Debatte über Debatte: Frankreich denkt über nationale Identität nach

Seit der Revolution beruft Frankreich sich auf seine wohlbekannten Grundwerte "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". In letzter Zeit waren diese wohl nicht genug, um den inneren Frieden im Land aufrecht zu erhalten. 2008 wurde Eric Besson als Minister für "Immigration, Integration, nationale Identität und solidarische Entwicklung" eingesetzt. Ein Bereich, der offenbar schwer vernachlässigt war, denn Ende letzten Jahres rief Besson die Debatte über die nationale Identität aus. Jetzt wird schon mehr debattiert, ob man so eine Debatte überhaupt führen darf.

Was heißt es in einer globalisierten Welt, Franzose zu sein? Eine Frage, die Frankreich gleichermaßen bewegt und beunruhigt. Die Krawalle im Jahr 2005 waren nur eines der Resultate davon, dass wie überall in Europa die Themen Einwanderung und nationale Identität bisher mit Samthandschuhen angefasst wurden – umso größer ist der soziale Druck, dem Besson nun standhalten muss. Und wie das Amen im Gebet folgt die Rechnung für das Berühren dieser Tabuthemen: Das Wochenblatt Marianne bezeichnet den Minister als "meistgehassten Mann Frankreichs". Kein Wunder, wurde den Europäern ihr Nationalstolz nach dem Zweiten Weltkrieg doch als Wurzel allen Übels verkauft. Diese Einstellung hat sich mit der zunehmenden Globalisierung der Welt noch verstärkt. Kaum jemand kann heutzutage offen sagen, auf seine Nationalität stolz zu sein, ohne dass Vertreter des linken Lagers ihm Rechtsextremismus vorwerfen. Auch Besson wird von der Opposition scharf kritisiert: Die Initiative sei ein leicht zu durchschauender Versuch, Stimmen bei den extremen Rechten zu fischen.

Die extremen Rechten: eine Phrase, die auch in Österreich medial allgegenwärtig ist. Macht man sich jedoch die Mühe, hinter die Propagandarufe zu blicken, so stellt sich ein einfaches Muster heraus: Jeder, der auch nur ansatzweise versucht, eine Art von Nationalitätsgefühl für das Volk zu schaffen, wird automatisch in diese Gruppe eingeordnet. Der einzelne Bürger hat nachvollziehbare Angst, seinen Wunsch nach einem Heimatgefühl auszusprechen – insgesamt ergibt sich so eine Bevölkerung, die diese Bedürfnisse nicht zu haben scheint. Das Volk wird eingeschüchtert und manipuliert, um die so hochgepriesene "Freiheit" zu erlangen, was ein perfekter Deckmantel für die Auflösung nationaler Strukturen ist.

Doch diese verzerrte Definition von Freiheit kann sich nicht für immer halten. Je stärker Wünsche und Bedürfnisse unterdrückt werden, umso mächtiger ist der Druck, der sich aufbaut und durch immer bizarrere Aktionen in Zaum gehalten werden muss. Doch dieses Wegleugnen ist nicht endlos fortsetzbar. Irgendwann muss sich jeder Staat der Diskussion über seine nationale Identität stellen, denn Streitpunkte müssen angesprochen werden anstatt verschwiegen.

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