Wirbel um eine türkischstämmige Adlerin ohne Federn

3. Juni 2011 - 14:26

Die Mai-Nummer der deutschen Ausgabe des Erotik-Magazins „Playboy“ sorgte in der türkischen Community der BRD für Aufruhr. Die vor 25 Jahren in Berlin geborene türkischstämmige Schauspielerin Sila Sahin zeigte auf der Titelseite ihre rechte Brust und im Blattinneren auch noch alles andere. Während die strengen Eltern erwartungsgemäß schockiert reagierten, waren die Reaktionen der anderen Deutschtürken durchaus gespalten.

Auch in der Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, besser bekannt als „GZSZ“, spielt Sahin, deren Familienname ins Deutsche übersetzt „Adler“ heißt, eine Türkin namens Ayla Özgül. Ihre Entscheidung, sich für den „Playboy“ auszuziehen und als erste Deutschtürkin auf der Titelseite feiern zu lassen, begründete sie damit, sich von ihren „Zwängen der Kindheit“ befreien zu wollen. Der Vater, ein Schauspieler, aber noch viel mehr die Mutter, untersagten der Tochter jede westliche Annäherung bis hin zum lächerlichen Lippenstift. Am Tag des Erscheinens des „Playboys“ bat sie via RTL-„Frühstücksfernsehen“ ihre Eltern um Entschuldigung und Verständnis, verbunden mit der Hoffnung, dass diese nicht den Kontakt zu ihr abbrechen – was sich nicht erfüllen ließ.

 

 

 

Sila Sahins Wunsch, sich „endlich frei fühlen“ zu wollen, wurde sofort vom türkischstämmigen FDP-Bundestagsabgeordneten Serkan Tören unterstützt: „Schade, dass es überhaupt noch ein Thema ist, ob sich eine Deutsche oder eine Muslima für den ‚Playboy‘ auszieht.“ Umso negativer kommentierte Hatice Akyün, selbst eine junge, westlich orientierte Berlinerin mit türkischen Wurzeln, Sahins Aktion. In ihrer wöchentlichen Kolumne im Berliner Tagesspiegel zog sie unter „Integration durch Silikon“ vom Leder: „Die türkischstämmige Seifenoper-Darstellerin Sila Sahin hat sich für das bekannte Integrationsblatt ‚Playboy‘ ausgezogen.“ Es ginge ihr lediglich darum, ein Karriere-Tief zu überbrücken. „Braucht man eigentlich Gehirnzellen, um diese PR-Kampagne zu durchschauen? Der türkischen Nacktprotagonistin geht es jedoch nicht allein darum, ihren entblößten Körper zu  präsentieren. Nein, es ist ihr viel ernster: Sie möchte sich von kulturellen Zwängen befreien. Diese Fotos seien ein Akt der Emanzipation. Sozusagen raus aus den Klamotten und rein in die Chefetagen der Dax-Unternehmen. Ich bin so dankbar, dass nach Alice Schwarzer, die mich über meine Unterdrückung aufgeklärt hat, und Kristina Schröder, die mich an meine Berufung als Frau erinnert hat, nun Sila Sahin gekommen ist, um mich von meinen kulturellen Zwängen zu befreien. Zur Not auch mit ihren Silikonwaffen. In diesen Zeiten haben wir Türkinnen es wirklich nicht leicht, uns für das richtige Integrationsmodell zu entscheiden. Kopftuchtürkin oder Nackttürkin? Befreien wir uns nur vom Kopftuch oder
ziehen wir gleich den Schlüpfer aus?“

Und dann bekommt auch noch die Politik ihr Fett ab: „Wir befinden uns in bester Gesellschaft. Die Kanzlerin reißt sich die Laufzeitverlängerung vom Leib, die SPD steht in den Umfragen ohne Hose da, die FDP nominiert ihr letztes Hemd für den Parteivorsitz und die Grünen laufen in des Kaisers neuen Kleidern von Umfragehoch zu Umfragehoch.“

Für eine besondere Pointe inmitten des Rummels sorgte letztlich die Schauspielerin Öznur Asrav: Sie protestierte, weil das Verdienst der ersten Deutschtürkin auf der „Playboy“-Titelseite ihr zuzurechnen sei – im April 2008 sogar als „Playmate des Monats“…

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