Ungarns ORF-Korrespondent blamiert sich vor Journalisten | Unzensuriert.at

Ungarns ORF-Korrespondent blamiert sich vor Journalisten

10. Februar 2011 - 9:01

Ernst GelegsDiese Podiumsdiskussion hatte sich Ernst Gelegs, ORF-Korrespondent in Ungarn, wohl ganz anders vorgestellt. Ausgestattet mit Sätzen wie „Rücksichtsloser Umgang mit der Macht“, „Da läuft einem der kalte Schauer über den Rücken“ oder „Der Präsident ist nur eine Marionette des Premierministers“ schlug Gelegs im Österreichischen Journalisten Club scharfe Töne gegen das ungarische Mediengesetz an. Doch siehe da: Statt Applaus erntete er Buhrufe der Zuhörer. Mehr noch: Gelegs wurde tendenziöse Berichterstattung vorgeworfen.

Der Österreichische Journalisten Club (ÖJC) sorgt sich um das ungarische Mediengesetz. Nach Angabe des Club-Präsidenten Fred Turnheim (ORF) nahmen vor einigen Wochen vier Vorstandsmitglieder an einer Kundgebung vor der ungarischen Botschaft in Wien teil. Am 8. Februar lud Turnheim nun zu einer Podiumsdiskussion in die Wiener Blutgasse, wo sich das Vereinslokal des Journalistenclubs befindet. Am Podium: Turnheim als Diskussionsleiter, daneben ORF-Korrespondent Ernst Gelegs und Vince Szalay-Bobrovniczky, Botschafter der Republik Ungarn in Österreich. Das Publikumsinteresse war groß, insbesonders bei ungarischen Journalisten, Künstlern und Freischaffenden, die in Österreich leben. Und die sich – wie sich im Laufe der Diskussion herausstellte – über die einseitige Berichterstattung in österreischischen Medien maßlos ärgern.

Drei Sorgen der EU-Kommissarin

Der ungarische Botschafter in Wien, Szalay-Bobrovniczky, bemühte sich zwar um Diplomatie, musste seinem Ärger aber auch Luft machen: „Dass Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei in  Ungarn eine Zweidrittelmehrheit hat, ist nicht für alle leicht zu schlucken. Das ist selten in einem demokratischen, souveränen Staat, außer in Bayern, aber das ist kein souveräner Staat. Daher gibt es Verdächtigungen, die so einfach nicht stimmen.“ Der Botschafter bestätigte einen Brief der für Medien zuständigen EU-Kommissarin Neelie Kroes. Sie habe im Schreiben an die ungarischen Regierungsstellen drei Sorgen formuliert, „die eher technischer Natur sind“. In den nächsten Tagen würde Frau Kroes Antwort bekommen.

Säuberungsaktion in den Ministerien

 
 

Dann der Schlagabtausch zwischen Botschafter und ORF-Korrespondent Gelegs. Der sprach von „Säuberungsaktionen in den Ministerien“, „rücksichtslosem Umgang mit der Macht, der einem den kalten Schauer über den Rücken laufen lässt“ und besonders pikant: „Der Präsident ist nur die Marionette des Premierministers.“ Für diese Aussage entschuldigte sich Gelegs etwas später, nachdem das Publikum dagegen lauthals protestierte. Gelegs' Pauschalverurteilungen wollte auch der Botschafter nicht so einfach hinnehmen: „,Herr Gelegs, mir fehlen die Beispiele, wo in Ungarn undemokratisch eingegriffen wird. In der neu geschaffenen Medienbehörde war auch ein Platz für die Opposition vorgesehen, doch die konnte sich auf keinen Kandidaten einigen. Und wenn Sie die Ministerien ansprechen, muss ich Ihnen sagen, dass es überall in Europa normal ist, dass die neu gewählten Minister ihre eigenen Leute aussuchen.“

Pressereferenten sind nicht pünktlich

Ein konkretes Beispiel einer Medienzensur konnte Gelegs nicht nennen. Also änderte er die Taktik: „Natürlich gibt es keine Zensur. Die Medien werden automatisch zur Selbszensur gezwungen, durch schwammige Bestimmungen und mit der Androhung drakonischer Strafen.“ Botschafter Bobrovniczky konterte: „Ihre Bezeichnung Selbstzensur ist eine Gummigeschichte. Beispiel haben Sie wieder keines genannt. In Ungarn darf alles gesagt, alles geschrieben werden, das wird das neue Mediengesetz beweisen.“ Peinlich dann die Antwort Gelegs auf die Frage eines Journalisten, ob seine Arbeit in Budapest vom neuen Mediengesetz beeinträchtigt sei: „Die einzige Klage, die ich führe, ist, dass Pressereferenten nicht immer zurück rufen, wie sie es versprechen.“ Böse Ungarn! Böses Mediengesetz!  Böse Pressereferenten! Dass sie nicht gleich zurück rufen, wenn Herr Gelegs darum bittet, ist wirklich ein großes Vergehen. Ein Affront gegenüber dem ORF – hierzulande wäre das undenkbar. Pressereferenten österreichischer Regierungsmitglieder gehen in die Knie, wenn der ORF anklingelt.

Aufregung nach Vergleich mit Opernball-Demo

 

 

 

Ein Beispiel einer wirklichen Verfehlung konnte auf Nachfrage des Botschafters auch ÖJC-Präsident Fred Turnheim nicht nennen. Nur so viel: „Ich bin kein Ungar, ich kann das nicht wissen.“ Darauf der Botschafter: „Aber Sie sind doch Journalist?“ Turnheim ließ sich als Diskussionsleiter trotzdem nicht davon abbringen, das ungarische Mediengesetz weiterhin pauschal zu kritisieren. „In diesem Gesetz findet man zwar nichts, was es nicht in anderen Bestimmungen europäischer Länder auch gibt, doch sind in Ungarn sämtliche Grauslichkeiten der Mediengesetze von Europa drinnen.“ Im übrigen hatte Turnheim alle Hände voll zu tun, um den immer leiser werdenden ORF-Korrespondenten Gelegs, der schon zehn Jahre in Budapest tätig ist, vor den Angriffen des Publikums zu schützen. Wer es wagte, Gelegs und dem ORF tendenziöse Berichterstattung etwa von den Vorkommnissen im Jahr 2006, als friedliche Protestierer gegen die sozialistische Regierung niedergeschossen wurden, vorzuwerfen, der wurde von Turnheim gleich der politischen Propaganda bezichtigt. Völlig ins Diskussions-Abseits katapultierte sich der ORF-Korrespondent, als der die Budapester Demonstranten von 2006 mit der Opernball-Demo verglich. Da kam der Rat eines Zuhörers gerade recht, der Gelegs empfahl, zuerst vor der eigenen Tür (also im ORF, Anm.) zu kehren, bevor er andere kritisiere. Schließlich sei der Stiftungsrat im ORF ja auch nach dem politischen Proporz besetzt.

Wie gesagt. Gelegs hatte sich diese Podiumsdiskussion wohl ganz anders vorgestellt. Wen wundert's, dass der ORF-Mann am Ende der Veranstaltung seinen ORF-Kollegen Turnheim mehrmals aufforderte, Schluss zu machen, da er dringend weg müsse.

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