Afghanistan – Das gescheiterte Protektorat

DostumZehn Jahre nach Beginn der Operation Enduring Freedom – der militärischen Intervention der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan – ist der Staat auf Platz sechs des Failed-States-Index gereiht. Afghanistan und der Irak (Platz sieben) sind die einzigen nicht-afrikanischen Staaten unter den ersten Zehn dieses Index. Trotz der Präsenz von 130 000 Soldaten unter dem Kommando der UN-Mission ISAF verschlechtert sich die Situation zusehends. Von einer Stabilisierung des Landes kann keine Rede mehr sein, und man gewinnt den Eindruck, dass die USA und ihre Verbündeten nur noch nach einem ehrenvollen Weg des Rückzuges suchen.

Playing the Great Game

Nicht zum ersten Mal holen sich fremde Invasoren in dem Land am Hindukusch blutige Nasen. Im 19. Jahrhundert standen einander die beiden größten Kolonialmächte ihrer Zeit – das britische Empire und das zaristische Russland – im Kampf um Macht und Einfluss in Afghanistan gegenüber. Diese Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Zentralasien wurde nach einem Zitat aus dem Roman “Kim” von Rudyard Kipling “The Great Game” benannt. Für die Russen ging es nach der Unterwerfung der zentralasiatischen Steppen um einen Zugang zum Indischen Ozean, auf Grund der Geographie war dies nur über Afghanistan zu erreichen. Genau das wollten die Briten verhindern, wäre durch eine russische Annexion des Landes doch ihre Vormachtstellung in Indien bedroht gewesen. Im ersten Britisch-Afghanischen Krieg 1839-42 wurde 1841 ein komplettes britisches Expeditionskorps vernichtet, einzig der Militärarzt Dr. William Brydon konnte sich zu den eigenen Linien durchschlagen; der deutsche Dichter Theodor Fontane verarbeitete dieses Ereignis in seiner Ballade “Das Trauerspiel von Afghanistan”. Die Briten verzichteten daraufhin auf ein weiteres Engagement in Afghanistan.

Nach der Eroberung Turkestans durch Russland ließ der afghanische Emir Shir Ali eine russische Gesandtschaft nach Kabul, was die Briten als ernste Bedrohung empfanden. Im zweiten Britisch-Afghanischen Krieg 1878-80 verjagten sie zunächst Ali und erzwangen von seinem Nachfolger das Recht, selbst Gesandtschaften in Kabul und anderen Städten zu unterhalten. 1879 wurde die Gesandtschaft in Kabul massakriert, die Briten besetzten daraufhin fast das ganze Land.

Hamilton

Hamilton

Walter Hamilton war Befehlshaber der britischen
Gesandtschaft in Kabul 1879
Foto: Tagishsimon / Wikimedia

Ein Drittel Afghanistans wurde an Britisch-Indien angegliedert und bildet heute die von Paschtunen bewohnte Provinzen an der Nordwestgrenze Pakistans. Afghanistan musste außenpolitisch dem Emire folgen, eine Annexion blieb aber aus. Als sich Russland nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg wieder verstärkt Europa zuwandte und ein Bündnis mit Briten und Franzosen schloss, verlor Afghanistan für beide Seiten seinen strategischen Wert. Nach dem dritten Britisch-Afghanischen Krieg 1919 erkannte das Empire die volle Unabhängigkeit des Landes an.

Die Sowjets wandeln auf den Spuren des Zaren

Nach der sowjetischen Invasion 1979 wurde Afghanistan zum letzten großen Schlachtfeld des Kalten Krieges. In den 1970er Jahren sah sich der afghanische Diktator Daoud Khan, der seit einem Staatsstreich 1973 regierte, verstärkt dem Druck oppositioneller Gruppen ausgesetzt. Sowohl die kommunistische Volkspartei, die ursprünglich seinen Staatsstreich unterstützt hatte, als auch die islamische Jamiat-e-Islami leisteten Widerstand. 1978 wurde Daoud Khan von der Volkspartei gestürzt und erschossen. Nachdem die Volkspartei mehr und mehr von islamischen Widerstandskämpfern bedrängt wurde, entschloss sich die Sowjetunion 1979 zur Intervention.

