Journalistische Nachhilfe für den „Falter“

Die Wiener Stadtzeitung "Falter" färbt den grünen Spitzelskandal um Karl Öllinger auf blau um. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird einfach der Überbringer der schlechten Nachricht geköpft. In diesem Fall eben Martin Graf als Medieninhaber von unzensuriert.at, weil auf dieser Seite der Mail-Verkehr zwischen dem grünen Abgeordneten Öllinger und einem Linzer Kripo-Beamten veröffentlicht wurde.

Der Autor der "Falter"-Artikels Florian Klenk ist Politik-Ressortleiter der Wiener Stadtzeitung und zugleich ein in Österreich hochdekorierter Journalist. Wie er selbst auf "Klenks Watchblog" schreibt, war er unter anderem 2005 Journalist des Jahres und unterrichtet Recherche an der Fachhochschule für Journalismus in Wien.

Wer recherchieren kann, der muss wissen, dass das Ergebnis einer Recherche oftmals auch sein kann, dass eine Geschichte keine Geschichte ist. So wäre das auch hier gewesen, wie Martin Graf mit einer kurzen Pressemeldung aufklären konnte. Herr Klenk hätte durchaus selbst zu diesem Ergebnis kommen können, wenn er sich bei der Recherche die richtigen Fragen gestellt hätte, wie zum Beispiel:

1.) Was ist daran bemerkenswert, wenn auf Martin Grafs Webseite unzensuriert.at ein Mailverkehr veröffentlicht wird, der am selben Tag auch auszugsweise von HC Strache auf einer Pressekonferenz präsentiert wird?

2.) Kann der Mailverkehr unter der Annahme, die FPÖ sei eine Partei mit intakten Kommunkationsstrukturen, nicht von jedem Abgeordneten oder Mitarbeiter gefunden bzw. diesem zugespielt worden sein?

3.) Was ist daran bemerkenswert, wenn Martin Grafs Büroleiter Walter Asperl als Mitglied der Unzensuriert-Redaktion zum Zweck der Veröffentlichung ein PDF-Dokument aus dem zugespielten Mailverkehr erstellt?

4.) Was ist daran verwunderlich, wenn gerade Martin Graf diesen Mailverkehr veröffentlicht, wo er doch seit Monaten Ziel einer Kampagne ist, die bei den Grünen federführend von Karl Öllinger betrieben wird?

5.) Wollen mir die Grünen mit der Geschichte von dem auf ihrem WC gefundenen Klubausweis einer freiheitlichen IT-Beauftragten vielleicht einen Bären aufbinden?

6.) Wer bitte sollte denn – um den darin implizierten Verdacht weiter zu spinnen – so dumm sein, erst Mails zu stehlen, danach das WC des Bestohlenen zu benutzen und dort auch noch einen Ausweis verlieren?

7.) Wäre es daher nicht auch denkbar, dass der Ausweis ganz woanders verloren und von den Grünen gefunden wurde?

8.) Warum konzentriere ich mich als objektiver Journalist so sehr auf die Herkunft des Mail-Verkehrs uns ignoriere dessen brisanten Inhalt weitgehend, während meine Redaktion es bei den von Karl Öllinger präsentierten angeblichen Bestelllisten eines deutschen Online-Versands doch ganz umgekehrt gehandhabt hat?

9.) Warum nehme ich nicht einfach Kontakt zur Unzensuriert-Redaktion auf, wenn mir alle anderen Fragen schon nicht von selbst in den Sinn kommen?

Fragen, die sich jeder Journalist stellen sollte, ein Journalist des Jahres und Recherche-Dozent wohl ganz besonders. Doch wenn selbst die qualitative Spitze der Branche so naiv ist und den Grünen jedes Wort glaubt, darf man sich auch nicht wundern, wenn dann zahlreiche andere Zeitungen das im Falter geschriebene für bare Münze oder wie es journalistisch heißt als verlässliche Quelle nehmen und einfach abschreiben: wie der Standard oder Österreich. Andere – wie der Kurier oder der ORF Wien – räumen wenigstens auch Martin Grafs Erklärung gleichen Raum ein wie den "Enthüllungen" des Falter. Die journalistischen Fragen, ob es sich dabei überhaupt um eine Geschichte handelt, stellen sich die Redakteure dort auch nicht.

Wir erlauben uns daher, die Fragen nach der Ursache des Qualitätsverlustes in heimischen Medien zu stellen: Ist der Veröffentlichungsdruck zu hoch? Sind die Journalisten einfach zu faul, um gewissenhafter zu recherchieren? Oder sind sie zu sehr miteinander verhabert – padon: vernetzt – um die Geschichte eines Kollegen zu hinterfragen?

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