Geheime Bankenliste: Die Geretteten und die Verdammten

BildDer britische Finanzblogger David Malone war zuletzt einer der Ersten, der die Bilanztricks der Erste Bank aufdeckten, mit denen diese lange ihre Verluste verschleiern konnte. Jetzt meldet sich Malone auf Golem XIV mit einer weiteren Bankengeschichte zu Wort – und zwar mit einer düsteren Prognose. Der jüngste EU-Gipfel könnte der letzte gewesen sein, bei dem die Rettung aller Banken beschlossen wurde. In Zukunft, so vermutet Malone unter Berufung auf Aussagen einer Top-Bankerin, wird man manche Institute einfach pleite gehen lassen. Und dies könnte manche – vor allem kleinere – Staaten besonders hart treffen, weil deren Banken kaum „Systemrelevanz“ besitzen, schon gar nicht für ganz Europa. Unzensuriert.at veröffentlicht die Übersetzung von Malones aktuellem Kommentar. Hier geht’s zum englischen Original.

Die Geretteten und Verdammten

David Malone

David Malone

David Malone
Foto: www.debtgeneration.org

Ich hatte vor kurzem ein Treffen mit einer irischen Top-Bankerin. Sie war unter der Bedingung, dass ihr Name vollständig anonym bleiben müsse, bereit, mich zu treffen und mir ein paar Fragen zu beantworten. Dass sie überhaupt dazu bereit war, mit mir zu sprechen, war bereits eine Überraschung.

Eines der Themen, worüber wir sprachen, war das kommende europäische Treffen über die endlosen Rettungsversuche für die europäischen Banken. Ich fragte, was sie von dem scheinbar endlosen Hin und Her zwischen Frankreich und Deutschland über den Euro-Rettungsschirm (EFSF) halte und ob sie glaube, dass es überhaupt zu einem konkreten "Bailout" kommen würde.

Kuhhandel zwischen Frankreich und Deutschland?

Ihre Antwort: Hier geht ein Kuhhandel von statten, aber nicht das, was in der Presse berichtet wird. Ihr zufolge sei es schon bekannt, dass es keinesfalls darum ginge, alle Banken zu rekapitalisieren, sondern dass dies nur im geringstmöglichen Umfang erfolgen solle. Frankreich und Deutschland hätten sich darauf geeinigt. Wie ich in meinen Gesprächsaufzeichnungen festhielt, habe es einen regelrechten Kampf mit fallenden Geboten gegeben, um diesen Betrag möglichst niedrig festzulegen.

Zwischen einem Kuhhandel und einer soliden Argumentation liegen natürlich Welten. Was hier herauskam war nichts anderes als eine Liste, auf der in groben Zügen ein minimaler "Bailout" festgelegt wurde, konkret: welche Banken gerettet werden sollen und welche man, wenn sie nächstens wieder ein Problem haben sollten, einfach krepieren lässt. Somit wurde per Kuhhandel festgelegt, wer die Geretteten und wer die Verdammten sind.

Letzter Versuch, alle Banken zu retten

Mit anderen Worten geht es hier um die Entscheidung, dass dies der letzte Versuch war, alle Banken quer durch Europa zu retten. Von nun an ist klar, dass weder die EU noch der IWF alle Banken retten kann. Nur die systemisch wichtigsten Banken werden gerettet und der Rest darf sich selber retten, wenn er kann, oder eben krepieren, wenn er es nicht kann.

Ich glaube zwar, dass meine Gesprächspartnerin bei ihren Ausführungen ehrlich und aufrichtig war. Aber kann das wirklich wahr sein?

Erstens, wer wäre denn überhaupt in der Lage, eine solche Liste aufzustellen? Wer würde an diesen Diskussionen teilnehmen? Wenn irgendetwas durchsickert darüber, wer auf der Liste steht, dann wäre das so gut wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die "Verdammten" könnten zusehen, wie ihre Aktien und Anleihen krachen und die "Geretteten" würden in den Himmel wachsen. Wem sollte man also solches Vertrauen schenken? Merkel und Sarkozy können schließlich eine solche Liste nicht auf eigene Faust verfassen. Würde man die Chefs der Zentralbanken konsultieren? Die Finanzminister? Wenn nur ein einziger Minister beigezogen würde, kämen sicherlich Details durch Indiskretionen an die Presse und würde dies zu einem sofortigen Bankenkrach führen. Wäre es also wirklich möglich, eine solche Liste aufzustellen?

