Zu Gast in den Mennoniten-Kolonien im Chaco

Rinder

Wenn sich ein Nationalratspräsident, ein EU- und ein Nationalrats-Abgeordneter sowie ein Zweiter Landtagspräsident sieben Stunden Autobusfahrt auf unwegsamen Straßen antun, muss das Ziel etwas Besonderes sein: Martin Graf, Andreas Mölzer, Gerhard Deimek und Johann Herzog besuchten auf ihrer Paraguay-Reise die Mennoniten im dünn besiedelten Chaco.

Mennoniten Museum

Mennoniten Museum

In ihrem Museum haben die Mennoniten die Flucht aus Russland dokumentiert.
Foto: Unzensuriert.at

Ursprünglich 1525 in der Schweiz gegründet, wurde diese Glaubensgemeinschaft nach der Abspaltung von der Katholischen Kirche verfolgt, weshalb die Mitglieder zuerst nach Preußen, später nach Russland auswanderten. Die Mennoniten gehören der evangelischen Kirche an. Ihre Überzeugung ist es, Kirche und Staat zu trennen, sie lehnen Waffengewalt und den Schwureid ab. Als man den Mennoniten nach der bolschewistischen Revolution die Religionsfreiheit und das Privateigentum untersagte, siedelten sie sich in anderen Ländern an: Viele zogen nach Kanada und in die USA, sehr viele aber auch nach Paraguay, weil es gelang, unter dem Sondergesetz Nr. 514 Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst zu erreichen. Die paraguayische Regierung freute sich damals über die Zuwanderung im praktisch unbesiedelten Chaco, in einem Gebiet, das zwar unbeschreiblich schön in seiner außergewöhnlichen Natur ist, doch für Ackerbau und Viehzucht scheinbar kaum geeignet war.

Genossenschaftssystem mit sozialen Einrichtungen

Rinder

Rinder

Die Mennoniten leben heute in erster Linie von der Rinderzucht.
Foto: Unzensuriert.at

Also entstanden im mittleren Chaco drei Mennoniten-Kolonien:1927 wurde Menno gegründet, 1930 Fernheim, 1947 Neuland. Heute leben in den drei Gemeinden auf 1,9 Millionen Hektar 15.000 deutschstämmige Menschen, die ein vorbildliches Genossenschaftssystem aufgebaut haben. In dieser Organisation werden private Schulen, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime, ja sogar ein Supermarkt betrieben. Die einmalige Einschreibgebühr bei der Genossenschaft beträgt pro Familie umgerechnet 3500 Dollar, dafür gibt es 50 bis 70 Prozent Ermäßigung in genossenschaftlichen Einrichtungen wie Spitälern und Schulen. Kinder von Genossenschaftern müssen, um Mitglied zu werden, nur 100 Dollar als Einmalzahlung leisten. Neben dem Genossenschaftsbeitrag zahlen die Mitglieder der Kooperative für Allgemeinleistungen zwischen zehn und 15 Prozent ihres Einkommens, das jeder selbst bekannt gibt – also Abgaben nach Vertrauensprinzip. 13 Prozent an Steuern liefern die Mennoniten dem Staat Paraguay ab. Allerdings werden die Steuern nur von Einnahmen geleistet, die außerhalb der Genossenschaft erwirtschaftet werden.  Die „Kooperative“, wie sich die Genossenschaft nennt, ist wie eine Aktiengesellschaft aufgebaut. Am Ende des Geschäftsjahres werden Gewinne ausgezahlt. Ein Defizit wurde übrigens noch nie eingefahren.

Rinder

Rinder

Zebu-Rinder der Rasse Brahman eigen sich besonders für heiße Gegenden.
Foto: Unzensuriert.at

Lebten die Mennoniten anfangs zu 95 Prozent von Ackerbau und zu fünf Prozent von Viehzucht, so hat sich das Bild heute völlig umgekehrt. Die Fleischproduktion ist eindeutig die Haupteinnahmequelle der Region. Die Kooperative bietet Kredite, technische Beratung  und die Vermarktung des Fleisches durch den eigenen Schlachthof unter der Marke „Frigochaco“ an. Angebaut werden Erdnüsse, Sesam, Weidegrassamen, vor allem Gatton Panic, die Weizenart Sorghum und Rizinus, Produkte, die im Export Absatz finden.

