine Trittbrettfahrer

BildWer die aktuellen, allgemein anerkannten Informationen über ein beliebiges Thema wissen möchte, liest sie im Zeitalter der Informationsgesellschaft in der Internetenzyklopädie Wikipedia nach. Da sie durch wenige Klicks erreichbar und im Falle neuer Ereignisse in Kürze aktualisiert ist, hat sie ihren gebundenen Verwandten einiges voraus. Doch genau diesen Vorteil ignoriert der VDM-Verlag kurzerhand – und verkauft abgedruckte Wikipedia-Artikel in Buchform.

Der Autor Baal Müller, der in der Jungen Freiheit publiziert, staunte nicht schlecht, als er bei einer Google-Suche ein Buch über sich selbst entdeckte – und das, ohne dass er jemals von einem Autor oder Verleger kontaktiert geworden wäre. Nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass das "Buch" komplett aus dem Wikipedia-Artikel über seine Person übernommen wurde. Doch wie ist es möglich, dass diese wenigen Absätze die angepriesenen 112 Seiten füllen – und was rechtfertigt den exorbitanten Preis von 60 Euro?

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Der Untertitel des Buches – eine Liste von Schlagwörtern – gibt ein wenig mehr Klarheit über den Inhalt. Alle Verknüpfungen zu anderen Artikeln, die in dem kleinen Artikel über Baal Müller vorkommen, sind dort aufgelistet – offenbar wurden, um das Wikipedia-Erlebnis zu rekreieren, auch die Inhalte dieser Themen in das Buch aufgenommen. Die Kurzbeschreibung, die sich auf Wikipedia findet, ist ebenfalls nahezu ident mit den ersten Sätzen der Wikipedia-Beschreibung über den Autor.

Automatischer Ausdruck für 60 Euro

Was mithilfe eines Computerprogrammes vollautomatisch ausgelesen und ausgedruckt werden konnte, wurde hier von 3(!) Verlegern zwischen Buchdeckel gepackt, mit elegantem Design geschmückt und mir dem fast schon verhöhnendem Hinweis "High Quality Content by WIKIPEDIA articles!" versehen – wer die Praktiken des Wiki-Journalismus auch nur ansatzweise kennt, kann darüber nur schmunzeln.

 

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Ist ein Abdruck der Wikipedia sinnvoll?
Bild: Sansculotte / Wikimedia

Ausschließlich im Web veröffentlichte Informationen in Buchform zu bringen, um der Leserschaft ein angenehmeres Leseerlebnis sowie eine kompakte Form der wichtigsten Informationen zur Verfügung zu stellen, kann durchaus sinnvoll sein. Dies ist jedoch nicht der Fall, wenn jederzeit variable Informationen mit fraglichem Zusammenhang automatisiert in Papier gepresst werden. Dass einige Bücher 60 Euro wert sind, steht ebenfalls außer Frage – man denke nur an großartige Bildbände oder wohlrecherchierte Fachbücher auf Universitätsniveau – doch für ein Heftchen aus Internetausdrucken ist dieser Preis blanker Hohn.

Unzensuriert-Jahrbuch: Billiger und besser

Ein Paradebeispiel für sinnvolle Verlegung einer Onlineplattform – deren Artikel sich nicht konstant gemäß der gerade überwiegenden Meinung verändern – ist das Unzensuriert-Jahrbuch 2010. Am Ende des Kalenderjahres wurden die wichtigsten und relevantesten Artikel der Internet-Zeitung zusammengestellt, nach Themen gegliedert, in einen Gesamt-Zusammenhang gesetzt und in einem praktischen Handbuch veröffentlicht, um des interessierten Lesers Bücherregal um die bedeutendsten Themen dieser Zeit und ihre ausführliche, unzensurierte Behandlung zu erweitern. Für 10 statt 60 Euro im Unzensuriert-Laden erhältlich.

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