Oh Susanne! Über die Erinnerungslücken einer politischen Queraussteigerin

Das sei nicht mehr Deine Partei, erklärst Du im Doppelinterview mit Wolfgang Schüssel zehn Jahre nach dem Antritt der blau-schwarzen Wende-Regierung. Und meinst damit die FPÖ, die Du, wie Du vollmundig sagst, damals „geführt“ hättest und die heute Heinz-Christian Strache führt. Und das was damals möglich war, nämlich eine kleine und „bürgerliche“ Koalition, sei heute mit „dieser FPÖ“ schon gar nicht mehr denkbar. Und implizierst dabei unausgesprochen, dass dies so sei, weil sie nicht mehr über so kluge Köpfe verfüge, wie Du es warst.

Kommentar von Andreas Mölzer, Mitglied des Europäischen Parlaments

Oh Susanne Riess-Passer: Es ist schon richtig, dass Du im Kreise von Jörg Haiders „Buberl-Partie“ angenehm auffielst. Zum einen, weil Du kein solches bist, zum anderen weil Du verglichen etwa mit Gernot Rumpold durchaus kultiviert bzw. verglichen etwa mit Walter Maischberger durchaus gebildet warst. Aber vergessen wollen wir doch nicht, dass Du geschäftsführende Bundesparteiobfrau zur ganz persönlichen Entlastung des Bärentalers und dann Vizekanzlerin und Parteiobfrau eben ausdrücklich als enge Vertraute desselben wurdest. „Geführt“ hast Du die Partei deshalb längst nicht, eigenes politisches Gewicht, eigene Wahlerfolge, Hausmacht oder dergleichen waren es auch nicht, die Dich in diese Spitzenpositionen gebracht haben. Nur Haiders Wohlwollen.

Natürlich ist es heute nicht mehr Deine Partei, diese wiedererstarkte Oppositions-FPÖ. In dieser gibt es nämlich keine Generalvollmacht für den Parteichef und keine Partei-Kreditkarte, mit der sich dieser eine Stöckelschuh-Sammlung anlegen kann. Da hat sich denn doch einiges geändert.

Indem Du heute – in Doppelconférence mit Wolfgang Schüssel – erklärst, Politik interessiere Dich nicht mehr, Du wollest nur beweisen, dass Du auch in der Privatwirtschaft Deinen Mann – pardon Deine Frau – stehen kannst, manifestieren sich damit auch einige Erinnerungslücken: Die Vorstandsetage eines Bauspar-Konzerns hat sich Dir ja nicht eröffnet aufgrund Deines überreichen Erfahrungsschatzes als Banker. Nein, Du wurdest politisch versorgt, liebe Susanne, nach Deinem Abgang nach den Ereignissen von Knittelfeld im Jahre 2002, aufgrund derer die Volkspartei und Dein Nach-wie-vor-Freund Wolfgang Schüssel einen triumphalen Wahlsieg einfuhren. Versorgt dafür, dass Du die FPÖ im Stich ließest. Dem verdankst Du Deine privatwirtschaftliche Karriere und die Geschichten von der Entschuldung Deines insolventen Gatten und dessen Beratervertrag im Umfeld eines austro-kanadischen Industriemagnaten und die ganzen wenig appetitlichen Details der Abfangjäger-Beschaffung, alles das wollen wir gar nicht aufwärmen. Nur, von privatwirtschaftlicher Tüchtigkeit in diesem Zusammenhang zu sprechen, ist nun doch ein wenig keck.

Wie auch immer: Wir nehmen zur Kenntnis, dass die FPÖ heute nicht mehr Deine Partei ist. Ob freiheitliche Weltanschauung, nationale Gesinnung, liberale Haltung und Freisinn für Dich heute noch Werte sind, darüber verschweigst Du Dich. Aber das hat man Dich ja auch bereits damals, vor zehn Jahren nicht gefragt, als Du als zweite FPÖ-Vertreterin nach Norbert Steger in die höchsten Regierungsämter dieser Zweiten Republik aufstiegst.

Andreas Mölzer schreibt regelmäßig in der Wochenzeitung "Zur Zeit".

Foto auf der Startseite: Manfred Werner

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