Sloterdijk: Der Schuldner ist immer der Schuldige

SloterdikIn den Tagen rund um Weihnachten findet sich dann und wann Zeit für Texte, die über die tagesaktuelle Berichterstattung hinausgehen. Ein solcher ist das Interview, das der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk jüngst dem Handelsblatt gegeben hat. Virtuos gelingt es ihm, das System zu erklären, das uns in die Finanz- und Schuldenkrise geführt hat. Unzensuriert.at greift die wichtigsten Gedanken Sloterdijks auf.

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Peter Sloterdijk erkennt einen moralisch-ökonomischen Super-GAU.
Foto: Rainer Lück http://1RL.de / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Mit Bewegungen wie „Occupy Wall Street“ kann der Philosoph wenig anfangen, denn:
Zunächst mal ist immer der Schuldner der Schuldige. Insofern wäre es gut, gegenüber jeder Bankfiliale ein Rechtsanwaltsbüro mit Spezialisierung auf Eintreibung von Schulden einzurichten, um den Leuten, die mit Krediten aus der Bank kommen, die Zusammenhänge klarzumachen.

Dieser Zusammenhang zwischen Schulden und Schuld erkennt Sloterdijk als Spezifikum der deutschen Sprache:
Die deutsche Sprache ist in diesen Dingen sehr deutsch, sie liefert uns diese Gedanken frei Haus. Wir sollten sie nicht tadeln für etwas, das zu ihren Vorzügen gehört, nämlich dass sie einen anderswo verdeckten Zusammenhang leicht greifbar macht. Wenn Sie auf Englisch „debt“ und „guilt“ sagen, dann fällt einem nichts auf, und in den lateinischen Sprachen funktioniert das Spiel sowieso nicht.

Regierungen verpfänden Luft, Banken atmen tief durch

Weil aber die Schuldner sich immer öfter schuldig machen „im Sinne des Zins-und-Summe-schuldig-Bleibens“, sei es von entscheidender Bedeutung, dass der Gläubiger über Pfandklugheit verfüge:
Und an genau dieser fehlt es heute. Die Regierungen verpfänden die Luft über ihrem Staatsgebiet, und Banken atmen tief durch. Wenn man es sich recht überlegt, ist das haarsträubend. Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen, möglicherweise vergleichbar mit dem moralisch-ökonomischen Super-GAU der Jahre 1922/23, der Hyperinflationszeit.

Bei den USA denkt längst keiner mehr an Schuldentilgung

Bei vielen Kreditnehmern sei es so, dass von Anfang an keine Tilgungsabsicht bestünde. Dies vor allem auch bei den größten Schuldnern wie den Vereinigten Staaten von Amerika:
Bei ihnen denkt seit langem niemand mehr darüber nach, wie man die Staatsschuld tilgen könnte. Zwar reden viele vom Sparen, aber im heutigen Sprachgebrauch meint das, die Neuverschuldung zu verringern. Meine Großmutter hat den Begriff des Sparens noch ganz anders interpretiert.

Im ersten Teil des Handelsblatt-Interviews also ein glatter Freispruch für die Banken. Dennoch hätte ihre Spekulationswut nicht weiter angefacht werden dürfen, sagt Sloterdijk. Welche Fehler die Zentralbanken in der Krise gemacht haben, lesen Sie morgen.

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