Zensur in deutschsprachigen Medien II: Die Welt

Viele Online-Medien möchten sich für ihre Nutzer öffnen, indem sie Kommentare und Diskussionen im Anhang ihrer Artikel erlauben und so den Usern erlauben, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Zumindest wird dies oft behauptet. Doch schon im ersten Teil unserer Serie, die die Online-Präsenz der deutschen Zeitung Die Zeit untersuchte, wurde die sogenannte freie Meinungsäußerung als streng überwachtes Rädchen einer wirksamen Propagandamaschinerie enttarnt. Im zweiten Medium, das wir uns näher ansahen – die Präsenz der deutschen Die Welt – äußerte sich das Phänomen der Zensurkultur ein wenig anders, jedoch nicht minder beunruhigend.

Die gute Nachricht zu Beginn: Der Artikel über die Ankündigungen der baden-wüttembergerischen türkisch-stämigen Integrationsministerin Öney konnte (und kann noch immer!) kommentiert werden. Unser Kommentar war diesmal zugegeben etwas sanfter, wenn auch nicht weniger kritisch formuliert als die Testobjekte in den Zeit-Kommentarspalten. Er ist bis heute lesbar und hat sogar eine stolze Anzahl an Empfehlungen erhalten.

 

 

 

Die Welt benutzt jedoch auch ihre aktiven Leser, um unerwünschte (oder unkorrekte?) Kommentare auszufiltern – neben der Tatsache, dass prinzipiell jeder Kommentar vor seiner Veröffentlichung von einem Redakteur geprüft werden muss. Jeder Kommentar ist mit einem „Melden“-Button versehen (der immerhin schon einmal eine sachlichere Ausführung besitzt als der „Kommentar als bedenklich melden“-Button der Zeit) – und allzu oft stößt man auf Kommentare, die „gemeldet“ und somit automatisch zensuriert wurden. Dies führt in weiterer Folge meist zu einer kompletten Löschung des Kommentarinhalts, der durch einen entsprechenden Hinweis ersetzt wird. Im Gegensatz zum Forum der Zeit, bei dem die Moderatoren Kommentare manchmal auch zusammenkürzen, um die Kernaussage stehenzulassen, arbeitet Die Welt eher nach der Vorschlaghammer-Methode.

Umfrage: Meinungsfreiheit oder Zensur: Was bringen Kommentare in Online-Medien?

Viele Artikel auf der Welt-Präsenz sind von sich aus für Kommentare gesperrt. Ein Blick in die Netiquette bringt Licht ins Dunkel: Das Kommentieren der Artikel ist „aus „Kapazitätsgründen bloß 48 Stunden lang möglich – stellt sich eine Nachricht also im Nachhinein als falsch oder propagandistisch heraus, besteht keine Möglichkeit mehr, dies anzumerken. Diese Vorgehensweise ist zusätzlich ganz vorzüglich geeignet, um eine andere Tendenz zu überdecken: Unzähliche Kommentarbereiche sind bereits viel früher gesperrt. Oft sind es jene, die mit demographischen Entwicklungen, politischen Besonderheiten, Kriminalität, Immigrationspolitik oder einfach auch nur der Türkei zu tun haben.

 

 

 

Ein besonderes Schmankerl auf der Seite der Welt ist jedoch die Kategorie „Zweiter Weltkrieg“, die unter „Kultur“ zu finden ist. Dort finden sich zuhauf Artikel, die den Hergang des Zweiten Weltkrieges, die Gesinnung der Kriegsparteien und die „Mythen“ thematisieren. Kein einziger der Artikel ist aktuell kommentierbar, und die Wenigsten tragen mehr als 10 Kommentare. Dies mag auch an der Irrelevanz der Kategorie liegen, eher wohl aber an der blitzartigen Schließung der Kommentarspalten. Der neueste Artikel über das Stauffenberg-Attentat, der am 20. Juli 2011 um 9:40 veröffentlicht wurde, war 2 Stunden später jedenfalls schon nicht mehr kommentierbar. Und das, obwohl Die Welt in ihrer Netiquette ausdrücklich erwähnt, Kommentare erst zu blockieren, nachdem zu viele davon gegen die Regeln verstoßen hätten – im Stauffenberg-Artikel war jedoch kein einziger Kommentar auch nur gemeldet!

Zensur in deutschsprachigen Medien I: Die Zeit
Wenn „falsche“ Meinungen geäußert werden: Zensur in Onlinemedien

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