Sloterdijk: Steuerzahlen als eine Frage der Ehre

SloterdikIn seinem bemerkenswerten Interview im Handelsblatt nimmt der deutsche Philosoph auch zur Frage Stellung, wie die Staaten aus dem Schlamassel herausfinden könnten, in den sie sich durch übermäßige Schuldenpolitik selbst hineingeritten haben. Die Antwort klingt einfach: Die Steuerzahler müssen höher geachtet werden, dann zahlen sie auch mehr – und das sogar freiwillig.

Sloterdik

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Peter Sloterdijk glaubt an die Bereitschaft der Reichen, mehr zu zahlen.
Foto: Rainer Lück http://1RL.de / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Es ist für gewöhnlich die Linke, die nach höheren Steuern und einem stärkeren Staat verlangt. Doch sie hat nicht recht, stellt Sloterdijk fest:

Die Linke kann leider nicht recht haben, weil sie keine neue Idee in die Debatte eingeführt hat. Sie wiederholt nur erschöpfte Ideen: Man muss es mit Gewalt bei denen holen, die es haben.

Gewalt sei jedoch der falsche Weg. Man müsse vielmehr auf den Gemeinsinn der Reichen setzen:

Wir müssen die gesamte Sphäre der öffentlichen Finanzen in eine Ehrenangelegenheit umwandeln. Das ist psychopolitisch ein sehr anspruchsvolles Manöver, so was dauert gut und gern hundert Jahre. […] Die Einzigen, die bewiesen haben, dass der Bürgersinn den Staat wie nebenbei tragen kann, sind die Schweizer.

Höhere Anerkennung der Steuerzahler lindert ihr Leiden

Um auf diesen Weg zu gelangen, sei eine „psychopolitische Wende“ nötig. Man dürfe den Menschen nicht als asoziales Wesen begreifen, wie dies beispielsweise Thomas Hobbes oder Arthur Schopenhauer taten:

Wenn wir bei den „Moral Sense“-Philosophen, aus denen die Nationalökonomie hervorgegangen ist, bei den Schotten, bei Adam Smith und bei Lord Shaftesbury nachschlagen, […] bekommt man ein völlig anderes Bild. Shaftesbury lehrte und praktizierte einen Enthusiasmus der Geselligkeit.

Dabei sei es, wie Sloterdijk ausführt, gar nicht nötig, das Steuersystem tatsächlich auf Freiwilligkeit umzustellen. Es genüge schon eine wertschätzendere Sprache:

Menschen in einer Fiskaldemokratie, in der verschleppte Elemente aus dem Absolutismus weiterleben, sind ja ohnehin daran gewöhnt, als Geber in Anspruch genommen zu werden. Sie würden also nicht mehr leiden, als sie jetzt leiden, wenn wir von der offiziellen Seite her eine neue Sprachregelung zur Lenkung der öffentlichen Emotionen einführen, in der es heißt: Alles, was wir in die Gemeinwesenkasse einzahlen, sind ab heute keine Steuern mehr, sondern Gaben des Bürgers. Dass es künftig Gaben sind, ändert nichts an ihrem verpflichtenden Charakter.

Warren Buffet und die Sozialdemokratisierung der Milliardäre

Dass die Bereitschaft für höhere Gaben insbesondere bei den wirklich Reichen vorhanden sei, würden die Entwicklungen in den USA zeigen. Sloterdijk spricht von einer beginnenden „Sozialdemokratisierung der Milliardäre“:

Sozialdemokratie lebt von der einfachen Formel: die Hälfte für die Gemeinschaftskasse. Mir haben die Ohren geklingelt, als ich Warren Buffett reden hörte, denn er und seine Mitstreiter scheinen genau diese Zahl im Bewusstsein zu haben. Offenbar sind in den Köpfen amerikanischer Milliardäre die Botschaften der 50-Prozent-Logik angekommen. Und hier laufen all diese Plattfußpsychologen herum und sprechen immer noch die Sprache der Drohung, wenn es um Steuererhöhungen geht.

Griechen wurden von Türken orientalisiert

Ein anderes Land hingegen, wendet der Interviewer ein, sei derBeweis dafür, dass die Reichen nicht freiwillig zahlen: das moderne Griechenland. Griechenland lebe ja quasi dieses Modell eines abstinenten Staates, der die Steuern zwar verlangt, aber nicht eintreibt. Auch dafür hat Sloterdijk eine Erklärung:

Die Idee des Staates ist in Griechenland noch gar nicht angekommen. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn die Leute sagen, Griechenland sei die Wiege der Demokratie. Das reale Griechenland ist eine psychopolitische Ruine, in der eine vierhundertjährige türkische Besatzung einen Bodensatz an Resignation, an Privatismus, an Schlaumeierei, an Staatsferne hinterlassen hat. Man denkt da an einen Satz von Joseph de Maistre über die Türken in Griechenland. Die hatten übrigens genügend Zeit, Europäer zu werden, als sie 400 Jahre auf europäischem Boden saßen. Aber was geschah? Die Griechen wurden orientalisiert, es misslang ihnen, die Türken zu okzidentalisieren.

Lesen Sie morgen: Sloterdijk über die EU und ihr Demokratiedefizit.

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