Speznaz

Speznaz

Russische Spezialtruppen (Spesnaz) in Afghanistan
Foto: E.Kuvakin / Wikimedia

 Diese Vorgehensweise war innerhalb der sowjetischen Führung stark umstritten, da führende Politiker eine Verstrickung in das afghanische Chaos fürchteten. Andererseits schienen die Umstände günstig. Die USA hatten sich vom Vietnamkrieg noch nicht erholt und waren in der Region durch den Sturz des Schah im Iran geschwächt. Es bot sich die Gelegenheit, Druck auf den letzten US-Verbündeten im Mittleren Osten, Pakistan, auszuüben und ein Vordringen der USA an die Grenzen der zentralasiatischen Sowjetprovinzen zu verhindern.

Die Sowjets in der Falle

Ob und in welchem Ausmaß die USA islamische Widerstandsgruppen bereits vor der sowjetischen Invasion unterstützten, um die Russen so gleichsam in die afghanische Falle zu locken und ihnen ihr Vietnam zu bereiten, ist unklar; es sprechen aber viele Indizien für ein derartiges Engagement. Besonders prekär war die Lage für Pakistan, das sich von der UdSSR und Indien in die Zange genommen fühlte. Außerdem spielten für Pakistans starken Mann General Zia ul Haq auch religiöse Motive eine große Rolle.

Mudschaheddin

Mudschaheddin

Die Rote Armee konnte den Widerstand der Mudschaheddin nicht brechen
Foto: Erwin Lux / Wikimedia

Bereits eine Woche nach der Invasion begann die Militärhilfe für die als Mudschaheddin bezeichneten islamischen Kämpfer in Afghanistan anzulaufen. Beschafft und bezahlt wurde die Waffenhilfe von den USA, Saudi Arabien und anderen islamischen Staaten, Pakistans Militär und vor allem der Geheimdienst Interservices Intelligence ISI organisierte die Lieferung an die Mudschaheddin. 1982 erreichten die Kämpfe eine Pattsituation, in der die Sowjets und die afghanischen Kommunisten die Städte und die Mudschaheddin das Umland kontrollierten. Das amerikanische Kalkül, die Sowjets in einen Abnutzungskrieg, den sie nicht gewinnen konnten, zu verwickeln, war aufgegangen.

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Den Mudschaheddin kamen auch ausländische islamische Kämpfer aus verschiedenen Staaten zu Hilfe; die Angehörigen dieser islamischen Fremdenlegion bildeten später die Kader diverser islamistischer Organisationen. Kampferprobt, gut organisiert und nach dem Sieg über die Sowjets hoch motiviert machen diese Kämpfer inzwischen ihren einstigen Mentoren im Westen und in arabischen Staaten das Leben schwer.

Nach mehrjährigen Verhandlungen zogen sich die Sowjets bis 1989 völlig aus Afghanistan zurück; abermals waren Invasoren in Afghanistan gescheitert.

Die Paschtunen – zwischen Taliban und Karsai

Unzählige Stämme und Völker leben in Afghanistan und sind ein beherrschender Faktor in der Politik des Landes. Das größte Volk mit etwa 45 Prozent Bevölkerungsanteil sind die Paschtunen, die auch im Nordwesten Pakistans beheimatet sind. Die Paschtunen, früher Afghanen oder Pathanen genannt, sehen sich als beherrschendes Volk im Land, das auch ihren Namen trägt. Der Großteil der Paschtunen hängt einer orthodoxen Auslegung des sunnitischen Islam an. Neben der Religion spielen die einzelnen Stämme und der Stammeskodex Paschtunwali eine große Rolle. Bis in die 1990er Jahre existierte kaum ein paschtunisches Zusammengehörigkeitsgefühl, die Loyalität galt den einzelnen Stämmen; erst die Taliban konnten dies teilweise aufbrechen und sich die Gefolgschaft eines großen Teils der Paschtunen sichern. Die Taliban („Schüler“) entstanden aus afghanischen Flüchtlingen in Pakistan, die der ISI in Koranschulen rekrutiert, ausgebildet und bewaffnet hatte.

