Zerfall Jugoslawiens begann vor 20 Jahren

VukovarHeute vor zwanzig Jahren, am 25. Juni 1991, erklärten Slowenien und Kroatien einseitig ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Nach mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen stand der Zerfall Jugoslawiens am Ende der Entwicklung, die bereits ein Jahr zuvor begonnen hatte. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten erreichten Kroaten und Slowenen wieder vollständige nationale Autonomie. Das Projekt des südslawischen Vielvölkerstaates, der mehr und mehr als Völkerkerker wahrgenommen worden war, war endgültig gescheitert.

Der Wind der Veränderung erfasst auch Jugoslawien

Der Zusammenbruch des Ostblocks ließ auch das kommunistische Jugoslawien nicht unberührt. Bereits 1989 kam es innerhalb der kommunistischen Partei zu Konflikten über die weitere Struktur Jugoslawiens, wobei vor allem slowenische als auch kroatische Kommunisten auf demokratische Reformen und vermehrte Selbständigkeit der Teilrepublik pochten. Die dominierende serbische Fraktion lehnte dies vehement ab. Die Zentralregierung konnte dennoch nicht verhindern, dass sowohl in Slowenien als auch in Kroatien im April 1990 freie Wahlen abgehalten wurden. Die neu gewählten demokratischen Regierungen dieser Teilrepubliken traten ab Sommer 1990 in Verhandlungen mit Belgrad, um eine vollständige Reform Jugoslawiens auf echter föderaler Basis zu erreichen. Die Zentralregierung zeigte sich jedoch unnachgiebig, so dass für beide Teilrepubliken ab Herbst 1990 die vollständige Unabhängigkeit zum primären Ziel wurde. Referenden über die Unabhängigkeit brachten überwältigende Mehrheiten: in Slowenien im Dezember 1990  88 Prozent Fürstimmen; in Kroatien im Mai 1991 gar 95 Prozent.

Slowenien: 10 Tage Krieg für die Freiheit

JNA-Panzer

JNA-Panzer

Panzer der jugoslawischen JNA rückten bis nach Slowenien vor, wurden
aber schnell durcükgedrängt. Der Krieg war nach zehn Zahen vorbei.
Foto: Kos93 / Wikimedia

Im Gegensatz zu Kroatien gab es in Slowenien keine bedeutende serbische Minderheit, Widerstand gegen die Unabhängigkeit aus den Reihen der Bevölkerung gab es keinen. Außerdem war das kleine Land durch seine strategische Lage begünstigt. Der Norden ist gebirgig, weshalb der Einsatz von mechanisierten Kräften und der Luftwaffe gerade in den Grenzgebieten zu Österreich schwierig ist. Verstärkungen der Jugoslawischen Volksarmee JNA mussten zudem durch das bereits feindliche Kroatien anrücken und weit vom serbischen Kernland operieren. Diese Faktoren wirkten sich im zehn Tage andauernden Krieg zwischen slowenischen Kräften und der JNA positiv für die Slowenen aus.

Bereits am 25. Juni 1991 begannen slowenische Polizeieinheiten und Truppen der Territorialverteidigung wichtige Punkte zu besetzen, wobei die Grenzübergänge von besonderer Bedeutung waren. Am nächsten Tag rückten Truppen der JNA aus ihren Kasernen aus, um die Grenzübergänge sowie den Flughafen in Laibach zurückzugewinnen und Slowenien so vom Ausland abzuschneiden. Während ihrer gesamten Operationen hatte die JNA allerdings mit geringer Moral der eingesetzten Truppen sowie der Desertion nicht-serbischer Soldaten zu kämpfen. Außerdem hatten die Slowenen im Geheimen bereits eine schlagkräftige Truppe aufgestellt, um einer Aggression Belgrads begegnen zu können.

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Als Reaktion auf den Aufmarsch der JNA beschloss die slowenische Regierung am 27. Juni, den ihr unterstehenden Einheiten bewaffneten Widerstand zu befehlen. Die JNA hatte zu diesem Zeitpunkt fast alle Grenzübergänge in ihrer Hand, diese sollten mit zu den Hauptbrennpunkten des Krieges werden. Bereits in der Nacht auf 28. Juni starteten die slowenischen Verbände eine Großoffensive gegen alle im Land befindlichen jugoslawischen Truppen, die schnell an Boden verloren. Die heftigsten Kämpfe fanden schließlich am 2. Juli statt; die JNA in Slowenien war nach mehreren Niederlagen an diesem Tag de facto geschlagen. Als am 3. Juli keine Verstärkungen mehr nach Slowenien durchkamen, willigte die JNA am Abend in einen Waffenstillstand ein und zog sich in ihre Kasernen zurück. Slowenien hatte damit seine Unabhängigkeit erkämpft, bis zum 26. Oktober hatte die JNA das Land vollständig verlassen.

