Mexiko – Fünf Jahre Krieg gegen die Drogenkartelle

Seit 2006 erschüttert ein blutiger Krieg zwischen dem mexikanischen Staat und mehreren Drogenkartellen sowie der Kartelle untereinander den südlichen Nachbarn der USA. Mit massivem Polizei- und Militäreinsatz konnte die Regierung in Mexiko City zwar einige Erfolge erringen, die Macht der Verbrecherbanden ist aber bei weitem nicht gebrochen. Daneben sind im Süden des Landes weiterhin zapatistische Rebellen existent, die derzeit allerdings keine bewaffneten Kampagnen durchführen.

Aufstieg der Drogenhändler unter der Einparteienherrschaft

Herstellung und Schmuggel von Drogen haben in Mexiko lange Tradition. Bereits während der Wirren der mexikanischen Revolution nach dem Sturz des Diktators Poforio Diaz 1910 finanzierten lokale Kriegsherren ihre Truppen mit der Erzeugung und dem Vertrieb von Drogen, Hauptabnehmer waren bereits damals die USA. 1929 endeten die Wirren. Die neugegründete, linksgerichtete Partido Nacional Revolucionario (Nationale revolutionäre Partei, heute: Partido Revolucionario Institucional PRI – Partei der institutionalisierten Revolution) beherrschte Mexiko bis 2000, sodass das Land bis vor elf Jahren de facto unter einer Einparteienherrschaft stand. Die korrupte Herrschaft der PRI schuf gute Voraussetzungen für Drogenhändler, die zunächst vor allem Marihuana und in wesentlich geringerem Ausmaß Schlafmohn anbauten und in die USA brachten. Teilweise war dabei sogar die offizielle Regierung in Washington der Abnehmer von Drogen, als beispielsweise während der Zweiten Weltkrieges der Bedarf an Morphium für Kriegsverletzte besonders hoch war.

Die Drogenschmuggler verfügten über beste Beziehungen zum Staatsapparat, sodass ihre Tätigkeiten kaum behindert wurden. Begünstigt wurde das Geschäft der sogenannten Narcos durch den massiven Anstieg des Drogenkonsums in den USA ab den 1960er Jahren. 1969 erklärte der US-Präsident Richard Nixon den Krieg gegen die Drogen, der Mexiko unter Zugzwang brachte. 1975 startete das mexikanische Militär die Operation Condor, wobei das Hauptziel die Zerstörung der Drogenanbaugebiete war. Die Drogenbosse selbst entkamen, und der Drogenanbau wurde nur kurzfristig gestört. In die 1970er Jahre fiel auch der Beginn der Zusammenarbeit zwischen mexikanischen und kolumbianischen Drogenhändlern, sodass kolumbianisches Kokain über Mexiko in die USA geschmuggelt wurde. Die 1980er Jahre waren die goldene Zeit für die Drogenbanden, unter den mexikanischen Präsidenten Miguel de la Madrid (1982 – 1988) und Carlos Salinas (1988 – 1994) blühte das Geschäft.

 

Große Drogenkartelle formierten sich und organisierten mit den kolumbianischen Kartellen die Lieferung von Kokain vornehmlich mit Charterflugzeugen und Schiffen nach Mexiko, von wo es in die USA weitergeschmuggelt wurde. Die Zusammenarbeit zwischen Drogenbaronen und den Machteliten war besonders eng, vor allem Präsident Salinas wurden direkte Verbindungen zu den Narcos nachgesagt. Beispielhaft für diese Verstrickungen ist der Fall des Generals Jesus Gutierrez Rebollo, der 1997 als oberster Drogenfahnder Mexikos wegen enger Verbindungen zu Drogenkartellen verhaftet wurde. Im gleichen Jahr wurde ein ehemaliger mexikanischer Generalstaatsanwalt in Texas wegen des Vorwurfs der Geldwäsche für Drogenschmuggler vor Gericht gestellt. Auch die CIA soll in dieser Zeit mit den Drogenkartellen zusammengearbeitet haben, die im Gegenzug Waffen für die US-nahen Contrarebellen nach Nicaragua brachten. Ein weiterer Verbündeter in diesem Geschäft war der ehemalige Diktator Panamas, General Manuel Noriega.

Präsident Calderon erklärt den Drogenbossen den Krieg

 

Die Wahl des konservativen Politikers Vincente Fox im Jahr 2000 beendete die Herrschaft der PRI und kam damit einem politischen Erdbeben im Mexiko gleich. Fox versuchte der grassierenden Korruption und der Verbindung zwischen staatlichen Behörden und Drogenkartellen durch eine großangelegte Säuberung des Beamtenapparates zu begegnen, was aber nur teilweise gelang. Sowohl er als auch sein Nachfolger Felipe Calderon setzten verstärkt auf die Armee sowie die neu formierte, nach militärischen Grundsätzen organisierte Bundespolizei. Calderon erklärte der Organisierten Kriminalität den Krieg und deklarierte dies zu seinem wichtigsten Ziel. Etwa 50 000 Soldaten und 35 000 Bundespolizisten stehen derzeit geschätzten 100.000 Mitgliedern der sieben wichtigsten Drogenkartelle gegenüber, in den letzten fünf Jahren verloren ca. 35 000 Menschen ihr Leben in diesem Konflikt.