Karsai

Karsai

Hamid Karsai ist Paschtune ebenso wie seine Gegner, die Taliban
Foto: Harald Dettenborn, Wikimedia

Nachdem der bisher von Pakistan bevorzugte Kriegsherr Gulbuddin Hektmatyar im afghanischen Bürgerkrieg nach Abzug der Sowjets nicht die gewünschten Erfolge erzielt hatte, beschlossen die Pakistanis, direkter zu intervenieren und so ihren Einfluss in Afghanistan auszudehnen. Nachdem ein erster Versuch der Taliban, Kabul zu erobern, gescheitert war, konnten sie 1995/96 in einer von Pakistan maßgeblich unterstützen Offensive große Teile des Landes erobern. Die Herrschaft der Taliban war das radikalste islamistische Regime, das die Welt bisher gesehen hatte, brachte in den lange umkämpften Gebieten im Süden aber auch erstmals seit 1978 wieder gewissen Stabilität. Der derzeitige afghanische Präsident Harmid Karsai ist ebenso Paschtune wie die meisten Führer der aufständischen Taliban. Die Paschtunen sind die Träger des Widerstandes gegen die USA und ihre Verbündeten.

Die Tadschiken und der Löwe von Panjshir

Die zweitgrößte Gruppe stellen mit etwa 30 Prozent die Tadschiken. Ihr herausragendster Anführer war ohne Zweifel der Kriegsheld Ahmed Shah Massoud, der den Beinamen „Löwe von Panjshir“ trug. Massoud errang bereits im Krieg gegen die Russen so große Verdienste, dass ihn das Wall Street Journal als den „Afghanen, der den Kalten Krieg gewann“ bezeichnete. Bereits während der sowjetischen Besatzung hatte Massoud neun Großoffensiven der Roten Armee im Panjshir-Tal, seiner Heimat, blutig zurückgeschlagen und war unter seinen Anhängern zu einer Legende geworden. Von 1992 bis 1995 hielten seine Kämpfer den Angriffen der von Pakistan unterstützten paschtunischen Milizen und ihrer Verbündeten auf Kabul stand, bevor er sich vor einer erdrückenden Übermacht abermals ins Panjshir-Tal zurückziehen musste.

Massoud

Massoud

Ahmed Shah Massoud war der charismatischste Führer in Afghanistan.
Foto: Ariana Film, Wikimedia

Dort hielt er allerdings allen Angriffen der Taliban stand; sein Machtbereich wurde bis 2001 zum Hort des Widerstands gegen die Taliban und zur Fluchtstätte für knapp eine Million Afghanen. Bemerkenswert ist, dass direkt dem Befehl Massouds unterstehende Truppen ein hohes Maß an Disziplin wahrten und Massaker in seinem direkten Zuständigkeitsbereich ausblieben. Massoud hing wie der Großteil seiner Landleute einer moderateren, mystisch-sufistisch geprägten Auslegung des Islam an und wurde von den Taliban als Ketzer angesehen. Am 9. September 2001 wurde Ahmed Shah Massoud von zwei Selbstmordattentätern ermordet, nachdem er zuvor unzählige Anschläge überstanden hatte. Noch zehn Jahre nach seiner Ermordung zählen die von seinen Verbänden kontrollierten Gebiete zu den wenigen stabilen Teilen Afghanistans, Massoud wird dort als Märtyrer verehrt.

