Vor 400 Jahren endete das grausame Werk der ungarischen „Blutgräfin“

Am 29. Dezember 1610 stürmten bewaffnete Männer unter dem Befehl von Georg Graf Thurzo von Bethlenfalva die Burg seiner Cousine Elisabeth Bathory und nahmen diese sowie mehrere ihrer Diener fest. Ihr wurde vorgeworfen, hunderte von jungen Mädchen grausam zu Tode gefoltert zu haben. Bathory ging als eine der grausamsten Serienmörderinnen in die Geschichte ein, sie hält noch heute den „Guiness Buch der Rekorde“-Titel in dieser bizarren Kategorie. Bald verschwommen Tatsachen und Legenden zum Mythos der „Blutgräfin“. Über die Jahrhunderte hinweg hat Bathory als Vorbild für unzählige Schriftsteller, Filmemacher und Musiker gedient. Wie Vlad III Draculea lebt sie bis heute als Ikone des Grauens fort. Doch inzwischen mehren sich auch Stimmen, die Bathory als Opfer einer Intrige sehen. Was also steckt wirklich hinter der Legende der Blutgräfin? Und warum fasziniert sie die Menschen bis heute?

Leben in stürmischen Zeiten

Die ungarische Adelige Elisabeth Bathory wurde 1560 in eine der einflussreichsten Familien Osteuropas hineingeboren. Ihr Großvater war Wojewode von Siebenbürgen, ihr Onkel König von Polen und Großfürst von Litauen. Im Alter von elf Jahren wurde sie mit Franz Nadasdy von Fogarasföld vermählt, der den Beinamen „Schwarzer Ritter“ trug – angeblich wegen seiner grausamen Behandlung gefangener Feinde. Gesichert ist, dass sich Nadasdy große Verdienste im Kampf gegen die Türken erwarb, unter anderem eroberte er Stuhlweißenburg (Szekesfeherfar) und Gran (Esztergom) von den Türken zurück. Seit der ungarischen Niederlage gegen die Türken in der Schlacht bei Mohacs 1526 war Ungarn mehr und mehr zum Schlachtfeld christlicher Heere gegen die vorrückenden Osmanen geworden. Beide Seiten führten ihre Kriegszüge mit unerbittlicher Grausamkeit. Dazu kam der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten wie Elisabeth Bathory, die in Ungarn starken Zulauf hatten.

Als 1604 Bathorys Mann starb, hinterließ er seiner Frau ein riesiges Vermögen und ausgedehnte Ländereien. Viele ihrer Festungen waren von großem strategischem Wert. Aber auch ihr Reichtum – die Habsburger als Könige von Ungarn waren bei Bathory hoch verschuldet – machte sie zu einer für ihre Zeit ungewöhnlich mächtigen Frau.

Der Prozess – Ende einer Sadistin oder Opfer einer Intrige?

Nach der von König Matthias II befohlenen Erstürmung ihrer Burg Cachtice in der Nähe von Pressburg wurde Bathory unter Hausarrest gestellt und ihr sowie mehreren Dienern 1611 der Prozess gemacht. Die Vorwürfe waren unglaublich: Mit Hilfe ihrer Untergebenen sollte sie unzählige junge Mädchen auf grausame Weise gefoltert und ermordet haben. Während der Erstürmung fanden die Angreifer angeblich mehrere nackte Leichen mit verschiedensten Verstümmelungen in ihrer Burg. Auch in Wien, wo Bathory ein Stadthaus besaß, sollte sie ihr Unwesen getrieben haben.

Bathory wurde schließlich schuldig gesprochen und in ihrer Burg in einem Zimmer eingemauert, nur durch ein Fenster konnte sie bis zu ihrem Tod 1614 Kontakt zur Außenwelt halten, ihre Diener wurden hingerichtet.

Ob Bathory die ihr zur Last gelegten Taten wirklich begangen hat, ist heute umstritten. Die Urteile zeitgenössischer Historiker reichen von einer der schlimmsten Serienmörderinnnen aller Zeiten über eine besonders grausame Adelige bis zum Opfer einer Intrige. Für letzteres werden mehrere Gründe ins Treffen geführt: Im Zeitalter der Gegenreformation zählte Bathory zu den mächtigsten protestantischen Adeligen in Ungarn. Dazu war ihr Verwandter Stefan Bathory, Wojewode von Siebenbürgen, ein Gegenspieler des Habsburgers König Matthias II. von Ungarn, ihr großer Besitz mag ein zusätzlicher Anreiz gewesen seien. Hinweise für echte Beweise liegen dagegen nicht vor, die Geständnisse ihrer Diener wurden unter der Folter erzwungen, Bathory durfte am Prozess nicht teilnehmen.

