Spanien: Die verklärte Protestbewegung hat keinen Rückhalt im Volk

MalagaIn Spanien hat sich eine Protestbewegung gegen die Sparpolitik der Regierung etabliert. „Wir zahlen nicht für diese Krise“ ist der Schlachtruf der Empörten, die seit Mitte Mai die zentralen Plätze zahlreicher Städte besetzt halten. Am Samstag sind sie wieder einmal aus allen Richtungen nach Madrid gezogen, um dort eine Großdemonstration zu feiern. Für das große Spanien war es allerdings eine eher mickrige Manifestation. Dessen ungeachtet gaukeln heimische Medien in rührenden Bildern das Bild eines alle Bevölkerungsschichten durchziehenden Protestes vor. Die Austria Presse Agentur etwa schrieb in ihrem von zahlreichen Zeitungen übernommenen Vorbericht:

Malaga

Malaga

Die Besetzung spanischer Plätze wie hier in Malaga ist das Werk
einer kleinen linken Minderheit, die Bevölkerung interessiert das kaum.
Foto: Unzensuriert.at

Mit Tränen in den Augen erreichen auch Andrea Portela und Miguel Gonzalez die Puerta del Sol. Die Architektin und der Betriebswirt aus dem nordspanischen Oviedo sind erschöpft, ihre Füße schmerzen. Mit 150 weiteren „Empörten“ sind sie auf der Nordroute über 500 Kilometer in die spanische Hauptstadt gewandert, um am „Volksmarsch der Empörten“ teilzunehmen. „Wir müssen den Politikern zeigen, dass die Proteste vor den Wahlen im Mai nur der Anfang waren, und sie nicht einfach so weiter machen können wie bisher“, begründet Andrea gegenüber der APA ihre Teilnahme am „Volksmarsch“.

Eine nüchternere Einschätzung der Lage bringt die Frankfurter Allgemeine Zeitung:

„Bewegung“ ist vielleicht ein etwas zu vollmundiger Begriff für die rund fünfhundert Wanderer, die vor einem Monat aus verschiedenen spanischen Regionen zu Fuß, mit dem Fahrrad und gelegentlich dem Bus aufgebrochen sind, um sich heute an der Puerta del Sol, dem inzwischen etwas vereinsamten Weltmittelpunkt des Mai-Protestes, ein frisches Stelldichein zu geben.

Ronda

Ronda

Der Tourismus ist der letzte Rettungsanker für das
von Masenarbeitslosigkeit geprägte Andalusien,
hier das über einer Schlucht erbaute malerische Ronda.
Foto: Unzensuriert.at

Tatsächlich gibt es in Spanien momentan genügend Gründe, sich zu beschweren. Das Land befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise, die von einer enormen Immobilienblase ausgelöst wurde. Heute stehen unzählige Wohnungen leer und zum Verkauf, die Bauwirtschaft – sonst Garant für Arbeitsplätze – ist völlig zum Erliegen gekommen. Allerdings scheitern die Protestler daran, die breite Masse der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Die Spanier sind zu sehr Realisten, um die utopischen Ziele – gegen den Kapitalismus und die Finanzmärkte – zu teilen. Obwohl die Anführer verhindern wollen, sich in eine politische Schublade stecken zu lassen und sich insbesondere gegen Vereinnahmungsversuche der regierenden Sozialisten von Ministerpräsident Zapatero wehren, ist die Ausrichtung klar. Nicht umsonst hat etwa die von Kommunisten dominierte Partei Izquierda Unida (Vereinigte Linke) ihre uneingeschränkte Solidarität ausgedrückt und teilt offen die Ziele der Protestbewegung. Das Bild bestätigte ein Unzensuriert-Lokalaugenschein in der andalusischen Großstadt Málaga, wo die Besetzung der Plaza de la Constitutión eher an Wagenburg-Romantik erinnert und langbärtige Aktivisten unter aufgespannten Zeltplanen Siesta halten, während ein linker Polit-Clown sich redlich müht, die spärliche Menge bei Laune zu halten und sie zu Sprechchören auffordert.

Zur Fotogalerie: „Die Empörten“ – Wer in Spanien protestiert

Mit der Lage in Spaniens südlichster Region Andalusien beschäftigt sich das aktuelle Unzensuriert-Magazin in einer Reisereportage. Das Land ist geprägt von enormer Arbeitslosigkeit – rund 30 Prozent insgesamt und gar 45 Prozent bei den jungen Menschen. Bau- und Landwirtschaft sind schwer krisengeschüttelt, der Tourismus ist der einzige Rettungsanker. Dennoch – oder gerade deshalb – suchen die Andalusier aber nicht etwa politische Zuflucht bei den linken Parteien, die ihnen trotz der angespannten Finanzlage nach wie vor das Sozialparadies versprechen, sondern wandern in die politische Mitte. Die bürgerliche Partido Popular hat bei den Regionalwahlen im Mai in allen acht Bezirkshauptstädten die Macht übernommen, auch in Sevilla, das seit Jahrzehnten rot regiert war. Eine starke Alternative rechts der Mitte gibt es in Spanien – ähnlich wie in Deutschland – nicht.

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Inhaltsübersicht Unzensuriert-Magazin 2/2011

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