Blutsonntag von Vilnius: Österreich verhindert Strafverfolgung

Baltischer WegDie rasche Freilassung Michail Golovatovs, der letzten Donnerstag auf Grund eines von Litauen veranlassten internationalen Haftbefehles kurzfristig in Österreich festgenommen worden war, sorgt derzeit für massive Verstimmungen zwischen den Regierungen in Wien und Vilnius. Angesichts der Verbrechen, die dem ehemaligen hochrangigen KGB-Offizier vorgeworfen werden, ist die Entrüstung Litauens  verständlich: Golovatov soll einer der Hauptverantwortlichen des als „Blutsonntag von Vilnius“ bezeichneten Massakers gewesen sein.

Litauen auf dem Weg in die Unabhängigkeit

Die drei baltischen Staaten waren erst spät, im Sommer 1940, von der Sowjetunion annektiert worden, das Gedenken an die Unabhängigkeit blieb trotz fast fünfzigjähriger kommunistischer Gewaltherrschaft immer erhalten. 1988 wurde in Litauen die nichtkommunistische Erneuerungsbewegung Litauens (kurz: Sajudis für Bewegung) gegründet, die sich schnell zu einer Massenbewegung entwickelte und bei den Wahlen zum Volksdeputiertenkongress der UdSSR 36 der 40 litauischen Wahlkreise für sich gewann. Bereits zu Beginn des Umbruchjahres 1989 erklärte Sajudis die Annexion des Landes durch die Sowjetunion zu einem rechtswidrigen Akt – eine revolutionärer Geste innerhalb der damaligen UdSSR. Die Unabhängigkeit des Landes sei das Ziel von Sajudis. Der baltische Weg – eine über 600 Kilometer lange Kette von über zwei Millionen Menschen quer durch das Baltikum – sollte an das Unrecht des Hitler-Stalin-Paktes erinnern und wurde zu einer machtvollen Demonstration des Freiheitswillen von Litauern, Letten und Esten.

Baltischer Weg

Baltischer Weg

Litauer bekunden beim baltischen Weg ihren Freiheitswillen
Foto: Rimantas Lazdynas, Wikimedia

Bei den ersten freien Wahlen in der Litauischen Sowjetrepublik im Februar 1990 errang Sajudis einen überwältigenden Sieg, am 11. März erklärte Litauen seine Unabhängigkeit. Moskau reagierte zunächst mit einem Boykott wichtiger Ressourcenlieferungen. Obwohl dies die litauische Wirtschaft an den Rand des Abgrundes brachte, blieb der Wille zur Unabhängigkeit ungebrochen.

Das Massaker vom 13. Jänner 1991

Die Lage in Litauen begann Anfang Jänner 1991 zu eskalieren, als die Moskauer Führung Angehörige der russischen Minderheit mit Falschinformationen gegen die neue litauische Regierung aufzuwiegeln begann und es zu Protesten kommunistischer Organisationen kam. Einheiten der Roten Armee und des Innenministeriums wurden nach Litauen verlegt, unter denen sich auch die „Omon“ des KGB befand. Omon wurde zur Aufstandsbekämpfung und zum Kampf gegen Terroristen aufgestellt; ein Teil Omons war die Gruppe „A“. Die Gruppe „A“, besser bekannt als „Alfa“, war eine Spezialeinheit, die ihre Feuerprobe beim Einmarsch in Afghanistan bestand und als Elitetruppe des Innenministeriums bekannt war. Ihr Kommandant in Litauen war Michail Golovatov.

Nachdem Vytautas Landsbergis, Präsident Litauens, am 10. Jänner ein Ultimatum Michael Gorbatschows, auf die Unabhängigkeit zu verzichten, verstreichen lassen hatte, setzte die Sowjetführung auf Gewalt. Am 11. Jänner begannen die sowjetischen Einheiten wichtige Gebäude in Vilnius und anderen litauischen Städten zu besetzen. Gleichzeitig erklärten sich Mitglieder der kommunistischen Partei Litauens zur einzigen legitimen Regierung des Landes, was einem Putsch gleichkam.

Gedenkfeiern

Gedenkfeiern

Das offizielle Litauen gedenkt jedes Jahr der Toten des Blutsonntags.
Foto: Giedre Maksimovicz / Wikimedia

Die Sowjets hatten allerdings den Widerstand der Litauer unterschätzt, die sich um die wichtigsten Gebäude der Hauptstadt versammelten, um diese zu schützen. Die wichtigsten Ziele der Sowjettruppen waren zu diesem Zeitpunkt das Parlament und der Fernsehturm. Zwischen 1.00 und 2.00 Uhr am 13. Jänner begannen die Sonderpolizeieinheiten von Alfa und Omon mit dem Sturm des Fernsehsenders, der immer noch live von den Geschehnissen berichtete. Knapp nach 2.00 Uhr gelang es den Angreifern, den Sender abzuschalten, eine halbe Stunde später ging der litauische Rundfunk aus einem provisorischen Studio allerdings wieder auf Sendung. Die sowjetischen Truppen gingen bei der Erstürmung des Fernsehturms mit massiver Waffengewalt gegen unbewaffnete Zivilisten vor, von denen vierzehn im Kugelhagel starben, über tausend wurden verletzt.

Diese Ereignisse gingen als „Blutsonntag von Vilnius“ in die litauische Geschichte ein und wurden zum Fanal der litauischen Unabhängigkeit. Am 14. Jänner zogen sich die sowjetischen Truppen zurück. Auch in den anderen baltischen Staaten kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den nach Freiheit strebenden Kräften und sowjetischen Truppen.

Gewalt verhindert die Unabhängigkeit nicht

Trotz ihres brutalen Vorgehens hatten die sowjetischen Einheiten ihre Hauptziele nicht erreicht. Die litauische Führung und das Volk waren weiterhin nicht bereit, auf die Unabhängigkeit zu verzichten. Die sowjetische Führung hatte gehofft, den Putsch und die Intervention in Litauen im Schatten der Irakkrise unbemerkt von der Weltöffentlichkeit durchführen zu können. Diese Strategie war nicht aufgegangen, das Bild Gorbatschows hatte einen ersten großen Kratzer bekommen. Am 4. Februar nahm Island als erster Staat diplomatische Beziehungen zu Litauen auf; am 9. Februar stimmten 90 Prozent der Litauer bei 85 prozentiger Wahlbeteiligung in einem Referendum für die vollständige Unabhängigkeit.

Die Sowjetunion anerkannte die Unabhängigkeit der drei baltischen Staaten erst nach dem Juliputsch in Moskau.
Litauen erhob wegen der Ereignisse Anklage gegen mehrere Personen wegen des Vorwurfs des Mordes und des Angriffs auf die Souveränität Litauens. Die 23 mutmaßlichen Hauptverantwortlichen, unter ihnen Golovatov, wurden dazu wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.

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