Osttimor – Der jüngste Staat der Erde

DemonstrationOsttimor wurde am 20. Mai 2002 für unabhängig erklärt und ist damit der jüngste Staat der Erde. Die Geschichte des kleinen Landes in Südostasien ist seit Menschengedenken von Gewalt geprägt. Derzeit garantiert eine UN-Friedensmission die Ruhe im Land. Ob dieses aber wirklich eine Zukunft hat, steht in den Sternen.

Osttimor als portugiesische Kolonie

Flagge

Flagge

Flaggo von Osttimor, dem jüngsten Staat der Erde.

Die Portugiesen erreichten die Sundainsel Timor im 16. Jahrhundert, als sie ihr Kolonialreich über Stützpunkte in Afrika und Indien bis hin nach China und Japan ausdehnten. Anders als ihre spanischen Konkurrenten unternahmen sie dabei aber nicht den Versuch die neu entdeckten Länder intensiv zu kolonisieren, sondern errichteten einzelne Handelsstützpunkte, über die sie ihren lukrativen Überseehandel abwickelten. Timor lag in diesem ausdehnten System an Handelplätzen am Rande und stand im Schatten großer Faktoreien wie Macao und Goa.

Ab Anfang des 16. Jahrhunderts erhielten sie in Südostasien starke Konkurrenz durch die Niederländer, die die Portugiesen mehr und mehr an den Rand drängten. Im Zeichen dieses Machtkampfes stand das Ringen beider Kolonialmächte um Timor, das erst im 20.Jahrhundert sein Ende fand und die Insel zwischen beiden Imperien aufteilte.

Bereits vor dem Eintreffen der Europäer gab es unzählige Stämme und Völkerschaften auf Timor, die sich den Eindringlingen bis weit in die Neuzeit widersetzten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gelang es Portugiesen und Niederländern, die effektive Kontrolle über alle Gebiete ihrer Teile Timors zu erlangen.

Osttimor wird um die Unabhängigkeit betrogen

Nach zweijährigen heftigen Kämpfen mussten sich die Niederländer aus ihren Besitzungen in Südostasien zurückziehen, die als Indonesien die Unabhängigkeit erlangten. Der neue Staat erhob bereits bei seiner Gründung Anspruch auf das weiterhin portugiesische Osttimor. Mit indonesischer Unterstützung entstanden in den 1960er Jahren auch in Osttimor Rebellengruppen, die allerdings nur sehr eingeschränkt aktiv waren. Mit dem Sturz der Diktatur in Portugal durch die Nelkenrevolution vom April 1974 war der Rückzug der Portugiesen aus Osttimor beschlossene Sache, unklar blieb, was aus dem kleinen Gebiet werden sollte.

Bedingt durch die geänderten politischen Rahmenbedingungen waren Anfang 1974 verschiedene Parteien auf Osttimor gegründet worden. Die größte und einflussreichste war die Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit von Timor-Leste (Osttimor) FRETILIN, die sich in der Tradition der linksorientierten Befreiungsnationalisten der dekolonialisierten Dritte-Welt-Länder sah und für die vollständige Unabhängigkeit eintrat. Ihr gegenüber standen die von traditionellen Stammeseliten geformte Demokratische Timoresische Union UDT, die eine lose Bindung an Portugal bevorzugte, und die Timoresische Volksdemokratische Assoziation APEDETI, die von Indonesien finanziert wurde und einen Anschluss an diesen Staat forderte.

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Die Portugiesen selbst sahen einen langsamen Übergang in die Unabhängigkeit vor, die nach drei Jahren gewährt werden sollte. Indonesien wurde in seiner Forderung nach Eingliederung Osttimors durch die USA und Australien unterstützt. Der Inselstaat galt als besonders wichtiger Verbündeter gegen die Kommunisten in der Region, die am 1. Mai 1975 Saigon erobert und damit den Vietnamkrieg endgültig gewonnen hatten. Die FRETILIN wurde in den USA und Australien als marxistische Organisation angesehen, sodass deren sich abzeichnende Machtübernahme in Osttimor diese beiden Länder dazu veranlasste, den Indonesiern grünes Licht für eine Invasion zu geben.

Im Sommer und Herbst kam es in Osttimor zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der FRETILIN und ihren proindonesischen Gegnern, teilweise überquerten bereits getarnte indonesische Soldaten die Grenzen. Auf die einseitige Unabhängigkeitserklärung der FRETILIN im Dezember 1975 folgte die Invasion der indonesischen Streitkräfte, Osttimor wurde am 17. Juli 1976 von Indonesien annektiert. Für die UNO galt Osttimor weiterhin als unter portugiesischer Verwaltung stehend, in mehreren Resolutionen wurde der Rückzug der Indonesier gefordert.

Der blutige Weg in die Unabhängigkeit

Demonstration

Demonstration

Proteste gegen Premierminister Altakiri, der 2006 zurücktreten musste.
Foto: Yu Hui / Wikimedia

Der militärische Arm der FRETILIN – Bewaffnete Kräfte zur nationalen Befreiung Osttimors FALINTIL – begann nach der Besetzung einen Guerillakrieg gegen das indonesische Militär, das Spezialkräfte gegen die Aufständischen einsetzte. Bereits während der Besetzung war es von Seiten der Indonesier zu schweren Menschenrechtsverletzungen gekommen, dies setzte sich bis zur endgültigen Unabhängigkeit 2002 fort.

