Zukunftswege nach dem Scheitern des Euro

D-MarkDie Einführung des Euro als europäische Gemeinschaftswährung  – 1999 als Buchwährung und 2002 als Bargeld – galt als Höhepunkt im Prozess der europäischen Einigung. Inzwischen wird die gemeinsame Währung allerdings immer öfter in Frage gestellt. Vor allem die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung der Euro-Staaten sorgt für enormen Zündstoff. Um die gemeinsame Währung zu stützen, sind die wirtschaftsstarken Euro-Staaten gezwungen, die schwächeren massiv zu unterstützen, wodurch deren Schulden de facto vergemeinschaftet werden. Gegen diese Solidar- und Transferunion regt sich vermehrt Widerstand. Außerdem steht kein politisch einheitlicher Wille hinter dem Euro; die Interessen der Euro-Staaten sind teilweise völlig unterschiedlich. Welche Zukunftsszenarien sind unter diesen Voraussetzungen denkbar?

Deutschland kehrt zu D-Mark zurück

Kehrt Deutschland als mit Abstand wirtschaftsstärkster Euro-Staat zur D – Mark als nationaler Währung zurück, wäre dies das Ende des Euro. Für Deutschland selbst wäre das zwar ein Kraftakt, aber durchaus machbar. Die logistischen Konsequenzen – die Ausgabe von D-Mark – wären bewältigbar, und die Deutsche Bundesbank verfügt über entsprechende Währungsreserven, um den deutschen Banken ihre Liquidität zu garantieren.

D-Mark

D-Mark

Wagt Deutschland die Rückkehr zur eigenen Währung?
Foto: Gunnar Ries Amphibol / Wikimedia

Eine neue D-Mark wäre eine außerordentlich harte Währung, da hinter ihr die starke deutsche Exportwirtschaft stünde. Eine Abwertung anderer Währungen gegenüber der D-Mark könnte zu kleineren Exporteinbußen führen; angesichts der hohen Qualität deutscher Exportgüter sowie der Marktführerschaft in gewissen High-Tech-Bereichen, wäre dies aber zu verkraften. Außerdem würde eine starke D-Mark Importe von Rohstoffen und Halbfertigwaren, von denen Deutschland in hohem Maße abhängig ist, verbilligen. Der deutsche Export in Euro-Staaten ist gegenüber dem Export in Länder außerhalb der EU stark zurückgegangen, so dass ein teilweiser Verlust von Absatzmärkten in Europa inzwischen verkraftbar wäre. Die deutsche Bundesbank wäre in der Lage, eine rein auf deutsche Interessen ausgerichtete Währungspolitik zu betreiben. Das Geld, das derzeit als Transferleistungen in andere Euro-Staaten fließt, könnte im eigenen Land investiert werden.

Für die großen deutschen Auslandsvermögen wäre eine Wiedereinführung der D-Mark von großem Nachteil. Durch die Aufwertung der D-Mark gegenüber ausländischen Währungen, würden diese Vermögen deutlich an Wert verlieren. Außerdem würden hohe Kosten anfallen, um die D-Mark gegenüber Wechselkursrisiken abzusichern; im Vergleich zu den Transferleistungen an schwache Euro-Länder wäre dies aber noch immer die günstigere Lösung.

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Auch wenn eine Rückkehr zu D-Mark wirtschaftlich machbar und sinnvoll wäre, so stehen dem doch große politische Probleme gegenüber. Bereits vor der deutschen Wiedervereinigung wurde die D-Mark von französischen Regierungsvertretern als “deutsche Atombombe” bezeichnet.  Der damalige französische Präsident Fancois Mitterand drohte Deutschland unverhohlen mit politischer Isolierung. Auch wenn sich die Position Deutschlands verbessert hat, so ist doch mit einer deutlichen Verschlechterung des Klimas mit anderen EU-Staaten zu rechnen. Mit dem Ende des Euro wäre die EU als Projekt insgesamt in Frage gestellt.

Um wirtschaftliche Interessen wirksam durchsetzen zu können, bedarf es, wie dies der deutsche Ex-Präsident Horst Köhler angedeutet hat, auch militärischer Stärke. Die Frage verstärkter eigenständiger Rüstung würde sich zwangsläufig stellen – für Frankreich und Großbritannien ein Horrorszenario.

Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten

Zwei andere Szenarien würden auf eine Teilung Europas in zwei ihrer Wirtschaftskraft entsprechende Währungszonen hinauslaufen: Die schwächeren Staaten verlassen den Euro-Raum, oder der Euro wird in einen weichen und einen harten Euro aufgespaltet.

Zu den stärkeren Ländern werden neben Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland, Niederlande und Luxemburg teilweise auch Polen und Estland (Euroland seit 2011) gezählt. Dass Griechenland, Italien, Spanien und andere freiwillig aus dem Euroraum ausscheiden, ist extrem unwahrscheinlich. Inflation, ein Bankensturm und stark steigende Zinsen für diese Länder wären die Folgen. Während die erste Gruppe entlastet würde, wären die anderen Länder von wirtschaftlichem Chaos bedroht.

Eine Aufteilung in zwei Währungszonen wäre dagegen mit geringeren Risiken verbunden. Durch eine Währungsunion auch der schwächeren Staaten könnten die schlimmsten Folgen vermieden werden. Durch eine Abwertung wären diese in der Lage, ihre Exportfähigkeit zu verstärken. Schmerzliche Strukturreformen wären aber nicht zu vermeiden, die Gefahr der Destabilisierung bliebe.

Für die stabile Zone entstünden beträchtliche Vorteile, ähnlich denen einer Wiedereinführung der D-Mark für Deutschland. Auch wenn Deutschland eine derartige Hartwährungszone klar dominieren würde, so wäre es dennoch nicht so isoliert, auch für Staaten wie Dänemark und Schweden könnte eine derartige Hartwährungszone reizvoll sein. Sollten sich die schwächeren Staaten einem derartigen Szenario verweigern bestünde für die stärkeren ihrerseits die Möglichkeit eines gemeinsamen Austritts aus dem Euro.

Der Haircut

Haircut

Haircut

Die Gläubiger der Pleitestaaten sind bis jetzt ungeschoren davon gekommen.
Foto: US Navy, Gin Kai / Wikimedia

Eine Möglichkeit, die schwächeren Euro-Staaten zu entlasten, besteht in einem – möglicherweise erzwungen – Forderungsverzicht der privaten Gläubiger, der als Haircut bezeichnet wird. Für die betroffenen Staaten könnte dies aber zu massiven Liquiditätsmängeln in der Zukunft führen, da sich schwerlich neuerliche Geldgeber finden würden, müssten diese doch künftig um ihr Kapital fürchten. Um dies zu verhindern wäre eine Garantie für die bestehen Restschulden, ähnlich einem Ausgleichsverfahren, denkbar. Diese Garantie müssten die stärkeren Staaten abgeben – de facto stünden damit die stärkeren für die Schulden der schwächeren ein. Außerdem ist eine derartige Maßnahme kaum geeignet, verstärkte Schuldendisziplin zu fördern.

Fortsetzung der Transferunion

Durch die Veränderung des Lissabon-Vertrages wurde eine Transferunion geschaffen, da die EU Notkredite zu besonders günstigen Zinsen vergeben darf. Deutschland, Österreich und andere potente Staaten fungieren als Bürgen. Bei den Geberländern führt dies vermehrt zu Unmut, bei den Empfängerländern werden überfällige Reformen verzögert. Auch die ohnehin bereits geringe Haushaltsdisziplin dieser Staaten wird dadurch nicht gefördert. Sollten auch größere Staaten wie Spanien und Italien in Schwierigkeiten geraten, wäre der derzeitige Euro-Rettungsschirm von 750 Milliarden wahrscheinlich nicht ausreichenden, die Hilfen an Griechenland und Irland wären dann nur ein Vorspiel gewesen. Bereits jetzt kauft die Europäische Zentralbank in großem Umfang Anleihen schwächerer Staaten auf, um deren Wirtschaft zu stützen. Das Geld dafür müssen die nationalen Staatsbanken aufbringen. Diese Anleihen würden bei Zahlungsunfähigkeit einzelner Staaten wertlos, neues Geld würde benötigt. Außerdem würde dies im Fall Spaniens oder Italiens bei weitem nicht ausreichen, neue Transferleistungen in ungeahntem Ausmaß wären die Folge.

Die Transferunion scheint für die meisten Politiker derzeit noch der bequemste Weg. Doch in den Geberländern wächst der Unmut und damit der innenpolitische Druck. Ein weiteres Rettungspaket könnte das Fass zum Überlaufen bringen – und damit den Weg für alternative Lösungen freimachen.

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