20 Jahre Sturm der Stasi-Zentrale – Das Ende des DDR-Denunziantentums

Vor genau 20 Jahren, am 15. Jänner 1990 wurde in Berlin-Lichtenberg die Zentrale des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit ("Stasi“) von Demonstranten gestürmt und besetzt. Dem immensen Spitzelapparat wurde in jähes Ende bereitet. Noch heute jedoch liegen viele Details im Dunkeln, und möglicherweise zog die Stasi auch bei ihrem Ende die Fäden.
 
Nachdem bereits Anfang November 1989 das bis dahin brutale Bespitzelungs- und Unterdrückungs­system der "realsozialistischen“ Diktatur der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) durch den massiven zivilen Widerstand der Bevölkerung (unter der Parole "Wir sind das Volk“) unhaltbar geworden und den DDR-Bürgern Reisefreiheit auch ins "kapitalistische Ausland“, nämlich Westdeutschland, zugestanden worden war, trafen sich im Jänner 1990 Vertreter der Opposition und der (immer noch im Amt befindlichen) SED-Regierung am sogenannten Zentralen Runden Tisch um den Übergang zu einem freiheitlich-demokratischen System zu besprechen. Die Abschaffung der Stasi war nur mehr eine Frage der Zeit, in der Zentrale wurde bereits fix mit ihrer Auflösung gerechnet und die – aus Sicht der alten Geheimdienst-Verantwortlichen – notwendigen Schritte vorbereitet und eingeleitet, insbesondere die Vernichtung allzu belastender Akten.
 
Bereits am 10. Januar 1990 hatte das Neue Forum Berlin für den 15. Januar zu einer "Aktionskundgebung" vor der Stasi-Zentrale aufgerufen. Parolen waren: "Sofortige Schließung aller Stasi-Einrichtungen", "Hausverbot für alle Stasi-Mitarbeiter" und "Keine Bildung von neuen Geheimdiensten". Die Teilnehmer an der Kundgebung wurden aufgefordert, "Farbe und Spraydosen" mitzubringen, aber auch "Kalk und Mauersteine", wird auf der Seite der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BSTU) geschildert wird.
 
Denn wenige Tage zuvor war das enorme Ausmaß des Spitzelsystems in der DDR erstmals öffentlich geworden – Manfred Sauer, ein Mitarbeiter der Modrow-Regierung nannte Zahlen, die alle Befürchtungen übertrafen: Bis in die 80er Jahre hinein verdoppelte sich die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiterauf 85.000. Laut BSTU war die Zahl noch höher: Tatsächlichen Personalbestand  91.015 (Stand vom 31.10.1989), zu denen noch weitere 174.000 "Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) kamen. Die Stasi hatte den gesamten Staat so sehr durchzogen, wie es nur der enttäuschte Kommunist George Orwell in seinem bedrückenden Buch 1984 vorhergesehen hatte. Die Wut der Bevölkerung war unbeschreiblich.
 
Kleinere Details zur Öffnung des schweren Panzertores der Anlage sind strittig: "Während in der Stasi-Zentrale verhandelt wurde, versammelten sich vor ihren Toren hunderte, bald tausende Demonstranten, die von dem Geschehen im Inneren des Gebäudekomplexes nichts wussten. Gegen 17:00 Uhr war der Druck auf das Tor durch die nachrückenden Demonstranten so heftig geworden, dass Bürgervertreter im Innern der Anlage fürchteten, in der drangvollen Enge würden Menschen zu Schaden kommen. Deshalb gab der katholische Geistliche Martin Montag, der zuvor als Vertreter des Bürgerkomitees Suhl mitverhandelt hatte, einem Polizisten die Anweisung, das Tor zu öffnen.“ So schreibt die BSTU.
 
Pfarrer Montag hingegen erinnert sich anders: "Ich sah, wie ein Mann über das Tor kletterte und die Verriegelung von innen löste", sagt der Pfarrer. Das Gelände wird vom Menschenstrom geflutet.
 
Nach Ansicht des DDR-Bürgerrechtlers Carlo Jordan hat die Staatsicherheit 1990 die Erstürmung der Stasi-Zentrale manipuliert. "Wir (vom Runden Tisch des Fernsehens, Anm. d. Verf.) (…) trafen in Haus 1 auf den ranghöchsten General der Staatssicherheit, General Engelhardt. Er saß da verdunkelt und empfing uns mit den Worten: Ich habe schon lange auf sie gewartet, meine Herren vom Zentralen Runden Tisch ."
 
Nach diesen Erfolgen änderten die „Montagsdemonstrationen“ allmählich ihre Parole von "Wir sind das Volk" auf "Wir sind ein Volk" – und damit ihr Ziel von der Staatsreform der DDR auf die Wiedervereinigung unter dem freiheitlich-demokratischen Grundgesetz der Bundesrepublik, was schließlich Helmut Kohl durch die Zustimmung Gorbatschows (mit Billigung durch George Bush sen. aber gegen den hinhaltenden Widerstand Mitterands und Thatchers) in einem diplomatischen Meisterstück gelang.
 
Foto auf der Startseite: Andreas Praefcke, 2005

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