Der mysteriöse Freitod eines roten Kontrollbankers

BildÖsterreich ist zweifellos die Republik der Sekretäre. SPÖ-Spitzenpolitiker haben sehr oft den Weg über die Karriereleiter als Berater höchsten Staatsämter gemacht. Vielen von ihnen hat man nach einigen Jahren in der Spitzenpolitik den Abgang dann mit Spitzenfunktionen in der staatsnahen Wirtschaft versüßt. Man denke nur an Franz Vranitzky (Länderbank), Beppo Mauhart (Austria Tabak) oder Gerhard Zeiler (ORF). Manche kehrten wieder, wie etwa Franz Vranitzky als Kanzler. Dann und wann kamen sich ehemalige Sekretäre auch gegenseitig ins Gehege. Bei Rudolf Scholten und Gerhard Praschak endete dies mit dem Freitod des Zweiten. Und das, obwohl beide einst dem gleichen Chef gedient hatten.

Rudolf Scholten: Banker, Kanzlerberater und Kunstminister

Rudolf Scholten

Rudolf Scholten

Rudolf Scholten, der besser funktionierende Sekretär.
Foto: Wolfgang H. Wögerer, Wien / Wikimedia

Rudolf Scholten war eigentlich ein gestandener Kontrollbankmitarbeiter. Noch während des Studiums war er bereits mit 21 Jahren in die Kontrollbank eingetreten. Als Vorstandsassistent und  bei Auslandsaufenthalten in den USA vertiefte er sein praktisches Wissen im einschlägigen Bankwesen. 1984 berief Franz Vranitzky als damaliger SPÖ-Finanzminister Scholten in sein Kabinett. Dort war er wirtschaftspolitischer Berater und folgte Vranitzky 1986 ins Bundeskanzleramt, wo er für Wirtschafts- und Kulturangelegenheiten verantwortlich zeichnete. 1988 bis 1990 übernahm er die Funktion eines Generalsekretärs des Bundestheaterverbandes. Aus dieser berief ihn Vranitzky ins Amt des Bundesministers für Unterricht und Kunst für die Jahre 1990 bis 1994.1995 bis 1996 erhielt er das Wissenschaftsressort, um bis 1997 in weiterer Folge auch die Verkehrsagenden zu übernehmen. Im Jahre 1997, nach dem Freitod seines ehemaligen Kollegen Gerhard Praschak, zog Scholten in die Vorstandsetage seines ehemaligen Arbeitgebers, der Österreichischen Kontrollbank, ein.

Gerhard Praschak: Kanzlerberater und Kontrollbank-Chef

Gerhard Praschak stammte aus einfachen Verhältnissen aus einem kleinen Ort in Niederösterreich. Nach erfolgreicher Matura und Wirtschaftsstudium mit ausgezeichneten Referenzen stieg er in der Österreichischen Nationalbank ein. SPÖ-Mitglied Praschak profilierte sich und wurde in weiterer Folge Sekretär und Berater des langjährigen SPÖ-Finanzministers Ferdinand Lacina. In weiterer Folge wurde er sogar Kabinettschef von Bundeskanzler Vranitzky. Mit dem 40. Lebensjahr zog er dann in den Vorstand der Kontrollbank ein. Dort managte er höchst erfolgreich die Abwicklung staatlich garantierter Exportfinanzierungen. Praschak hatte neben seinem Beruf auch seit Studententagen immer eifrig seine Gesinnungsgemeinschaft, die SPÖ unterstützt. Er wusste, wem er die Karriere und den Aufstieg zu verdanken hatte, und zeigte sich stets loyal. In seinen verschiedenen Funktionen von der Nationalbank über das Finanzministerium und das Bundeskanzleramt bis in die Kontrollbank lernte er aber auch das System und seine Abgründe kennen.

Systemgünstling sah sich selbst als zukünftiges Opfer

Als es im Zuge von Personalrochaden zu einem beabsichtigten Wechsel des ehemaligen Vranitzky-Sekretärs und langjährigen SPÖ-Regierungsmitglieds Rudolf Scholten kam, schrillten bei Praschak die Alarmglocken. Ihm war aus der eigenen Partei zu Ohren gekommen, dass Scholten an seine alte Arbeitsstätte in der Kontrollbank zurück wollte, und zwar als Vorstandsmitglied. Damals war der Vorstand nach der Farbenlehre der Großen Koalition mit einem ÖVP-Mann und einem SPÖ Mann, eben Praschak, besetzt. Praschak rechnete sich aus, dass es selbst bei einer temporären und politisch beabsichtigten Erweiterung des Vorstandes auf drei Personen für ihn früher oder später eng werden würde. Er führte Gespräche mit dem neu bestellten SPÖ-Bundeskanzler Viktor Klima und Finanzminister Rudolf Edlinger, konnte aber nach diesen Konsultationen offensichtlich für seine Zukunft keine positive Entwicklung sehen. Er wählte den Freitod, hinterließ aber vorher noch ein Vermächtnis für die Nachwelt.

Freitod und Dossier über das Bankwesen in Österreich

Am Samstag, dem 27. April 1997, erschoss sich Gerhard Praschak in seinem Vorstandsbüro in der Wiener Innenstadt mit einer Smith&Wesson. Bevor er zum Revolver griff, hatte der SPÖ-Mann sich nicht nur brieflich von seiner Familie verabschiedet, sondern auch eine politische Zeitbombe gezündet. Er hatte an die Oppositionsparteien im österreichischen Nationalrat, aber auch an die Medien ein Dossier über das Bankwesen in Österreich mit vertraulichen Informationen verschickt. Dort befanden sich sowohl Gesprächsnotizen mit SPÖ-Regierungsmitgliedern als auch Unterlagen über risikoreiche Auslandsgeschäfte und verdeckte Gewinnausschüttungen an Eigentümerbanken der Kontrollbank. Auch die Bank Austria, deren Übernahmecoup der früheren Creditanstalt und die Person des langjährigen Generaldirektors Gerhard Randa kamen im schriftlichen Nachlass von Praschak nicht gut weg. Zurück blieb das persönliche Vermächtnis eines Sekretärs, der nicht mehr im Sinne des Systems funktionierte. Bis heute produziert jede Regierung wiederum eine Unzahl solcher Sekretäre. Und nicht alle funktionieren auf ewig. Nach dem Freitod seines Ex-Parteifreundes Praschak war der Weg frei, und Rudolf Scholten zog als Vorstand in die Kontrollbank ein – eine Position die er bis heute innehat.

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