Gegen die Unschuld der Gräfin sprechen eher außergewöhnlichen Vorwürfe; bei fingierten Prozessen der frühen Neuzeit wurden gegen die Angeklagten meist andere Anklagepunkte erhoben. Nachdem sich die Bauern der Umgebung schon längere Zeit über das Verschwinden ihrer Töchter beschwert hätten, erregte angeblich erst die Verschleppung adeliger Töchter das Interesse des königlichen Hofes und seines Umfeldes – im Kontext der frühneuzeitlichen Ständeordnung und der Stellung Bathorys ein verständlicher Vorgang. Natürlich bleibt die Möglichkeit, dass Matthias und seine Anhänger die Verbrechen Bathorys nutzten, um sich der mächtigen Gräfin zu entledigen. Dass die Wahrheit für immer im Dunklen bleiben wird, verstärkte die Legendenbildung noch mehr – und wird es wohl auch in Zukunft tun.

„Dracula war eine Frau“ – Der Mythos der Blutgräfin

Anfang des 17. Jahrhunderts fügte der Jesuit Laszlo Turoczi in der Absicht, die ungarischen Protestanten zu verunglimpfen, einen letzten Teil hinzu, der die Legende um ein weiteres Versatzstück erweitere. Bathory solle um der Erhaltung ihrer Jugend willen im Blut von Jungfrauen gebadet und dieses auch getrunken haben. Bis heute bilden drei Hauptelemente den Mythos um die Blutgräfin: Bathory als Bluttrinkerin, als gräfliche Vampirin – sehr wahrscheinlich war sie sogar eine entfernte Verwandte des Urvampirs Vlad III Dracula. Bathory als grausame Serienmörderin. Bathory als sexuelle Sadistin. Dass ihre Opfer allesamt weibliche Jungfrauen gewesen sein sollen, gab der letzten Komponente einen besonderen Beigeschmack. So bleibt das Bild einer abartigen sadistischen Vampirin, wobei die lesbische Komponente mehr oder weniger verdeckt immer mitschwingt und -schwang.

Von Sacher-Masoch zu Heavy Metal

Im 19. Jahrhundert wurde Elisabeth Bathory zur beliebten Romanfigur. Schauerromane wurden immer populärer – ein Genre, im dem die Blutgräfin bis heute präsent ist – aber auch Erzählungen mit sexuellen Motiven. Der österreichische Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, damals ein gefeierter Romacier, heute bekannt für den Masochismus, machte sie als brutale Femme fatale in seinem Werk „Ewige Jugend“ zur Hauptfigur – eine Anspielung auf ihre Blutbäder. Joseph Sheridan Le Fanu, einem irischen Schriftsteller, diente die Gräfin als Vorlage für seinen Vampirroman „Carmilla“, der in der Steiermark spielt. Bram Stoker, der Erschaffer des Vampirs Dracula, wollte dieses Motiv anfangs für seinen weltberühmten Roman übernehmen, entschied sich dann aber für Transsylvanien – damals waren beide Gebiete Teil der Habsburger Monarchie.

Im 20. Jahrhundert hielt die Figur der Gräfin Bathory Einzug in den Film und in die Rockmusik. Bathory ist inzwischen zu einer fixen Größe des Horrorfilms geworden. In den 1960er und 70er Jahren nahmen sich die legendären Hammer-Studios des Themas an; Bathory kam als blutrünstige Vampirin zu Ehren, wobei die homoerotische Komponente im Hintergrund präsent war. Wesentlich eindeutiger waren die Filme des Italieners Jess Franco, die zwischen brutalem Horror und harter Pornographie standen. Im 2007 erschienenen Schocker „Hostel 2“ findet sich eine eindeutige Anspielung auf Bathory, wenn eine gleichnamige Frau ein Blutbad nimmt. Auch Abseits von Vampirhorror und Sex bleibt Bathory ein Thema. Erst 2009 wurde der Film „Die Gräfin“ auf der Biennale uraufgeführt.

In der Musik ist Bathory vor allem im Heavy Metal und im Gothic Rock präsent. Als 1982 das wegweisende Album „Black Metal“ der britischen Band Venom erschien, wurde der Gräfin mit „Countess Bathory“ ein eigener Titel gewidmet. Die schwedische Heavy Metal Band „Bathory“ benannte sich kurz danach nach der Adeligen. Angesichts derartig lauter Epigonen scheint es ausgeschlossen, dass die Blutgräfin auch in Zukunft Ruhe findet.

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