Regenwasser wird gespeichert, reicht jedoch nicht immer
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Was fehlt, ist Wasser. Jenes im Boden ist zu salzhaltig, um es als Trinkwasser zu verwenden. Also haben sich die Mennoniten ein ausgeklügeltes Zisternensystem zurechtgelegt, das Regenwasser speichert. „Wir warten ständig auf den Regen von oben“, sagt Adeline Friesen, bei Agrochaco für Qualitätsmanagement zuständig. In den Sommermonaten habe es bis zu 45 Grad, „da kann es schon hart werden“. Dass man zu diesen trockenen Zeiten Wasser aus anderen Gebieten holen muss, sei auch schon vorgekommen. Frau Friesen kennt Tulln, weil die Genossenschaft mit der universitären Forschungseinrichtung in Österreich zusammenarbeitet.

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Die drei Mennoniten-Kolonien liegen im 17. Bundesstaat von Paraguay, Boqueron. In der gepflegten Hauptstadt Filadelfia ist der Österreich-Bezug allgegenwärtig. Bürgermeister Berthold Doerksen erzählt der Delegation, dass er sich Videobänder mit ZDF-Sendungen schicken lässt. Seine Lieblingssendung sei der Musikantenstadl mit Karl Moik. Martin Graf klärt auf, dass dieser nun von einem Wiener, Andy Borg, moderiert wird. Blasmusik sei hier sehr beliebt, es gebe auch eine eigene Blasmusik-Kapelle, die eine Tracht aus Deutschland trägt. Eine Volkstanzgruppe gibt es nicht, dies lasse sich mit dem strengen Glauben der Mennoniten nur schwer vereinbaren. Augenzwinkernd gibt Doerksen aber zu, dass sich die Regeln in der Vergangenheit gelockert haben.

Indianer wollen am System mitnaschen

Auch die Situation der Mennoniten im Chaco hat sich geändert. Gouverneur Walter Stöckl, dessen Vorfahren aus Tirol stammen, schildert, dass immer mehr Indianer in die Gegend ziehen. Waren die Mennoniten früher praktisch unter sich, so hat sich die Bevölkerungszahl komplett gedreht: 40 Prozent Mennoniten stehen 60 Prozent paraguayischen Indianern gegenüber, was soziale Probleme mitbringt, betont Stöckl. Die meisten Indianer würden nicht gerne arbeiten, bei der Allgemeinheit aber mitnaschen wollen. Des sozialen Friedens Willen habe man ihnen gratis Land zur Verfügung gestellt, sie versucht, in den Arbeitsprozess und in der Gesellschaft zu integrieren. Keiner weiß, wie lange das noch funktioniert. Der eine oder andere denkt da bereits schon wieder ans Auswandern. Aber wohin? Die weißen Flecken auf der Welt werden immer weniger, wohl auch die Bereitschaft, irgendwo wieder ganz von vorne zu beginnen.

Radio

Radio

Reporterin Dorothea Eid beim Interview mit Graf und Mölzer.
Foto: Unzensuriert.at

Was die Medien betrifft, so haben sich die Mennoniten mit den neuen Zuwanderern bereits arrangiert. In der genossenschaftseigenen Radiostation ZP30 (Stimme des paraguayischen Chacos) gibt es Nachrichten auf deutscher Sprache nur noch zu 24 Prozent. Die restlichen  Prozent teilen sich auf andere in dieser Region gesprochenen Sprachen wie Spanisch, Guarani usw. auf. Radio-Direktor Helmut Giesbrecht und Programmchefin Dorothea Eid erzählen, dass es den Sender bereits seit 35 Jahren gibt und sie mit einem Budget von umgerechnet 380.000 Dollar pro Jahr auskommen müssen. Der Anteil der religiösen Sendungen beträgt 34 Prozent des 24-Stunden-Programmes. Dass die Österreich-Delegation nach Filadelfia gefahren ist, um sich das Leben der Mennoniten anzuschauen, durfte in den deutschsprachigen Nachrichten natürlich nicht fehlen. Nicht nur das: Reporterin Gatti Harder führte mit Graf und Mölzer ein Live-Interview.

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