Kroatien: Vier Jahre Krieg verwüsten das Land

Wesentlich ungünstiger standen die Vorzeichen für einen schnellen Sieg in Kroatien. Bereits 1990 hatte die JNA begonnen, sich auf einen Krieg in Kroatien vorzubereiten und der kroatischen Territorialverteidigung die schweren Waffen abgenommen. Im Gegensatz zu Slowenien gab es in Kroatien eine starke serbische Minderheit in der Krajina und in Slawonien, insgesamt stellten die Serben mit etwa 250 000 Menschen knapp zwölf Prozent der Bevölkerung Kroatiens; die JNA konnte sich auf die Unterstützung dieser Minderheit verlassen. Insgesamt war Belgrad nicht bereit, Kroatien so schnell aufzugeben wie Slowenien, in dem es keine serbischen Interessen zu verteidigen galt.

Vukovar

Vukovar

Vier Jahre tobte der Krieg in Kroatien. Vukovar wurde weitestgehend zerstört.
Foto: Seiya 123 / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Die ersten Auseinandersetzungen fanden im März 1991 im Nationalpark der Plitvicer Seen zwischen kroatischen Polizisten und serbischen Freischärlern statt, im Mai griffen Serben kroatische Polizisten in Ostslawonien an. Die JNA nahm diese Vorfälle zum Vorwand, um sich als neutraler Puffer zwischen den Parteien zu positionieren, wobei sie von Beginn an eindeutig Stellung für die Serben bezog. Im Schutz der JNA konnten serbische Freischärler bis Mitte 1991 die Kontrolle über ein Drittel des kroatischen Staatsgebietes übernehmen, es kam zu schweren Übergriffen auf Kroaten, von denen fast 200.000 aus den serbisch kontrollierten Gebieten flohen. Im Herbst fanden die größten Auseinandersetzungen des Krieges statt. Die Stadt Vukovar in Ostslawonien wurde nach einer zweimonatigen erbitterten Schlacht von der JNA und Freischälern eingenommen, Dubrovnik wurde belagert und weitere kroatische Städte waren Ziele serbischer Angriffe.

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Die heftige Verteidigung Vukovars hatte den kroatischen Streitkräften jedoch Zeit gegeben, sich neu zu organisieren, und die Aussichten auf einen schnellen serbischen Sieg vereitelt. Nachdem die Kroaten im Winter 1991 einige erfolgreiche Militäroperationen durchgeführt hatten, stimmten die Serben im Jänner 1992 einem Waffenstillstand zu. Die JNA zog sich zurück, überließ den Paramilitärs der neu gegründeten serbischen Republik Krajina allerdings den Großteil ihres Waffenarsenals. In den folgenden drei Jahren gab es nur kleinere Gefechte in Kroatien, inzwischen war auch in Bosnien der Krieg ausgebrochen. 1995 eroberte die kroatische Armee in zwei Blitzoperationen das Gebiet der Republik Krajina zurück und stellte damit die Einheit des Staatsgebietes wieder her.

Diplomatische Verwicklungen

Der Beginn der Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien war zunächst vom Konflikt um Kuwait überschattet, später rückten die Vorgänge jedoch mehr und mehr ins Zentrum europäischer und teilweise auch internationaler Diplomatie. Zunächst schienen dabei alte Frontstellungen wieder aufzubrechen. Deutschland und Österreich unterstützten die Unabhängigkeitsbestrebungen Sloweniens und Kroatiens von Anfang an, während die Serben vor allem auf die Unterstützung Russlands zählen konnten. Doch auch Großbritannien, Frankreich und die USA standen der Unabhängigkeit zunächst skeptisch gegenüber. Die Auswirkungen eines Krieges waren schwer einzuschätzen, die JNA war damals noch die fünftgrößte Armee Europas. Die Kritiker der Unabhängigkeit wurden jedoch von den Ereignissen überrollt und forderten einen Verbleib Kroatiens im jugoslawischen Staatsverband noch, als der Krieg bereits voll entbrannt war.

Genscher

Genscher

Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher machte
Druck für eine Anerkennung von Slowenien und Kroatien.
Foto: Túrelio / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Die ersten Staaten, die Slowenien und Kroatien anerkannten, waren die drei baltischen Länder und die Ukraine, die aber selbst noch nicht international anerkannt waren. Im Dezember gaben Deutschland und Österreich bekannt, die beiden Staaten ebenfalls anzuerkennen, warteten mit der endgültigen Erklärung allerdings noch bis zum 15. Jänner 1992. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die anderen Mitglieder der Europäischen Gemeinschaften zur Anerkennung bereit, sodass bis Ende Jänner die meisten europäischen Staaten Slowenien und Kroatien offiziell anerkannt hatten. Vor allem Deutschland hatte unmissverständlich klar gemacht, dass es mit der Anerkennung nicht länger warten und auch ohne seine EG-Partner offizielle Beziehungen aufnehmen würde. Diese Haltung sowie die Erfolge der kroatischen Armee bewogen auch die Skeptiker Frankreich und Großbritannien, keinen weiteren Widerstand gegen die Anerkennung Sloweniens und vor allem Kroatiens zu leisten.

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