Ex-UniCredit-Banker: „Wir brachen laufend das Gesetz!“

Jonathan SugarmanEin ehemaliger leitender Angestellter der größten Bank Italiens sagt, dass die europäische Schuldenkrise das Ergebnis einer verfaulten Kultur bei den Banken sei, welche übermäßige Risikobereitschaft fördert. Jonathan Sugarman war der Leiter des Risikomanagements im Dubliner Büro der italienischen UniCredit. In seinem ersten öffentlichen Interview nach Beendigung seines Dienstverhältnisses mit der Bank erzählt er im Foreign Correspondent Programm der australischen Fernsehanstalt ABC, dass er sich zum Rücktritt gezwungen sah, nachdem sein Chef ihn immer wieder zu offensichtlichen Gesetzesbrüchen aufgefordert hatte. Das Interview führte die ABC-Europa-Korrespondentin Emma Alberici.

Jonathan Sugarman

Jonathan Sugarman

Jonathan Sugarman war Teil des Systems, ehe er ausstieg. Heute
spricht er von Gesetzesbrücken bei seinem ehemaligen Arbeitgeber.
Foto: Screenshot ABC

Es war im Jahre 2007, als die New York Times Dublin als den Wilden Westen der europäischen Finanzwelt bezeichnete. Bis dahin hatten alle der größten Banken in Europa ihren Sitz in das Irish Financial Services Centre verlegt, das sie mit den niedrigsten Unternehmenssteuern in der englischsprachigen Welt angelockt hatte. Ausländische Banken fanden hier aber noch einen anderen Anreiz – der Standort Dublin stand im Ruf, dass hier auch die Bankenregulierung 'light' sei. Jonathan Sugarman war zunächst für eine deutsche Bank in Dublin tätig, wurde aber durch eine Agentur für Führungskräfte an die UniCredit vermittelt, um dort das Risikomanagement in deren Dubliner Büro zu übernehmen. Das Geschäftsvolumen der italienischen Bank in Irland belief sich damals auf 50 Milliarden Dollar.

"Mein Job war es, die Regeln einzuhalten"

Sugarman erläutert die Rahmenbedingungen so: „Als Bank hatten wir eine Lizenz für das Bankgeschäft, was man sehr gut mit einem Führerschein vergleichen kann: Er weist aus, dass man weiß, wie schnell man fahren darf, was im Verkehr erlaubt ist und was die erlaubten Grenzen sind. Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass diese Regeln auch immer eingehalten wurden.“ Risk Manager sind gesetzlich dazu verpflichtet, Guthaben und Barmittel in Reserve auf der Höhe von 90 Prozent der Verbindlichkeiten der Bank zu halten. Die Regeln sind klar: Die Bank konnte schon mal 89 Prozent Liquiditätsdeckung aufweisen, also ein Toleranzprozent, aber bei weiterem Unterschreiten dieses Limits war ein Bericht an die Regulierungsbehörde fällig.

Unterdeckung zwanzig Mal höher als erlaubt

Innerhalb weniger Monate nach Beginn seiner Tätigkeit allerdings bemerkte Jonathan Sugarman, dass die UniCredit Dublin eine Liquiditätsdeckung von nur 70 Prozent aufwies, also 20 Mal weniger als das erlaubte Limit. Sechs Wochen lang erklärte ihm sein Chef, er solle sich deswegen bloß keine Sorgen machen. Aber er tat es dennoch und reichte schließlich seine Kündigung ein: „Wir brachen laufend das Gesetz und es war mein Name, der auf den täglichen Berichte stand. Unter den Augen des Gesetzes war ich derjenige, der dafür zu sorgen hatte, dass wir innerhalb des vorgeschriebenen Tempolimits fuhren, aber wir waren weit über dieses Limit hinausgefahren. Das Gesetz sah jedoch eine sehr klare Sanktion vor: Ich riskierte für den Regelverstoß fünf Jahre Gefängnis und dazu hatte ich einfach keine Lust.“ Er sei sich zu hundert Prozent sicher, dass die UniCredit damals das Gesetz gebrochen haben.  Sugarman habe sich auch an ein IT-Unternehmen in London gewandt. „Die zulässige Abweichung lag bekanntlich bei 1 Prozent, aber eines Abends riefen sie mich an, kurz nachdem sie sich in unsere Systeme eingeloggt hatten, und erklärten mir, dass wir tief im roten Bereich seien, nämlich 40 Prozent unter dem erlaubten Limit.“

Regulierungsbehörde blieb völlig gelassen

Zwölf Monate, nachdem Jonathan Sugarman der Regulierungsbehörde mitgeteilt hatte, dass seine Bank in Dublin knapp bei Kasse war, lag dann das gesamte irische Bankensystem auf den Knien und bettelte nach einem Rettungspaket. Fünf Banken verlangten 50 Milliarden Euros, nur um ihre Tore offenhalten zu können. Im vergangenen Jahr brachte daraufhin der irische Abgeordnete David Norris die UniCredit-Materie im Parlament zur Sprache. „Hier handelt es sich um eine sehr ernste Angelegenheit, die der Finanzaufsicht gemeldet worden war. In der Folge hat ein Mann seinen Job verloren, da er kündigte, um seine Ehre zu bewahren. Die Liquiditätsverletzung lag beim 40-Fachen der erlaubten Marge. Das ist wirklich ein Desaster“, so Norris gegenüber ABC. Auch nach dieser Intervention wurde die Bankaufsichtsbehörde nicht tätig. In einem Brief an den Fernsehsender erklärte die irische Zentralbank erst vor kurzem, dass immer noch die Vorwürfe untersucht würden, die ihnen von Jonathan Sugarman vor vier Jahren zur Kenntnis gebracht worden waren. „Ich verließ die Bankräumlichkeiten, ging hinüber zur Bankaufsichtsbehörde einrichten, ich wollte die Meldung selber abliefern und es nicht irgendjemandem Dritten überlassen, aber danach ist nichts passiert. Das war so, als ob man zum Polizeikommissariat mit einem Messer voller Blut geht und sagt: Ich habe gerade jemanden getötet; man erwarten dann, dass die Polizei fragt, wo die Leiche liegt. Wo ist das Opfer? Warum haben Sie das getan? Aber hier hieß es locker, na ja, ihr solltet das aber nicht noch einmal machen. Das hat mich völlig verblüfft“, schildert Sugarman die Teilnahmslosigkeit der zuständigen Beamten.

Jonathan Sugarman prangert die Missstände bei seinem ehemaligen Arbeitgeber bereits seit rund einem Jahr an, zunächst unter dem Schutz der Anonymität auf seinem Blog WhistleblowerIRL, der mittlerweile auch in einer deutschsprachigen Version verfügbar ist. Als erstes Mediem widmete sich das irische Village Magazine Anfang des Jahres der skandalösen Affäre. Unzensuriert.at berichtete bereits damals intensiv. Der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf nahm die Enthüllungen zum Anlass für eine parlamentarische Anfrage an den Finanzminister, der jedoch darauf verwies, dass er keine Zugang zu oprativen Informationen der Finanzmarktaufsicht habe..

UniCredit berichtete zuletzt ein „Rekordergebnis“ im dritten Quartal dieses Jahres: einen Verlust von 15 Milliarden Dollar. Die Schuldenprobleme der italienischen Regierung lasten somit schwer auf der größten Bank des Landes.

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