Eine besondere Rolle im Unabhängigkeitskampf spielte die katholische Kirche, die mehr und mehr zu einigenden Kraft der Bevölkerung wurde. Waren 1975 nur ein Drittel der Osttimoresen Katholiken, so stieg dieser Prozentsatz in den nächsten zwei Jahrzehnten auf über 90 Prozent an. Die muslimisch dominierten indonesischen Militärs sahen sich durch dadurch noch weiter herausgefordert, ihre Gewalttaten machten auch vor kirchlichen Einrichtungen nicht halt, sodass es zu Massakern in Kirchen und Friedhöfen kam. Von großer Bedeutung war der Besuch von Johannes Paul II. 1989 in Osttimor, der die Augen der Weltöffentlichkeit auf diesen vergessenen Konflikt lenkten.

Gusmao

Gusmao

Präsident und Nationalheld Xanana Gusmao.
Foto: Darwinek / Wikimedia

Ab Anfang der 1990er Jahre änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Nach dem Zusammenbruch war in Osttimor kein zweites, ostasiatisches Kuba mehr zu befürchten. Das brutale Vorgehen der indonesischen Armee schreckte auch in indonesischen Verbündeten wie Australien und den USA die Bevölkerung auf, und der indonesische Staat war durch die Asienkrise und den Sturz des Diktators Suharto 1998 stark geschwächt. Nachdem auch die neue Regierung unter Jusuf Habibie einen Rückzug zunächst ausgeschlossen hatte, musste sie nachgeben, nachdem wichtige Hilfskredite gesperrt worden waren. Nachdem Habibie Anfang 1999 einem Referendum über die Unabhängigkeit Osttimors zu gestimmt hatte, entfesselten pro-indonesische Milizen und das Militär eine Orgie der Gewalt in Osttimor, die nach positivem Ausgang des Referendums für die Unabhängigkeit noch einmal an Intensität zunahm. Eine UN-Kommission stellte 2005 fest, dass die Gewalt gezielt von indonesischen Sicherheitskräften angezettelt und geführt worden war und diese sich aktiv an den Gräueln beteiligt hatten. Neben unzähligen Massakern, Massenvergewaltigungen und Vertreibungen waren drei Viertel der Infrastruktur zerstört worden; die Indonesier hatten Osttimor vor ihrem Abzug völlig zerstört.

Osttimor unter UN-Verwaltung

Australier

Australier

Australische Soldaten sorgen in Osttimor für Ruhe und Ordnung.
Foto: Geoffrey C. Gunn / Wikimedia

Erst der Einsatz von UN- Truppen, die Ende 1999 landeten, konnte die Gewalt stoppen. Im März 2002 trat eine Verfassung in Kraft, auf deren Grundlage im April Xanana Gusmao, ein ehemaliger Guerillaführer der FRETILIN, zum Präsidenten Osttimors gewählt wurde. 2005 zogen die UN-Truppen ab, nachdem die Reste der Milizen zerschlagen worden waren. Nach dem Ausbruch von Unruhen 2006 wurde erneut eine UN-Mission nach Osttimor entsandt, die bis heute für Ruhe und Ordnung sorgt. Die Führung hat dabei wieder Australien inne, das sich immer mehr zum Ordnungsfaktor in dieser Region entwickelt.

Gibt es eine Zukunft für Osttimor?

Das kleine Land zählt heute zu den ärmsten sowie am wenigsten entwickelten Staaten der Erde und hat noch stark unter den Verwüstungen Ende der 1990er Jahre zu leiden. Haupteinnahmequelle sind Erdöl- und Erdgasvorkommen vor der Küste, die gemeinsam mit Australien ausgebeutet werden. Die Grenzziehung zwischen beiden Staaten ist aber noch umstritten und soll in der Zukunft geklärt werden. Die Ökonomie basiert daneben vor allem auf Landwirtschaft und Fischerei, Hauptausfuhrprodukt aus diesem Bereich ist Kaffee. Ohne Entwicklungshilfe wäre Osttimor kaum überlebensfähig.

Bei einem Abzug der ausländischen Truppen ist jederzeit wieder mit einem Aufflammen der Unruhen zu rechnen, auch eine erneute Intervention Indonesiens könnte in diesem Fall nicht ausgeschlossen werden. Osttimor hat noch einen sehr langen und steinigen Weg vor sich, wenn es in eine bessere Zukunft blicken will.

Unzensuriert-Serie über "Failed States"

Unzensuriert.at stellt wöchentlich einen gescheiterten Staat vor. Bisher veröffentlicht:

Somalia – Nummer eins unter den gescheiterten Staaten
Guinea – Mit dem Sozialismus in die Armut
Sudan – Abspaltung vom islamistischen Araber-Regime
Liberia und Sierra Leone – Heimat der Blutdiamanten
Kongo Das Herz der Finsternis
Simbabwe Staatsbankrott droht binnen Jahresfrist
Pakistan Atommacht vor dem Kollaps
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