Kongo – Das Herz der Finsternis

 BestrafungReich an Rohstoffen und reich an Grausamkeiten – die Geschichte der letzten 150 Jahren des Kongo ist eine Geschichte menschlicher Gier und Brutalität. Die Schätze des riesigen Landes wurden seinen Einwohnern zum Fluch, der Krieg im Kongo um die Jahrtausendwende war der blutigste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Grauen

1899 erschien der Roman “Herz der Finsternis”, der seinem Autor Joseph Roth zu Weltruhm verhalf. In seinem Werk schildert Roth eine Flussfahrt durch den Kongo, in der der Protagonist Marlowe auf den Elfenbeinhändler Kurtz trifft. Den Hintergrund des Romanes bildet der Kongofreistaat, eine Privatkolonie des belgischen Königs Leopolds II., die der Entdecker Henry Morton Stanley ab 1878 für den König in Besitz genommen hatte. Kautschuk, Elfenbein und Kupfer bildeten die Hauptexportgüter der Kolonie, die Bevölkerung wurde zur Zwangsarbeit auf den Plantagen und in den Minen gezwungen.

Bestrafung

Bestrafung

Grausame Strafen standen im Kongo-Freistaat
auf der Tagesordnung.
Foto: Wikimedia

Die Methoden der Ausbeuter waren grauenhaft und gingen als Kongogräuel in die Geschichte ein. Den einzelnen Dörfern wurden Lieferquoten auferlegt, bei Nichterfüllung wurden die Einwohner streng bestraft. Auspeitschungen, Vergewaltigungen, das Abhacken von Gliedmaßen und Massenhinrichtungen waren an der Tagesordnung. Die einheimischen Soldaten mussten Rechenschaft über die von ihnen verschossene Munition ablegen. So präsentierten sie ihren Vorgesetzten für jede verschossene Patrone eine abgehackte Hand als Beweis, dass sie nicht privat damit gejagt hatten. Der Sklavenhändler Kurtz steht symbolisch für diese Gräuel, er lebt in einem mit menschlichen Schädeln ausgeschmückten Haus. Seine letzten Worte – “Das Grauen, das Grauen” – treffen die Realität. In den Jahren zwischen 1880 bis 1910 kam mehr als die Hälfte der kongolesischen Bevölkerung – geschätzte fünf bis zehn Millionen Menschen – um.

Mit blutigen Wirren in die Unabhängigkeit

Minenarbeiter aus Ruanda

Minenarbeiter aus Ruanda

Aus Ruanda stammende Arbeiter in einer Kupfermine um 1920.
Foto: Wikimedia

In Folge der weltweiten Empörung über die Grausamkeiten musste Leopold II. den Kongo an den Staat Belgien übertragen, die große Macht belgischer Konzerne blieb erhalten. Ab den 1930er Jahren wurde im Kongo auch Uran abgebaut, eine große Anzahl an Gastarbeitern, vor allem aus Ruanda, kam ins Land. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, schufen die Belgier die Force Publique, eine Truppe aus einheimischen Soldaten und belgischen Offizieren.

Der Rückzug der Belgier aus ihrer Kolonie vollzog sich 1959/60 völlig überstürzt. Bis 1958 hatte Belgien das Entstehen einer einheimischen Führungsschicht gezielt verhindert. Über die Force Publique, die weiterhin von weißen Offizieren befehligt wurde, sollte der Einfluss in dem rohstoffreichen Gebiet gewahrt bleiben. Die völlig instabile Situation zu Beginn der Unabhängigkeit war von den Belgiern durchaus beabsichtigt, sie sollten als Ordnungsmacht weiterhin benötigt werden. Die Meuterei der Force Publique gegen ihre weißen Offiziere im Juli 1960 machte diesen Plan jedoch zunichte.

Patrice Lumumba

Patrice Lumumba

Patrice Lumumba wurde unter Mithilfe der CIA ermordet.
Foto: Wikimedia

Aus den ersten Wahlen 1960 ging Patrice Lumumba als Sieger hervor und wurde Premierminister, sein Widersacher Joseph Kasavubu Präsident. Lumumba wurde zur tragischen, aber auch zwiespältigen Figur der Kongowirren. Im Westen einerseits als Kommunist verurteilt, andererseits als afrikanischer Befreiungsheld bewundert, geriet er schnell ins Fadenkreuz der belgischen Konzerne und der CIA, die eine Ausweitung des Einflusses Moskaus im Kongo befürchteten. Der Verdacht war nicht völlig unbegründet. Um ein Gegengewicht zum Einfluss der Westmächte zu schaffen, hatte sich Lumumba an Moskau gewandt. Ihn als Kommunisten zu bezeichnen, wäre dennoch verfehlt, seine politischen Ambitionen standen eher in der Nachfolge aufstrebender Dritte-Welt-Nationalisten wie Gamal Abdel Nasser in Ägypten und Sekou Toure in Guinea.

Briefmarke Katanga

Briefmarke Katanga

Briefmarke der unabhängigen
Republik Katanga.

Gleichzeitig mit der Unabhängigkeit des Kongo hatte sich die südliche Kupferprovinz Katanga mit Hilfe belgischer Truppen abgespalten. Um gegen die Sezession vorzugehen, riefen Lumumba und Kasavubu die UNO zu Hilfe. An der Staatsspitze kam es zum Zerwürfnis zwischen Lumumba und dem westlich orientierten Kasavubu, die sich gegenseitig für abgesetzt erklärten. Als sich im Osten bewaffnete Unterstützer Lumumbas sammelten, war das Land endgültig zerrissen. UN-Friedenstruppen – zum ersten Mal nahmen daran auch österreichische Soldaten teil – konnten dem Chaos keinen Einhalt gebieten. Nachdem sowohl Brüssel als auch Washington über Lumumba den Stab gebrochen hatten, wurde er 1961 von der Armee an seine Widersacher in Katanga ausgeliefert und dort ermordet. Die Gefahr einer Ostorientierung schien damit zunächst gebannt.