Die organisierte Kriminalität als Wirtschaftszweig

Fast das gesamte in den USA konsumierte Kokain wird über Mexiko ins Land gebracht, dazu große Mengen an Marihuana, Heroin und in jüngster Zeit verstärkt synthetische Drogen. Neben dem Drogenschmuggel sind Menschen- und Waffenhandel, Erpressung, Geldwäsche und Entführungen lukrative Einnahmequellen der Kartelle, zahlreiche schwere Straftaten gehen damit einher. Die Organisierte Kriminalität dürfte damit nach der Erdölförderung der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor in Mexiko sein.

 

Die Mitglieder der Kartelle sind teilweise bestens ausgerüstet und ausgebildet. Die einflussreichste Gruppe, das Los Zetas Kartell, wurde von ehemaligen Soldaten einer Spezialeinheit zur Drogenbandenbekämpfung als Schutztruppe innerhalb des Golf Kartells gegründet und inzwischen von guatemaltekischen Exsoldaten verstärkt. Los Zetas unterhält weitreichende internationale Kontakte zu verbrecherischen Organisationen, in Europa unter anderem zur kalabrischen Ndrangheta.
Die meisten Opfer gehen auf Auseinandersetzungen zwischen den Kartellen zurück, die Methoden sind äußerst brutal. Seit 2006 wurden ungefähr 2000 Vertreter des Staates und Politiker getötet, dazu kommt eine steigende Anzahl an Unbeteiligten.

Während die Kartelle noch immer gewinnbringend arbeiten, wird der Krieg für den mexikanischen Staat mehr und mehr zur großen finanziellen Belastung. Deswegen kommt der US-Hilfe für die mexikanischen Behörden eine stärker werdende Bedeutung zu.

Der Konflikt in Chiapas

Am 1. Jänner 1994 trat die Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional (EZLN, Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) mit einem unerwarteten Aufstand im südlichen Bundesstaat Chiapas ins Licht der Öffentlichkeit. Das Ziel der linken Guerillas war es, auf die Not der vor allem indigenen Bevölkerung hinzuweisen. Eine Offensive der Armee wurde nach zwei Wochen wieder eingestellt. Seither herrscht zwischen Staat und EZLN, die sich nach dem Revolutionsheld Emiliano Zapata benannt hat, Waffenstillstand. Die EZLN tritt immer wieder mit programmatischen Proklamationen in die Öffentlichkeit. Ihr Anführer „Subcomandate Marcos“ gilt als Gesicht der Bewegung, auch wenn er nur vermummt auftritt.

 

 

Der EZLN stehen paramilitärische Gruppen gegenüber, denen Verbindungen zu Polizei, Militär und PRI  nachgesagt werden. Auf ihr Konto soll die Ermordung von 45 Zivilisten in der Ortschaft Acteal gehen, die von der im Ort kasernierten Polizei nicht verhindert wurde.
Auch wenn die EZLN derzeit versucht, ihre Ziele auf politischem Weg zu erreichen, ist ein Wiederaufflammen des bewaffneten Konfliktes jederzeit möglich.

Mexiko an der Kippe

Bisher ist es der Zentralregierung nicht gelungen, der Gewalt der Kriminellen Einhalt zu gebieten und die Kartelle zu zerschlagen. Grassierende Armut lässt die Mitgliedschaft in einer der Drogenbanden trotz des hohen Risikos vor allem für Jugendliche der Unterschicht als attraktiv erscheinen. Die weiterhin grassierende Korruption und die scheinbar unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten der Kartelle machen die Organisierte Kriminalität zu einer tödlichen Bedrohung für Mexiko. Die Rebellen in Chiapas scheinen dagegen als kleines Problem für den Staat. Die EZLN ist eher eine Projektionsfläche für europäische Linke denn eine gewalttätige Herausforderung des mexikanischen Staates.
Der Konflikt mit den Drogenkartellen, der inzwischen als Krieg bezeichnet werden kann, könnte das Land aber kippen lassen – keine erfreulichen Aussichten für 89 Millionen Mexikaner.

Unzensuriert-Serie über „Failed States“

Unzensuriert.at stellt die gescheiterten Staaten dieser Welt vor. Bisher veröffentlicht:

Somalia – Nummer eins unter den gescheiterten Staaten
Guinea – Mit dem Sozialismus in die Armut
Sudan – Abspaltung vom islamistischen Araber-Regime
Liberia und Sierra Leone – Heimat der Blutdiamanten
Kongo Das Herz der Finsternis
Simbabwe Staatsbankrott droht binnen Jahresfrist
Pakistan Atommacht vor dem Kollaps
Afhganistan Das gescheiterte Protektorat
Der Irak Zweistromland in Flammen
Myanmar Aufruhr im Dschungel Hinterindiens
Osttimor  Der jüngste Staat der Erde
Bangladesch – Dicht besiedeltes Armenhaus Ostasiens
Kolumbien – Zwischen Wirtschaftswachstum und Gewalt

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