Fall Kampusch: Zeugin beharrt auf zweitem Täter

22. Dezember 2011 - 6:39

 

Der mutmaßliche Entführungsfall Natascha Kampusch könnte zum größten Justizskandal der Zweiten Republik werden. Ein brandaktueller Medienbericht in der Tageszeitung Kurier lässt jetzt eine Bombe ungeahnten Ausmaßes hochgehen. Die Tatzeugin Ischtar A. bleibt auch drei Jahre nach ihrer polizeilichen Befragung dabei, neben Wolfgang Priklopil noch einen weiteren Entführer gesehen zu haben.

Niemals habe sie gemeint, sie hätte sich geirrt haben können, wie die Justiz in ihrer Begründung für die Einstellung des spektakulären Falles Anfang 2010 erläutert hatte. Laut Kurier-Recherchen aus dem Umfeld von Innsbrucker Justizkreisen, wurde Ischtar A. von den Behörden sogar permanent unter massiven Druck gesetzt. Niemandem durfte sie etwas über den mutmaßlich zweiten Täter erzählen – auch nicht ihrem Arzt oder ihrem Psychologen.

Zweiter Täter "schlecht für den Fall"

Zur Zeit der Entführung am 2. März 1998 war Ischtar A. eine 12jährige Schülerin. Sie soll gesehen haben, dass ein Täter am Steuer des Kastenwagens gesessen ist, während ein anderer die damals 10jährige Natascha Kampusch ins Wageninnere gezerrt hat. Diese Version wiederholte sie zwischen 1998 und 2009 sechs weitere Male vor der Polizei. Zuletzt am 29. Juli 2011 auch vor dem Gericht in Innsbruck. Dort stellte sich auch heraus, dass die mittlerweile 25jährige Tatzeugin mehrfach von Polizisten als Lügnerin hingestellt worden ist. Polizisten hätten ihr gesagt, dass sie niemandem von zwei Tätern erzählen dürfe, weil dies „schlecht für den Fall“ sei. Diesbezüglich hätte sie auch etwas unterschreiben müssen.

Auch die Staatsanwaltschaft ist seit Jahren bemüht, die Ausführungen der Ischtar A. zu bagatellisieren – es könne sich um eine Vermischung aus Fantasie und Realität handeln, heißt es in einer jüngsten Begründung. Dabei steht diese Theorie in krassem Widerspruch zu den Ergebnissen der Kampusch-Evaluierungskommission, die sich unter der Leitung der ehemaligen Höchstrichter Ludwig Adamovich und Johann Rzeszut höchst kritisch mit der seltsamen Arbeitsweise der Staatsanwaltschaft auseinander gesetzt hat – und die stets die Mehrtätertheorie vertreten hat. Die neuen Erkenntnisse rund um die so wichtige Zeugin bestätigen diesen Eindruck. Ischtar A. wirkt eingeschüchtert, hat noch immer Angst vor einem zweiten, frei herumlaufenden Täter, den sie kurz nach dem Wiederauftauchen des mutmaßlichen Entführungsopfers im Tatrekonstruktionsvideo mit Stoppelglatze beschrieb.

FPÖ: Untersuchung im Parlament gefordert

Für FPÖ-Obmann HC Strache wird immer offensichtlicher, dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu dieser Causa nach Abschluss des Unterausschusses unumgänglich sein wird. „Alleine die Tatsache, dass eine Zeugin sowohl von Polizei als auch von der Staatsanwaltschaft unter Druck gesetzt wird, um nur ja fall-konform auszusagen, spricht bereits Bände. Interessant wird die gesamte Causa auch, wenn man bedenkt, dass sowohl die Rechtsvertretung Kampusch als auch die Staatsanwaltschaft unter dem Dach des BSA (Bund Sozialistischer Akademiker, Anm.) und damit der SPÖ zu Hause ist und von Unabhängigkeit damit überhaupt nicht mehr zu sprechen ist“, so Strache.

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