Die Kleptokratie Mobutus

Auch unter der Herrschaft Joseph Mobutus, der sich als Stabschef der Armee 1965 an die Macht putschte, kam der Kongo nicht zur Ruhe. Ein Jahr zuvor hatte der Simba-Aufstand das Land erschüttert, die Regierungsarmee war fast überrannt worden. Die Simba (Löwen) gaben sich als linksorientierte Lumumba-Anhänger aus, waren aber eher eine von Schamanen geführte Geistertruppe aus dem Urwald. Ihr Auftreten verbreitete unter der Bevölkerung Angst und Schrecken, ihre kurze Herrschaft im Ostkongo war von äußerster Brutalität gekennzeichnet. Überreste dieser Rebellen machten Mobutu weiterhin zu schaffen, während er Katanga aber wieder in den Kongo eingliedern konnte. Unterstützung erhielten die Rebellen, deren Anführer Laurent Kabila später Mobutu stürzen sollte, von Ernesto Che Guevara. Guevara, der die Revolution nach Afrika tragen wollte, äußerte sich später sehr despektierlich über seine ehemaligen Mitkämpfer.

Joseph Mobutu

Joseph Mobutu

Diktator Mobutu war lange Zeit ein gern gesehener Gast im Westen.
Foto: Frank Hall / Wikimedia

Durch seine prowestliche Ausrichtung genoss Mobutu die Unterstützung der USA und Frankreichs, denen auch der ungehinderte Zugang zu den Rohstoffen des Landes offenstand. Mobutu selbst bereicherte sich schamlos, sein Land, das er in Zaire umbenannte, zählte zu den korruptesten der Erde.

Endloses Blutvergießen

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verlor Mobutus Regime an Wert für seine westlichen Unterstützer, die Beziehungen zu den USA und Frankreich verschlechterten sich. Die Bürgerkriege in Ruanda und Burundi trugen zur Destabilisierung des Kongo bei, als hunderttausende Hutu vor der Rache der Tutsi in den Ostkongo flohen. Mit Hilfe der Tutsi und Ruandas, Burundis, Ugandas sowie logistischer Unterstützung der USA gelang es Rebellen unter Laurent Kabila, Mobutu 1997 zu stürzen; Kabila wurde Präsident. Seine Herrschaft dauerte nur kurz. Nachdem er sich mit seinen Verbündeten überworfen hatte und Hutu-Rebellen im Ostkongo unterstützte, brachen die Kämpfe mit großer Heftigkeit erneut aus. Da sich unzählige afrikanische Staaten von Libyen bis Südafrika an den Kämpfen direkt oder indirekt beteiligten, wird auch von einem afrikanischen Bürgerkrieg gesprochen. Auch außerafrikanische Mächte wie die USA, Frankreich, Israel und Nordkorea mischten in dem Konflikt mit; jeder versuchte, sich seinen Anteil an den reichen Rohstoffvorkommen des Landes zu sichern.

Joseph Kabila

Joseph Kabila

Joseph Kabila kann keinen Frieden im Kongo schaffen.
Foto: White House photo by Eric Draper / Wikimedia

2001 wurde Laurent Kabila ermordet, sein angeblicher Sohn Joseph folgte ihm nach. Das Land ist bis zum heutigen Tag zerrissen, Warlords kontrollieren verschiedene Teile. In den Kriegwirren der 1990er und 2000er Jahre kamen zwischen fünf und zehn Millionen Menschen ums Leben, mehr als in jedem anderen Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der Fluch der Rohstoffe

In kaum einem Land der Erde manifestiert sich der Fluch der reichen Rohstoffvorkommen so deutlich wie im Kongo. Gold, Kupfer, Diamanten, Uran, Erdöl, Zinn, Kobalt, Coltan und andere Rohstoffe sind in großer Menge vorhanden, der Abbau der Lagerstätten einfach. Anfang der 1970er Jahre wurden dem Kongo noch rasche Industrialisierung und hohes Wirtschaftswachstum vorausgesagt, die gewaltige Korruption und die Unfähigkeit der jeweiligen Regierenden sowie die Konflikte haben das Land aber völlig verarmen lassen, die Infrastruktur ist zerstört. Zumindest 13 andere afrikanische Staaten engagierten sich im Kongo mit dem Ziel, Teile der Rohstoffvorkommen zu kontrollieren. Große internationale Konzerne aus Kanada, den USA, Südafrika, Frankreich, China, Großbritannien, Israel und anderen Staaten waren auch während des Bürgerkrieges im Land, um die Rohstoffe auszubeuten. Die verschiedenen bewaffneten Gruppen im Land finanzieren ihre kriegerischen Aktivitäten fast ausschließlich aus dem Verkauf der Bodenschätze. Seit der Unabhängigkeit sind unterschiedliche Söldnergruppen, meist zum Schutz der Minen, im Land aktiv. Unter diesen Vorzeichen werden die Menschen im Kongo wohl noch lange auf eine bessere Zukunft warten müssen.

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Unzensuriert-Serie über "Failed States"

Unzensuriert.at stellt wöchentlich einen gescheiterten Staat vor. Bisher veröffentlicht:

Somalia – Nummer eins unter den gescheiterten Staaten
Guinea – Mit dem Sozialismus in die Armut
Sudan – Abspaltung vom islamistischen Araber-Regime
Liberia und Sierra Leone – Heimat der Blutdiamanten

Nächste Woche:
Zimbambe
 

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