Buchtipp: Die Farbe des Krieges

"Eifern mit Gut und Blut in Allahs Weg für den Islam" Sure 9, Vers 81

Mitte der 90er Jahre wird der 18jährige Wehrdienstleistende Arkadi Babtschenko auf einen Armeestützpunkt in den Kaukasus versetzt, um hier auf seine Verlegung nach Tschetschenien zu warten. Er wie auch seine unmittelbaren Kameraden verbringen den Tag meist damit, untätig herumzulungern und den älteren Soldaten aus dem Weg zu gehen. Dieses „aus dem Weg gehen“ funktioniert aber meist nur am Tag, in der Nacht sind die jüngeren Rekruten den Misshandlungen der sogenannten „Großväter“ schutzlos ausgeliefert. Der Autor beschreibt die Quälereien erschreckend plastisch. Der Leser fühlt sich an die Bilder aus Abu Ghraib erinnert. Nur hier foltern Soldaten der russischen Föderation ihre eigenen Kameraden.

Die täglich via Flugzeug eintreffenden Leichen der gefallenen Soldaten bewirken anfangs Angst und Abscheu vor dem Krieg, die sich weiter entwickeln zu Gleichgültigkeit und in einer absoluten Gefühllosigkeit gegenüber den gefallenen Kameraden enden. Nach der Verlegung in das Kampfgebiet werden die jungen Männer nicht nur mit den Schrecken des Krieges konfrontiert, sondern ebenso von den „Großvätern“ weiter terrorisiert und gequält. Immer wieder fallen Kameraden den tschetschenischen Partisanen zum Opfer. Der Autor berichtet von gekreuzigten russischen Soldaten, von Hinterhalten, von Morden an Gefangenen.

Nur kurz nach der Verlegung nach Tschetschenien kann die jungen Soldaten nichts mehr erschüttern. In ihrem jungen Leben haben sie meist mehr gesehen als sie verarbeiten konnten, angefangen von verstümmelten Leichen mit aufgerissenen Bäuchen und abgerissenen Gliedmaßen bis hin zur tschetschenischen Zivilbevölkerung, die den Soldaten meist feindlich begegnete. Von besonderen Bedrücktheit ist auch der Bericht des Autors, wie vermummte Gestalten durch die Straßen Grosnys ziehen und von einer russischen Einheit unter Beschuss genommen werden, bis sich herausstellt, dass es sich um die Mütter von getöteten russischen Soldaten handelt.

Der Autor überlebt den Einsatz in Tschetschenien und klagt in seinem Buch eine völlig unfähige und korrupte Armeeführung an, welche Misshandlungen an ihren Rekruten zulässt und nicht in der Lage ist, das Alkohol- und Drogenproblem zu lösen. Er kritisiert auch die politische Führung seines Landes, welche zwar bereit ist, junge Männer in Uniform in einen Krieg ohne Gnade zu entsenden, aber jede Verantwortung für die jungen Soldaten ablehnt.

Der Autor wurde 1977 in Moskau geboren, mit 18 Jahren zum Wehrdienst eingezogen und Mitte der 90er Jahre nach Tschetschenien abkommandiert. Nach Beendigung seiner Armeezeit studierte er in Moskau Rechtswissenschaften und arbeitete für Zeitungen. Er ist Träger verschiedener Preise und Auszeichnungen und lebt derzeit als freier Journalist und Autor in Moskau.

Arkadi Babtschenko: Die Farbe des Krieges, Rowohlt Verlag, 8,95 Euro.

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