Vergessene Seiten des Bruno Kreisky

BildWenn sich am 22. Jänner Bruno Kreiskys Geburtstag zum hundertsten Mal jährt, so scheint der vor zwanzig Jahre verstorbene ehemalige Bundeskanzler lebendiger denn je. Seine Person und sein Wirken erfahren dabei größtenteils höchstes Lob, Kritik ist äußerst selten. Vor allem seine Regierungsjahre von 1970 bis 1983 werden dabei aus den verschiedenste Blickwinkeln betrachtet. Viele andere Facetten seiner Person werden dabei außer Acht gelassen, obwohl gerade diese viel zum Verständnis seiner Person beitragen können.

Ein Kind der untergegangenen Monarchie

Kreisky wurde 1911 in der ausgehenden Donaumonarchie geboren und entstammte einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Familie aus dem Sudetenland. Sein Großvater zählte sich zu den Deutsch-Freiheitlichen und war der Schwager des bekannten Kunsthistorikers Josef Neuwirth, Mitglied im schlagenden Corps Austria Prag. Zwei seiner vier Onkel waren ebenfalls Waffenstudenten, von denen Kreisky das deutschnationale Lied "Die Wacht am Rhein" lernte. Besonders beeindruckt dürfte ihn aber sein sozialdemokratischer Onkel haben, der wohl auch seine spätere politische Richtung mitgeprägte. So war Bruno Kreisky ein typisches Kind der Doppelmonarchie, der er auch später verhalten positiv gegenüberstand. In seinen Memoiren kritisierte er zwar die führenden Politiker dieses Staates, kaum jedoch den Kaiser selbst, dem er zwar gute Absichten aber Führungsschwäche vorwarf.

Franz Joseph I.

Franz Joseph I.

Franz Joseph I. – gütig aber führungsschwach?
Foto: Wikimedia

Im Gegensatz zu manchen Historikern sah Kreisky die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges dennoch klar bei Österreich-Ungarn, dem der deutsche Verbündete zu Hilfe geeilt war. Seine positive Sichtweise über den untergegangenen multinationalen Staat mag später auch einige seiner politischen Entscheidungen mit beeinflusst haben wie seinen Einsatz für die Wiedererrichtung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, seine Befürwortung der Europäischen Gemeinschaften, aber auch seinen Einsatz für die deutsche Volksgruppe in Südtirol.
Besonders die Wiedererrichtung Österreichs war unter den Sozialdemokraten im Exil heftig umstritten. Namhafte Parteiführer wie Otto Bauer und Friedrich Adler sprachen sich vehement für einen Verbleib Österreichs beim Deutschen Reich nach dem Krieg aus und bezeichneten die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs als "reaktionäre Parole" (Bauer).

Antikommunismus

Es ist sicherlich ein Verdienst der österreichischen sowie der deutschen Sozialdemokratie, den Verlockungen einer Volksfront mit den Kommunisten vor, aber vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg widerstanden zu haben. Insbesondere während des Zweiten Weltkrieges gab es vielfache Kontakte zwischen beiden Gruppen im Exil, bei denen von kommunistischer Seite in Hinblick auf die Nachkriegsordnung immer auf ein derartiges Bündnis hingearbeitet wurde. Die Korrespondenz Kreiskys aus jener Zeit gibt davon Auskunft, war es doch neben der Frage der Unabhängigkeit Österreichs eines der beherrschenden Themen der verschiedenen linken Gruppen im Exil. Eine Zusammenarbeit schien Kreisky damals durchaus möglich, allerdings nur unter demokratischen Vorzeichen, wie er immer wieder betont; ein gewaltsamer Umsturz oder eine Sowjetisierung Österreichs wurde abgelehnt. Unter dem Eindruck der kommunistischen Machtergreifungen in der Tschechoslowakei, Ungarn und anderen mittel- und osteuropäischen Staaten grenzte sich die Sozialdemokratie immer schärfer gegen den Kommunismus ab und verweigerte die Zusammenarbeit; 1948 wurde mit Erwin Scharf der einflussreichste Befürworter der Volksfront aus der SPÖ ausgeschlossen.

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Ungarn 1956

Ungarn 1956

Ungarn 1956 – derartige Ereignisse festigten Kreiskys Antikommunismus
Foto: American Hungarian Federation / Wikimedia

Bruno Kreisky beendete 1969 für längere Zeit jegliche Annäherung an die Kommunisten mit der Eisenstädter Erklärung, in der jegliche Unterstützung oder Empfehlung durch die Kommunisten entschieden abgelehnt wurde. Immer wieder wies er auf die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten hin, eine Annäherung der beiden Denkrichtungen schien für ihn ausgeschlossen. Die aktuellen Entwicklungen –  Zusammenarbeit und Annäherung sozialdemokratischer Teilorganisationen an kommunistische Splittergruppen in Österreich oder sozialdemokratische Koalitionen mit Postkommunisten in Deutschland – wären Kreisky ein Dorn im Auge gewesen.

Südtirol

"Auf einen Mast mehr oder weniger soll es nicht ankommen" – es ist umstritten, ob Kreisky diese Aussage getätigt hat. Die ganze Wahrheit über das Verhältnis Bruno Kreiskys zu den Südtiroler Freiheitskämpfern wird wohl ebenso im Dunklen bleiben. Tatsache ist, dass sich Kreisky als Außenminister mindestens zweimal mit Mitgliedern des Befreiungsauschusses Südtirol BAS traf. Über den Inhalt der der dort geführten Gespräche existieren unterschiedliche Aussagen. Kreisky selbst beharrte bis zu seinem Lebensende darauf, die "Bumser" von ihren Anschlägen abhalten haben zu wollen. Deren Sicht der Dinge ist eine andere. Kreisky habe zwar vehement gefordert, keine Personen anzugreifen – woran sich die BAS-Aktivisten auch hielten –, den gezielten Einsatz von Gewalt gegen Sachen aber als wichtige Unterstützung seines politischen Einsatzes vor der UNO gewürdigt.
 

Kerschbaumer

Kerschbaumer

Der Südtirolaktivist Sepp Kerschbaumer starb nach
 
schweren Folterungen in italienischer Haft
Foto: Fantasy / Wikimedia

Im Gegensatz zu Kreisky, dessen Einsatz für die Südtiroler weit über SPÖ-Kreise hinaus gewürdigt wurde, spielte der damalige Koalitionspartner ÖVP eine äußerst unrühmliche Rolle. Nachdem die ÖVP den Südtirolern bereits 1946 mit dem Gruber-De Gaspari-Abkommen schweren Schaden zugefügt und die vielleicht günstigste Chance auf eine Rückkehr Südtirols verspielt hatte, intrigierten auch in den 1960er Jahren Teile der ÖVP massiv gegen Kreisky. Die FPÖ deckte auf, dass der schwarze Chefredakteur im Bundespressedienst, Hans Kronhuber, Informationen an die Neue Züricher Zeitung weitergegeben hatte, wonach Kreisky die Aktivisten unterstützt hätte. Innerhalb der ÖVP waren die Verbündeten Kreiskys in dieser Angelegenheit kaltgestellt worden, und Kanzler Alfons Gorbach deckte seinen Untergebenen Kronhuber.

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