„Jungfrau“ MobilTel beschäftigt Politik und Medien

Stefan ColombpIm Parlament ist gestern kein Untersuchungsausschuss zur Telekom-Affäre und anderen mutmaßlichen Korruptionsskandalen beschlossen worden. SPÖ und ÖVP versprachen zwar einen solchen, aber erst in einiger Zeit und wenn sich alle fünf Parteien auf einen gemeinsamen Untersuchungsgegenstand einigen würden. Trotz wechselseitiger gegenseitiger Anschuldigungen gingen Redner aller Parteien auf einen konkreten Deal ein: den Verkauf der bulgarischen MobilTel an die Telekom im Jahr 2005 für 1,6 Milliarden Euro.

Herzstück der Telekom-Affäre

Das Unzensuriert-Magazin hat über diese Causa bereits in der Juli-Ausgabe berichtet, und angesichts der aufkommenden Telekom-Affären haben wir auf Unzensuriert.at den MobilTel-Deal bereits am 29. August 2011 Als „Herzstück der Telekom-Affäre“ bezeichnet. Immerhin 700 Millionen Euro soll das Konsortium um den Investor Martin Schlaff, den ehemaligen ÖVP-Obmann Josef Taus und den früheren Länderbank-Vorstand und Androsch-Sekretär Herbert Cordt dabei verdient haben. Die Telekom blätterte eine Milliarde mehr hin, als wenn sie selbst die Firma drei Jahre früher anstelle des Konsortiums um Schlaff gekauft hätte. Geld der Aktionäre, unter denen sich als größter die Republik befand. Geld letztlich auch der Gebührenzahler.

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Neben der Politik nimmt sich auch der Falter in seiner aktuellen Ausgabe der Affäre an. In einer auch vor Ort in Bulgarien recherchierten Geschichte fassen die Redakteure die brisanten Vorgänge zusammen, gehen insbesondere auf den bis heute ungeklärten Mord in Perchtoldsdorf ein, bei dem Ermittler des BKA eine Verbindung zu jenem Mann vermuteten, von dem Schlaff und Co. die MobilTel gekauft hatten: zu dem wegen organisierten Verbrechens von Interpol gesuchten russisch-israelischen Oligarchen Michail Chernoy. Das Mordopfer damals war der Vater eines der MobilTel-Gründer. Er wurde erschossen, als er Unbekannte ertappte, wie sie in dem Haus seines Sohnes eine Bombe platzieren wollten. Der Verdacht: Durch die Bombe hätte der Sohn getötet werden sollen, der sich bis dahin beharrlich geweigert hatte, seine Anteile an der bulgarischen Mobilfunkfirma an Chernoy zu verkaufen. Den Widerstand gab er nach dem gewaltsamen Tod des Vaters rasch auf.

Stefan Colombp

Stefan Colombp

Der ehemalige Telekom-Finanzvorstand Stefan Colombo brachte mit
seinen Aussagen neue Brisanz in den MobilTel-Deal.
Foto: H. Eisenberger / Telekom Austria

Der Falter liefert nun auch eine Erklärung für die komplizierten Verkaufstransaktionen, die folgten. Zunächst wurde die Firma an Schlaff und Co. verkauft, dann zum Teil an ein Konsortium institutioneller Investoren und schließlich zu einem horrend gestiegenen Preis an die Telekom. Der ehemalige Telekom-Finanzvorstand Stefano Colombo wird in der Zeitung  zitiert, er wollte damals „eine Jungfrau“ kaufen, „eine saubere Firma ohne Vergangenheit“. Die blutige Vorgeschichte wollte man also offenbar verwischen, um als staatsnahes Unternehmen nicht in den Geruch zu kommen, mit mutmaßlichen Verbrechern Geschäfte zu machen. Schlaff, Taus und Cordt waren wohl frei von dieser Art von Skrupel und wurden dafür fürstlich entlohnt. Doch trotz des Bemühens um „Sauberkeit“ überrascht ein weiteres vom Falter veröffentlichtes Detail: Mit Todor Batkov saß ein enger Vertrauter des gesuchten Oligarchen Chernoy noch bis ins Jahr 2010 im Aufsichtsrat der nunmehrigen Telekom-Tochter in Bulgarien.

"Die Sache ist reif für den Staatsanwalt"

Ob es sich die Justiz wird leisten können, trotz der zusätzlichen vom Falter enthüllten Details auf Ermittlungen in der Causa zu verzichten, bleibt abzuwarten. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Bisher wurden alle Anzeigen und Sachverhaltsdarstellungen abgeschmettert und die Verfahren eingestellt. Eine stammte etwa von SPÖ-Klubobmann Josef Cap, weitere anonyme Anzeigen liegen Martin Graf vor, im Jahr 2007 Vorsitzender des Banken-Untersuchungsausschusses. Er widmete dem MobilTel-Deal in seinem Buch „Pleiten, Betrug und BAWAG“ ein 40seitiges Kapitel. Ein darin einige Male auftauchender Satz: „Die Sache ist reif für den Staatsanwalt.“

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