Cohn-Bendit: “Nieder mit den Grünen!”

EEFVNieder mit den Grünen! Seien Sie unbesorgt, diese Parole stammt nicht von Daniel Cohn-Bendit, der zum Herold der liberalen Globalisierung unter dem Etikett der französischen Grünen wurde – sondern von seinem Bruder Gabriel, der eben bei Editions Mordicus eine adrettes und erfrischendes Büchlein mit dem Titel "Nieder mit den Grünen! Es lebe die Ökologie! " veröffentlichte. Die französische Agentur Novopress hat das Buch gelesen und im Lebenslauf des Autors geforscht.

Gabriel Cohn-Bendit ist seit fast einem halben Jahrhundert in Saint Nazaire ansässig, mittlerweile 75 Jahre alt, und hat seine eigene charakteristische politische und ideologische Laufbahn hinter sich: im Jahr 1956 kurzes Debut bei der Kommunistischen Partei, dann Praktikum bei den Trotzkisten, danach eine Zeitlang bei der PSU (Sozialistische Einheitspartei) und schließlich Beitritt zur Gruppe "Sozialismus oder Barbarei"; schließlich blieb er jedoch bei den Grünen hängen – bevor er auch diese wieder verließ. Er versteht sich selber als "ein politischer Showmaster" und rief im vergangenen Januar die gesamte Linke auf, sich hinter Dominique Strauss-Kahn zu versammeln. Der progressiv-linken französischen Tageszeitung Libération gegenüber bekannte er offen: "Alle Prinzipien, an die ich während der vergangenen 20 Jahre geglaubt habe, sind eines nach dem anderen zusammengebrochen."

Als Deutschlehrer nahm Gabriel Cohn-Bendit im Jahr 1981 an der Schaffung des Experimental-Lyzeums von Saint Nazaire teil – man wollte es mit alternativer Pädagogik versuchen, wobei die Utopie des Unterfangens Anlass zu einer Vielzahl von Kontroversen bot – und lehrte dort bis zum Jahre 1997.

Konflikt mit Liga gegen Rassismus und Antisemitsmus

Als völliger Nonkonformist nahm Gabriel Cohn-Bendit in den 1980er-Jahren Positionen zum Zweiten Weltkrieg und zur Deportation [der Juden] ein, die schwer verdaulich waren und ihm Konflikte mit der LICRA (Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus) einbrachten. Er verstieg sich sogar zur Zusammenarbeit mit dem Rechtsanwalt Eric Delcroix beim Verfassen eines Buches mit dem Titel "Intolerable Intoleranz", wobei mit der "Intoleranz" die LICRA und ähnliche Positionen gemeint waren. Auch wenn er eingesteht, dass er sich damals getäuscht habe, so sagt er heute: "Ich leugne in keiner Weise meinen Standpunkt, dass freie Meinungsäußerung das oberste Gebot darstellt."

EEFV

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Cohn-Bendit kritisiert die Spitzenfrauen der französischen Grünen:
Parteivorsitzende Cécile Duflor, Präsidentschaftskandidatin Eva Joly (v.l.).
Im Hintergrund: Gallionsfigur Daniel Cohn-Bendit, Bruder des Autors.
Foto: Eva Joly 2012 Presse / Wi

Im Jahr 2002 verulkte er die trotzkistische Partei "Lutte ouvrière" (Arbeiterkampf) unter Arlette Laguiller als eine von einem weiblichen Guru angeleitete wirre Sekte von Mönchssoldaten. Aber auch Olivier Besancenot vom Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA) bleibt sein Hohn nicht erspart, da er ihm Geheimniskrämerei und Weltfremdheit vorwirft, wenn er sich als Erbe Trotzkis bezeichnet, der "letztlich doch nichts anderes als die Vorstufe von Stalin war."

"Verrückte Karrieristen" an der Parteispitze

Zuletzt legt sich der Lehrer aus Saint-Nazaire aber auch noch mit den "Grünen", der EELV-Partei, an, für ihn "eine sexy aufgemachte Mogelpackung". In der Tageszeitung Sud Ouest bezeichnet er die grünen Politiker Cécile Duflot und Jean-Vincent Placé als "verrückte Karrieristen, wofür die jüngsten Koalitionsverhandlungen mit der Sozialistischen Partei geradezu ein Schulbeispiel seien" und unterstellt ihnen, dass sie lediglich darauf aus seien, ein paar Abgeordneten- und Bürgermeisterposten zu bekommen und sie dann an die bravsten Gefolgsleute zu verteilen. Die Bewerbung von Eva Joly bei den Präsidentschaftswahlen – "sie ist auch nicht schlechter als alle anderen" – ist seiner Meinung nach zu nichts nütze. Aber auch über die Partei der Madame Duflot, die er als völlig undemokratisch ansieht, erzählt Gabriel Cohn-Bendit gerne Anekdötchen – wie etwa bei den vergangenen EU-Wahlen in der Bretagne, wo die auf den Spitzenkandidaten Yannick Jadot in der Liste folgende Kandidatin diesen stimmenmäßig weit überrundete und dennoch vom "Politbüro" mit der Begründung abgelehnt wurde, die Stimmen hätten nur "konsultativen Charakter" gehabt.

Französische Grüne

Französische Grüne

Gaby Cohn-Bendit sieht die Anti-Atom-Politik der französische
Grünen in einer tiefen Krise und einen Ausstieg in weiter Ferne.
Foto: thierrydenys / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Bruder von "Dany" beschuldigt die grüne EELV-Partei glatt, die Umweltbegeisterung der Franzosen durch ihren politischen Zickzackkurs in den Ruin getrieben zu haben. Über den Ausstieg aus der Atomkraft meint Gabriel Cohn Bendit, dass sich die Debatte zwischen Pro-Kräften und Anti-Atom-Ayatollahs verzettelt habe und von fundamentalistischen Sekten vereinnahmt worden sei. Für ihn ist ein Ausstieg "sofort oder binnen 5 oder 10 Jahren völlig utopisch […] Wir brauchen keine Vorhersage, sondern eine Strategie. Es ist an der Zeit, dass Frankreich seine Energie-Revolution beginnt und sich nicht von einer einzigen Energieform abhängig machen lässt".

Gabriel Cohn Bendit tritt heute für eine neue politische Bewegung – "frei von all dem sektiererischen Drumherum" der EELV – ein und stellt die bezeichnende Frage: "Aber wie gelangen wir dorthin?" Von Desillusion zu Desillusion gejagt, wird "Gaby" vielleicht doch noch eine Antwort auf seine Frage finden können. Man möge ihm nichts Schlimmeres wünschen.

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