Bei der nächsten Krise werden einige auf der Strecke bleiben

Mir scheint demzufolge die ganze Idee unwahrscheinlich zu sein. Auf der anderen Seite wissen wir alle, und meine Gesprächspartnerin sagte das offen und klar, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, dass EFSF oder EZB oder IWF, nicht einmal alle zusammen, alle Banken retten können und dass somit notwendigerweise bei der nächsten Krise einige überbleiben und krepieren werden. Wenn man dies einmal als gegeben feststellt, wäre es allerdings unlogisch, wenn man sich KEINE Gedanken darüber macht, welche Banken gerettet werden sollen und welche nicht. Man kann sich ja nicht von jedem Szenario überraschen lassen und ständig Krisengespräche quasi mit an die Stirn gesetzter Pistole führen.

So gesehen erscheint eine solche Liste nicht nur möglich, sondern sogar notwendig. Betrachtet man beide Seiten des Arguments gemeinsam, so scheint mir das darauf hinzudeuten, dass die EZB und die europäischen Führungskräfte tatsächlich in jedem Land eine Liste jener Banken aufstellen müssten, die sie als absolut systemisch wichtig einschätzen. Es geht dabei um Banken, die wichtig für das übergreifende Bankensystem sind und nicht um solche, die in ihrem Heimatland als wichtig erachtet werden. Es könnte also sein, dass beispielsweise keine einzige Bank in Irland oder Portugal oder Griechenland als wichtig "für das System" angesehen wird. Und dies ist der kritische Punkt. Es scheint mir wahrscheinlich, dass die meisten Banken einiger Länder, nämlich der mächtigen Länder, auf der Liste der "Geretteten" stehen werden. Während die meisten Banken anderer Länder, vielleicht sogar ohne das Wissen ihrer eigenen Regierungen, klammheimlich auf die Liste der Verdammten geraten werden. Damit wäre die Entscheidung schon getroffen, dass sie überbleiben und einfach krepieren sollen. Im Wesentlichen heißt das, dass man in dieser Situation bereit ist, ein Land zu opfern und lahmzulegen, um damit den Bestand des "Systems" zu sichern.

Gerettete werden verdammte Banken ausschlachten

Das bedeutet ferner, dass bei einem Bankenzusammenbruch es einige Länder geben wird, in denen viele Banken krepieren, wobei deren "gute" Vermögenswerte zunächst von den "geretteten" Banken ihres eigenen Landes ausgeschlachtet werden und dass diese später, wenn es in diesen Ländern nicht mehr genug größeren Banken gibt, von den Banken jener Länder geschluckt werden, die noch nicht in Schwierigkeiten sind. Länder würden plötzlich vor dem Staatsbankrott stehen und weder ihr Volk noch ihre Regierung wären an einer solchen schicksalshaften Entscheidung beteiligt gewesen. Sie würden vielmehr im Glauben gelassen, sie hätten zur Rettung ihrer Banken beigetragen, um dann zu erleben, dass diese wegen anderen und zum Wohle anderer Banken zusammenbrechen. Es wäre dann kein "geordneter Staatsbankrott", wie man es manchmal zu hören bekommt, sondern es wäre ein "erzwungener Staatsbankrott". Die Märkte würden zwar das Ereignis auslösen, aber die Entscheidung würde durch andere, und zum Vorteil anderer, erfolgen und durch diese quasi erzwungen werden.

In der Zwischenzeit jedoch müssten wir, das Volk, in jedem Land weiterhin unser Geld in die Banken stecken, um diese, wie es heißt, zu "retten". Dabei könnten viele dieser Banken tatsächlich bereits auf jener Liste der "Verdammten" stehen. Die Führer von Frankreich und Deutschland und vielleicht die Chefs der EZB und des IWF, vielleicht sogar unsere eigenen Regierungschefs wissen natürlich, dass die Banken, in die wir unser Geld stecken, bereits zum Tode verurteilt sind. Bei der nächsten Bankkrise werden sie überbleiben und krepieren, doch bis dahin werden wir weiterhin unsere Länder ruinieren, indem wir Geld in bereits maroden und zum Tod verurteilte Banken stecken. Und wenn es schlussendlich so weit ist, dass sie krepieren, wird all das Geld, das man in sie hineingesteckt hat, mit ihnen dahin sein. Milliarden und Abermilliarden werden verschwunden sein. Von diesem Geld kommt nichts mehr zurück. Es wird längst seinen Weg gegangen sein, den Weg zu den Anleihegläubigern der Banken.

Ich kann, wie gesagt, nicht bestätigen, dass diese Liste existiert. Alles, was ich bestätigen kann, ist, dass mir die Bankerin, die mir von der Existenz der Liste erzählte, vertrauenswürdig erschien und dass die grimmige Logik der gegenwärtigen Krise unserer Banken und unserer Politik ebenfalls darauf hindeuten, dass sie existieren muss.

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