Hazara und Usbeken – die Außenseiter

Die Hazara, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellen, sind die einzige größere schiitische Gruppe in Afghanistan und werden vom Iran unterstützt. Während des Bürgerkrieges gingen sie unterschiedlichste Koalitionen ein. Während der Herrschaft der Taliban waren sie schweren Verfolgungen ausgesetzt und unterstützten dementsprechend den Widerstand gegen deren Herrschaft. Die Siedlungsgebiete der Hazara gelten ebenfalls als relativ stabil.
Die vierte große Volksgruppe in Afghanistan stellen mit etwa neun Prozent die Usbeken. Die Usbeken sind Anhänger des hanafitischen Islam, der am weitesten verbreiteten Rechtsschule der Sunniten. Ihr bekanntester Führer ist General Rashid Dostum, eine der schillerndsten Figuren in Afghanistan. Nachdem er ursprünglich in der afghanischen Armee gegen die Mudschaheddin gekämpft hatte, konnte er auch nach dem Abzug der Sowjets und dem Sturz der sozialistischen Regierung seine Machtposition erhalten. Seinen Truppen werden schwere Kriegsverbrechen vorgeworfen, er gilt als brutal und skrupellos.

Dostum

Dostum

Truppen des wechselhaften Usbekengenerals Raschid Dostum
Foto: SSGT CECILIO RICARDO, USAF, Wikimedia

Daneben konnte er in dem von ihm kontrollierten Territorium eine funktionierende Verwaltung aufbauen und die Wirtschaft stimulieren. Dostums Herrschaft ist die einzige, die als zumindest teilweise sekulär bezeichnet werden kann und in der auch die Rechte der Frauen und religiöser Minderheiten gewahrt werden. Durch seine häufigen Bündniswechsel hatte Dostum jede in Afghanistan agierende Gruppe mindestens einmal zum Feind und auch als Verbündete.

Warum Afghanistan?

Angesichts der blutigen Geschichte des Landes stellt sich die Frage, warum diese karge Gebirgsland so heftig umstritten ist. Zwar wurden in jüngster Zeit nicht unbedeutende Rohstoffvorkommen entdeckt, doch liegt der Schlüssel zur Bedeutung Afghanistans in dessen geographischer Lage. Afghanistan ist der Verbindungsweg zwischen dem Indischen Ozean und Zentralasien. Drängten vor mehr als hundert Jahren die Russen nach Süden, so ist Afghanistan heute der Weg zu den Reichtümern der „Stan“-Staaten Innerasiens, da diese unter Umgehung Russlands, Chinas und des Iran für die USA nur so zu erreichen sind. Bereits die Herrschaft der Taliban wurde zumindest geduldet, erhoffte sich die Regierung in Washington so den Bau einer Pipeline und anderer Transportwege für Rohstoffe von Zentralasien nach Pakistan an den Indischen Ozean. Außerdem wirkt ein zerrüttetes Afghanistan destabilisierend auf alle umliegenden Staaten,vor allem die Atommacht Pakistan. Das Argument der Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch entpuppt sich so als heuchlerische Phrase. Die historische Tatsache, dass bereits Briten und Russen einen hohen Blutzoll entrichten mussten und dennoch in Afghanistan scheiterten, hätte westlichen Strategen dennoch zu denken geben sollen. Von Frieden ist das Land inzwischen weiter entfernt als je zuvor.

Unzensuriert-Serie über "Failed States"

Unzensuriert.at stellt wöchentlich einen gescheiterten Staat vor. Bisher veröffentlicht:

Somalia – Nummer eins unter den gescheiterten Staaten
Guinea – Mit dem Sozialismus in die Armut
Sudan – Abspaltung vom islamistischen Araber-Regime
Liberia und Sierra Leone – Heimat der Blutdiamanten
Kongo Das Herz der Finsternis
Simbabwe Staatsbankrott droht binnen Jahresfrist
Pakistan Atommacht vor dem Kollaps

Nächste Woche:
Irak – Das Zweistromland in Flammen

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