Deutsche Staatsbürger mit türkischem Blut

Anne Will„Ich bin zwar in Deutschland geboren, habe einen deutschen Pass, aber in mir fließt türkisches Blut“, sagten zahllose Fußballfans, die vor dem Match Deutschland gegen Türkei in Berlin interviewt wurden. Den türkischstämmigen Mittelfeldregisseur Mesut Özil nannten sie einen Verräter, weil er für Deutschland spielt. Am Ende der ARD-Sendung „Anne Will“, als diese Bilder und Aussagen eingespielt wurden, regte sich bei vielen Zuschauern Wut im Bauch.

Anne Will

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Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, warum Integration
für türkische Zuwanderer immer noch so schwer ist.
Foto: HolgerRings / flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Wortmeldungen der Jugendlichen waren für die meisten Fernsehzuschauer befremdlich. Als geborene Deutsche genießen sie Vorteile wie Bildung, Sozialhilfeleistungen oder Gesundheitsversorgung, dennoch sind sie im Herzen lieber Türken. Nicht nur ein paar heißblütige Fußballfans, sondern wirklich alle, die im ARD-Filmchen zu Wort kamen. Die Diskussionsrunde bei Anne Will gab zu denken, im Publikum sah man fassungslose Gesichter, viele schüttelten den Kopf.

Schweinefresser und Christenschweine

Zuvor wurde in der Talkshow zum Thema „50 Jahre Ali in Almanya – immer noch nix deutsch?“ anlässlich des 50. Jahrestages des Anwerbeabkommens mit der Türkei diskutiert. Die Runde startete interessant, denn der ehemalige Hauptschullehrer Wolfgang Schenk aus Berlin – ein Mann der Praxis, der an Schulen in Kreuzberg und Steglitz unterrichtete – sagte: „Ich musste als Lehrer im Laufe der Zeit mit ansehen, dass nicht nur ausländerfeindliche Haltungen und Äußerungen deutscher Schüler zunehmen, sondern umgekehrt auch deutschfeindliche Äußerungen über Schweinefresser und über Christenschweine im Unterricht fielen.“ Schenk wies auf aktuelle Probleme im Schulunterricht hin. Ausländische Kinder würden ständig den Unterricht stören, auf den Schulfluren pinkeln und es gebe eine zunehmende Gewaltbereitschaft. „Das ist das Verhalten einer mangelnden Kinderstube und Erziehung“, so Schenk.

Kein Minirock für die 13-jährige Tochter

Die Pädagogen sollten sich in solchen Situationen helfen lassen, empfahl die Turkologin Özlem Nas und forderte auch gleich, das Fach „Sozialkompetenz“ in der Schule einzuführen und „Kulturmittler“ in den Unterricht einzubinden.  Die Referentin an einem Lehrer-Fortbildungsinstitut in Hamburg saß mit Kopftuch in der Runde und reagierte auf die Frage von Anne Will gereizt, ob ihre 13-jährige Tochter einen Minirock tragen dürfe. Darauf Nas: „Meine Tochter darf sich nicht zum potenziellen Opfer eines Pädophilen machen.“

Als Gegenpol zu den Ausführungen des Hauptschullehrers Schenk versuchte sich auch der türkischstämmige Schauspieler Tayfun Bademsoy. „Die Türken haben Wut im Bauch, weil ihnen kein Respekt gezeigt wird“, erklärte Bademsoy das aggressive und kriminelle Verhalten einiger seiner jungen Landsleute. Da platzte dem Bürgermeister des gern bemühten Berliner Problembezirks Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), der Kragen: „Ich kann’s nicht mehr hören!“ Hier wäre wieder einmal in Reinkultur die Opferrolle gepflegt worden – „das bringt uns keinen Schritt weiter“. In einem Stadtteil, in dem schon 80 Prozent Ausländer leben würden, kämen immer noch Türken zu ihm, „die sich beschweren, dass sie von Deutschen bedroht werden“.

Schon mit einem gewissen Schmunzeln verfolgten Zuschauer, dass ausgerechnet die Türkin Güner Balci darauf hinwies, dass das Problem an den Schulen die eigene Abgrenzung der türkischstämmigen Schüler „gegenüber Werten, die wir in Deutschland als Konsens empfinden“ sei. Womit die Journalistin wohl ins Schwarze traf.

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