SPÖ, ORF und Kurier: Das Doping-Dilemma mit Graf

Die Doping-Affäre rund um die frühere Leichtathletin Stephanie Graf (38) ist derzeit wieder in aller Munde. Grund: Ein Polizeiprotokoll, dessen Inhalt die Austria Presseagentur (APA) jetzt veröffentlichte und worin Graf angibt, dass ihr Trainer Helmut Stechemessser sie zu einer Plasmafirma vermittelt haben soll. Die Leichtathletin trat im Jahr 2004 überraschend zurück, wurde aber von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) am 22. Juni 2010 wegen versuchten Eigenblutdopings nachträglich gesperrt.

Der Fall einer der erfolgreichsten österreichischen Sommersportlerinnen der Zweiten Republik, die im Jahr 2000 im 800-Meter-Lauf die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney eroberte, hat große Brisanz. Denn Graf ist nicht nur ehemalige Sportheroin mit zweifelhaftem Ruf, sondern sie wirkte auch an den sportlichen und medialen Entscheidungshebeln der Nation. Sie war ORF-Kommentatorin und saß für die SPÖ im ORF-Stiftungsrat. 2002 trat sie für die SPÖ bei der Nationalratswahl an. Und bis 2009 war sie als Kolumnistin beim Kurier tätig.

Ausgerechnet beim Kurier. Da haben die beiden Sportredakteure Erich Vogl und Rainer Fleckl den Alfred-Worm-Preis für ihre Anti-Doping-Berichterstattung zugesprochen bekommen und gar nicht gewusst, dass ihre Redaktions-Mitarbeiterin Graf als Doping-Sünderin verfolgt wurde. Als peinlich kann im nachhinein auch der Versuch von Norbert Darbos (SPÖ) eingestuft werden, sich als Anti-Doping-Kämpfer politisch profilieren zu wollen. Heute fehlt ihm die Glaubwürdigkeit, nachdem bekannt wurde, dass die prominente SPÖ-Politikerin Stephanie Graf selbst im Verdacht des Dopings steht. Sie gab zu, bei Humanplasma Eigenblut abgenommen, dieses aber nie rückgeführt zu haben. Laut Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) genügt das, um für zwei Jahre gesperrt zu werden.

Spekulationen nach „Scherbenunglück“

Da die Sperre erst 2010, also sechs Jahre nach Karriere-Ende erfolgte, kann nur gemutmaßt werden, ob Graf in ihrer aktiven Laufbahn sauber blieb. Noch gut in Erinnerung ist Sportfans das „Scherbenunglück“ Grafs bei den Weltmeisterschaften im August 2003 in Paris. Die Kärntnerin hatte es souverän ins Finale des 800-Meter-Laufs geschafft, und ganz Österreich fieberte dem Lauf über die zwei Stadionrunden entgegen. Vergebens, denn die nationale Hoffnung zerschnitt sich bei einem Unfall am Tag vor dem großen Showdown an einer Flaschenscherbe die Fußsohle. Angeblich im Badezimmer ihres Hotels. Ein Antreten war unmöglich, die Trauer um eine verlorene WM-Medaille groß. Doch schon damals gab es Doping-Gerüchte, Spekulationen, dass Graf durch das Nichtantreten im WM-Finale einer Kontrolle entfliehen wollte. Tatsache bleibt: Graf wurde in ihrer ganzen Sportkarriere kein einziges Mal positiv getestet.

Die „Silberne Gräfin“, wie die Leichtathletin auch gerne genannt wurde, bekam – im Vergleich zu Radprofi Bernhard Kohl etwa – nie diese mediale Schelte ab. Natürlich kann das Zufall sein. Aber wer SPÖ-Politikerin, Redakteurin beim Kurier und Stiftungsrätin im ORF ist, kann womöglich mit Nachsicht rechnen. Zumal die ganze Affäre ja auch für die Arbeitgeber einen bitteren Beigeschmack hat. Die ÖVP wird die unglücklichen Verwicklungen auch nicht an den Pranger stellen wollen, müssen die Schwarzen doch selbst vor der eigenen Türe kehren: Bei der Leichtathletin Theresia Kiesl wurden 1997 verbotene Anabolika im Kühlschrank gefunden. Heute ist sie Sportsprecherin der oberösterreichischen Landes-ÖVP.

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