Graf für Selbstbestimmungsrecht – Durnwalder dagegen

Die "Presse am Sonntag" befasst sich intensiv mit dem Thema Südtirol. Sie veröffentlicht dabei auch ein Interview mit dem Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf. Graf fordert, den Südtirolern endlich das seit Ende des Ersten Weltkriegs verwehrte Recht auf Selbstbestimmung zu geben, indem eine Volksabstimmung über die Zukunft des Landes abgehalten werden soll mit der Frage, "ob es ein Tirol geben soll".

Als erster Kritiker des Vorschlags meldet sich nicht ganz unerwartet der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder. Immerhin betreibt seine Südtiroler Volkspartei seit Jahrzehnten eine Anbiederungspolitik gegenüber der römischen Zentralregierung. Dennoch sind Durnwalders Kritikpunkte nicht nachvollziehbar:

1.) Durnwalder zweifelt an den Erfolgchancen einer Volksabstimmung und meint, für ein Ja zu Österreich bräuchte es Einiges an Mobilisierung und Vorbereitungszeit. Schön, dass Durnwalder immerhin noch genug Wunsch nach Tiroler Landeseinheit in sich trägt, dass er nur ein Ja zu Österreich als Erfolg betrachten würde. Trotzdem: Ein noch größerer Erfolg wäre es, nach 90 Jahren Fremdbestimmung endlich die Menschen entscheiden zu lassen, wohin sie gehören wollen. Wenn sie sich für Italien entscheiden, ist das zu akzeptieren.

2.) Durnwalder bezeichnet Grafs Vorstoß als unrealistisch und unverantwortlich und meint, eine Verschiebung der Grenzen sei in der heutigen Zeit schlicht nicht möglich. Ganz abgesehen davon, dass Durnwalder damit seinem ersten Punkt widerspricht, wonach für eine Volksabstimmung entsprechend mobilisiert werden müsste: Wie lange reicht das historische Gedächtnis des Herrn Durnwalder zurück? Vor nicht einmal 20 Jahren wurde die deutsche Teilung aufgehoben, brachen die Sowjetunion und Jugoslawien auseinander. Und da soll heute eine geringfügige Grenzverschiebung nicht möglich sein, noch dazu innerhalb der friedlichen Europäischen Union?

Man gewinnt fast den Eindruck, dem SVP-Politiker Durnwalder ist die Schutzmacht-Funktion Österreichs für die deutschen und ladinischen Südtiroler unangenehm. Trotzdem auch für ihn als Erinnerung: Das Selbstbestimmungsrecht ist ein Recht für das Volk und die Menschen – und nicht ein Recht des Landeshauptmanns, selbst über das Volk zu bestimmen.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, unterstützen Sie bitte das Projekt unzensuriert mit einer Spende. Per paypal (Kreditkarte) oder mit einer Überweisung auf AT58 1420 0200 1086 3865 (BIC: BAWAATWW), ltd. Unzensuriert

Copy link